Gesundheit : Neugeborenen-Chirugie: Die Diagnose vor der Geburt, die Operation gleich danach

Rosemarie Stein

"Egal, ob Knöpfe oder Reißverschluss: Wir wollten das ungeborene Kind, wenn es krank war, kennen lernen und nach Möglichkeit behandeln", sagte der Charité-Kinderchirurg Harald Mau. Aber der Mutterleib hat nun mal weder Reißverschluss noch Knöpfe. Hinein zu schauen, um den Fetus auf Fehlbildungen zu untersuchen und die Möglichkeit einer frühzeitigen Behandlung zu prüfen - das blieb lange ein Wunschtraum der Kinderchirurgen und der Neonatologen, der Spezialisten für die Therapie kranker Neugeborener. Doch dann entwickelte sich die Pränatale Diagnostik, die Untersuchung des Ungeborenen bei Risikoschwangerschaft, wie Mau bei einem wissenschaftlichen Symposium an der Charité ausführte. Es fand zu Ehren des Neonatologen Ludwig Grauel statt, der nach 40 Jahren Arbeit an der Charité emeritiert und mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.

Neben anderen vorgeburtlichen Untersuchungen gehört auch das Ultraschallverfahren zur Pränatalen Diagnostik. Dadurch wurde es möglich, den Fetus fast so genau auf sichtbare Anomalien zu untersuchen, als könne man den mütterlichen Bauch tatsächlich per Reißverschluss öffnen. Das erste Ultraschallgerät, mit dem ein Charité-Patient untersucht wurde, war eigentlich dazu bestimmt, die Dicke des Halsspecks bei Mastschweinen festzustellen.

Harald Mau, der seinen Vortrag auch mit eigenhändigen Cartoons belebte, fügte dieser Randarabeske eine zoologisch passende zweite hinzu: Den ersten Kaiserschnitt in Deutschland führte vor 500 Jahren ein Schweinebeschneider aus, um seine Frau vom sechsten Kind zu entbinden. Das gelang ihm so gut, dass sie noch einmal sechs Kinder bekam und erst mit 79 Jahren starb.

Die bildgebende Pränatale Diagnostik revolutionierte die Neugeborenen-Chirugie. Vorher waren die Ärzte von der Geburt eines Kindes mit Fehlbildung überrascht worden. Wenn sich zum Beispiel der Darmausgang als verschlossen oder umgekehrt die Bauchdecke als offen erwies, so dass die Eingeweide hervorquollen, dann erforderte ein sofortiger Eingriff eine perfekte Organisation.

Heute wissen die Ärzte vorher, was auf sie zukommt: Die Operation kann strategisch sorgfältig geplant werden und hat daher viel mehr Aussicht auf Erfolg. Wenn ein Risiko für Mutter oder Kind erkannt ist, wird die Schwangere in einem gut ausgerüsteten Zentrum entbunden. In solchen Kliniken sind Spezialisten für Perinatalmedizin (die Heilkunde "um die Geburt herum") so gut aufeinander eingespielt, dass Mutter und Kind bestmöglich behandelt werden.

Wie Mau berichtete, war schon Anfang der 80er Jahre an der Charité die pränatale Diagnostik Kernpunkt einer interdisziplinären Arbeitsgruppe "Perinatale Medizin" geworden. Geburtshelfer, Neonatologen, Kinderchirurgen, Radiologen, Labormediziner und andere Spezialisten berieten jeden einzelnen Fall eines kranken oder fehl gebildeten Fetus und legten das beste Vorgehen fest. Ausdrücklich hob Mau die keineswegs selbstverständliche, gute Zusammenarbeit der verschiedenen Fachvertreter hervor. Er dankte dafür besonders Ludwig Grauel, der mit seinem Fach ganz wesentlich zum Ruf der Charité beigetragen habe.

Bei dem Begriff "Pränatale Diagnostik" denkt man oft an Schwangerschaftsabbruch. Sie kann aber umgekehrt in Risikofällen auch Sicherheit geben, so dass eine Frau mit Recht "guter Hoffnung sein kann", ein gesundes Kind zu gebären, sagte Mau. Aus kinderchirurgischer Sicht ist die Verbesserung der Behandlungsstrategie der größte Nutzen des Erkennens von Anomalien schon am Ungeborenen. Sie können dann nach der Geburt zum günstigsten Zeitpunkt operativ behandelt werden.

Spektakulärer ist zwar die Fetalchirurgie, also der Eingriff am Kind im Mutterleib. Die damit verbundenen Hoffnungen hätten sich aber bis heute nicht erfüllt, meinte der Kinderchirurg. Die Risiken lassen sich nicht völlig beherrschen, und auch eine Operation bereits des Fetus ist nur eine Behandlung des sichtbaren Symptoms und nicht der Ursache. Denn eine Fehlbildung kommt selten allein. Oft ist sie Zeichen einer Entwicklungsstörung, die auch zu anderen Anomalien führt. Nach ihnen muss man fahnden. Unter Umständen lassen sie sich ebenfalls behandeln.

Oft sind Anomalien aber mit dem Leben nicht vereinbar und führen zum Absterben des Fetus. Mau ließ einen Doktoranden 21 600 Schwangerschaften zwischen 1984 und 1996 auswerten. Darunter waren 1574 Fälle mit pränatalen kinderchirurgisch relevanten Diagnosen. 1077 dieser Fälle konnten weiterverfolgt werden. Es kam zu 225 Aborten und 66 Totgeburten. Aber 786 Kinder wurden lebend geboren. Am häufigsten unter den 1077 Anomalien waren Harnwegsfehlbildungen (693), Zwerchfelldefekte (48) und Bauchspalten (65). Alle diese Fehlbildungen lassen sich heute chirurgisch recht gut behandeln. Selbst alle lebend geborenen Kinder mit teils schweren Bauchwandanomalien wurden operiert. 26 von ihnen blieben dank des Eingriffs am Leben.

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