Gesundheit : Nicht allen Fragen allein mit Freundlichkeit begegnen

Roland Löffler

Christlich-jüdische Beziehungen - Studierende im Alter zwischen 23 und 78Roland Löffler

"Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", sagt Edward Kessler. Der Executive Director und Mitbegründer des seit gut einem Jahr bestehenden Centre for Jewish-Christian Relations (CJCR) schaut von seinem überfüllten Schreibtisch auf den kurzgeschnittenen Rasen im Innenhof des Wesley House in Cambridge. Bevor er weiter erzählen kann, klingelt das Telefon. "Hier ist immer viel los. Aber Kontakte zu pflegen, das ist halt wichtig", erklärt der energische und stets diskussionsfreudige jüdische Theologe. Neben der kürzlich abgeschlossenen Promotion hat Kessler zusammen mit Martin Forward, dem Academic Dean des methodistischen Wesley House, die Institution aufgebaut. Sie ist die einzige wissenschaftliche Einrichtung auf der Insel, in der man akademische Grade wie Master und Diploma ausschließlich für die Beschäftigung mit christlich-jüdischen Beziehungen erwerben kann.

Der Plan zur Gründung einer akademischen Studieneinrichtung kam Kessler und Forward im Laufe ihres Engagements im christlich-jüdischen Dialog. Beide stellten fest, wie gering die Kenntnisse der jeweils anderen theologischen Traditionen und Denkweisen sind. "Auch an den Universitäten gibt es nur wenig Seminare, in denen speziell die christlich-jüdischen Beziehungen behandelt werden", sagt Forward.

Mit neun Studenten - im Alter zwischen 23 und 78 Jahren - startete im September 1998 das erste Studienjahr. Zudem seien 70 Studenten zu Wochenendseminaren oder Tageskonferenzen gekommen, erklärt die Dozentin Melanie Wright. "Seit dem Frühjahr bieten wir auch Fernkurse an." Das Kursangebot umfasst Seminare zur biblischen Exegese, zur Antisemitismusforschung, zu christlichen und jüdischen Antworten auf den Holocaust, zur Geschichte und Theologie der jüdisch-christlichen Beziehungen. Dass die akademische Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht im Mittelpunkt des Studienangebots steht, war Kessler und Forward von Anfang an ein Anliegen: "Natürlich ist der Holocaust ein unglaublich wichtiges Thema, aber er ist nicht der einzige Gegenstand der jüdisch-christlichen Beziehungen", erklärt Kessler, der bisher am jüdischen Leo Baeck-College in London unterrichtete. "Aber ich weiß, daß ich damit auch unter Juden eine Minderheitsmeinung vertrete."

Der erste russisch-orthodoxe Austauschstudent, bisher am St. Andreas Seminar in Moskau immatrikuliert, ist Gleb Yastrebov. Er hat sich auf exegetische Fragen konzentriert und am CJCR das Konzept der "Gerechtigkeit durch Glauben" bei Paulus und in den Qumran-Schriften verglichen. Das CJCR erfüllt für ihn eine wesentliche Aufgabe, "denn wir Christen können noch eine Menge von unserem älteren Bruder lernen."

Rabbi Avrum Ehrlich von der israelischen Ben-Gurion-Universität hat am CJCR sein Sabbatjahr verbracht. Er schätzt besonders, dass "sich hier Menschen aus unterschiedlichen Traditionen mit klaren theologischen Positionen begegnen, die Fragen nicht übergehen oder allein durch Freundlichkeit zu lösen suchen." Diese Atmosphäre habe ihn herausgefordert, die jüdische Geschichte aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen.

Da Cambridge ein traditionsreicher Ort für das christlich-jüdische Gespräch ist - schon seit dem 19. Jahrhundert besteht an der Faculty of Divinity eine Dozentur für Talmudistik und rabbinische Literatur - begann das jüdisch-methodistische Duo dort vor zweieinhalb Jahren Kontakte zu knüpfen. Für das Academic Advisory Committee gewannen sie von der Universität Cambridge den anglikanischen Theologie-Professor David Ford und den Judaisten Rabbi Nicholas de Lange, 1995/96 Gastprofessor an der Freien Universität Berlin, zudem den Griechisch-Orthodoxen Bischof von Oxford, Kallistos Ware und den Vordenker der konservativen Juden in England, Rabbi Louis Jacobs. Dann gelang es Kessler und Forward, den Council of Christians and Jews und die Cambridge Theological Federation, einen ökumenischen Zusammenschluss von sechs theologischen Colleges, von ihrer Idee zu überzeugen. Dass die Zusammenarbeit mit der Federation gelang, freut Kessler, weil es ihm vor allem darum geht, die künftigen Meinungsmacher und Entscheidungsträger auf christlicher wie auf jüdischer Seite für das Gespräch zu sensibilisieren - "und das sind nicht zuletzt die in Cambridge ausgebildeten Pfarrer."

Trotz des positiven Echos in der britischen Öffentlichkeit sind die Finanzen noch immer "ein großer Brocken Arbeit", sagt Kessler. "Fund Raising" sei in den kommenden die wichtigste Aufgabe, denn das CJCR lebe fast ausschließlich von der finanziellen Unterstützung durch Wohltätigkeitsorganisationen und wohlhabenden Privatleuten.

Wie in Großbritannien üblich, erhebt das CJCR Studiengebühren. 2500 Pfund kostet der Masterkurs, 2000 Pfund für das Postgraduate Diploma. Voraussetzung für die Bewerbung am CJCR sind mindestens ein abgeschlossenes Grundstudium in Theologie oder Judaistik oder ein abgeschlossenes Studium in einem verwandten Fach und Grundkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs. Die Anerkennung der Abschlüsse hat das CJCR durch die Zusammenarbeit mit der Anglia Polytechnics University sichergestellt.Kontakt: The Centre for Jewish-Christian Relations, Wesley House, Jesus Lane, UK-Cambridge CB5 8BJ. Website:

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