Gesundheit : Nicht die Worte sind ein Problem, sondern deren Bedeutung - Deutsch ist noch immer eine geteilte Sprache

Daniel D. Eckert

Seit der Zementierung der politischen Teilung durch die Gründung zweier deutscher Staaten im Jahr 1949 wurde beiderseits der Grenze immer wieder die Frage erhoben: Folgt auf die ideologische nun die sprachliche Spaltung? Vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren schlugen die Wellen hoch. Im Westen klagte man, die gemeinsame Sprache werde im Osten zu einem "Sowjetdeutsch" verhunzt. Die DDR dagegen sah das Deutsche der Bundesrepublik den "aggressiven Kräften des Imperialismus" ausgeliefert. Und noch in den achtziger Jahren pochte ein Leipziger Linguist auf die Eigenständigkeit des DDR-Deutschen, die sich aus der "Ausbildung der sozialistischen Nation" ergebe.

Mit dem Fall der Mauer schien diese Debatte auf einen Schlag beendet. Von zwei deutschen Sprachen oder zwei gesonderten Varianten des Deutschen redete nun niemand mehr. Und tatsächlich; die große Mehrzahl der ein- bis zweitausend in der DDR geprägten "Neologismen" (Wortneuschöpfungen) verschwand quasi über Nacht. Mit den Institutionen der DDR-Gesellschaft gingen auch die Wörter, die sie bezeichneten. Wer verwendet heute noch die Abkürzungen EOS, LPG und VEB? In welchem Zeitungstext taucht noch "Politbüro" oder "Fünfjahresplan" auf?

Doch wer nun geglaubt hatte, das Thema sprachliche Spaltung sei vom Tisch, hatte sich getäuscht. Das zeigen aktuelle Forschungen der Soziolinguistik, jenes Zweiges der Sprachwissenschaft, der sich mit dem Zusammenspiel von Sprache und gesellschaftlichem Leben beschäftigt. Es sieht ganz so aus, als sei die in vierzig Jahren gewachsene "Sprachmauer" (so auch der Titel eines kürzlich erschienenen Buchs) schwerer abzutragen, als viele dachten. Deutsch-deutsche Kommunikationsschwierigkeiten rühren nicht so sehr daher, dass Ost- und Westdeutsche unterschiedliche Ausdrücke für die gleiche Sache gebrauchen (Broiler statt Brathähnchen zum Beispiel); sondern daher, dass sie mit denselben Wörtern Unterschiedliches meinen!

"Die rote Socke wollen wir nicht"



"Plaste und Elaste sind nicht das Problem", sagt Norbert Dittmar von der Freien Universität (mit einem Seitenblick darauf, auf welche Weise sich die Medien des Themas annehmen.) Der Soziolinguist hat herausgefunden, dass Missverständnisse und Konflikte zwischen Ost und West häufig aus dem Aufeinandertreffen verschiedener "Konnotationen" erwachsen. Konnotationen, das sind die schwer fassbaren Nebenbedeutungen, die den meisten Wörtern anhaften und die in Unterhaltungen immer unterschwellig mitschwingen.

Ruth Reiher, Professorin für deutsche Sprache der Gegenwart an der Humboldt-Universität schildert den Fall einer ostdeutschen Arbeitssuchenden. Der war trotz guter Qualifikationen eine Stelle verweigert worden, weil sie in ihrem Bewerbungsgespräch mehrmals das Wort "Kollektiv" fallen gelassen hatte. Daraufhin hatte sich der Personalchef aus dem Westen empört: "So eine rote Socke wollen wir hier nicht." Ein klassisches Beispiel für eine "interkulturelle" Fehleinschätzung. Was der Manager nicht berücksichtigt hatte: Für viele Ostdeutsche ist der Ausdruck "Kollektiv" keineswegs ein ideologisch gefärbter Kampfbegriff. Vielmehr verbinden sie damit durchaus positive Vorstellungen wie gute Zusammenarbeit und kollegiales Miteinander. Hätte die Bewerberin statt "Kollektiv" "Team" gesagt, wäre wohl alles in Ordnung gewesen.

Umgekehrt sind Wörter wie "Karriere" oder "Individualismus" für viele aus dem Osten negativ konnotiert. Die Wendung "Karriere machen" wurde dort eher im Sinne von "rücksichtslos karrieristisch sein" aufgefasst. Sogar Ruth Reiher gibt zu, dass sie noch heute ein wenig schlucken muss, wenn man sie eine "Karrierefrau" nennt.In der konkreten Gesprächssituation sind manche Wörter also "falsche Freunde"; fast wie bei einer Fremdsprache. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der englische Ausdruck "gift", der gerne mit deutsch "Gift" wiedergegeben wird, in Wirklichkeit aber "Gabe" oder "Geschenk" bedeutet.

Neben den "falschen Freunden" gibt es freilich noch andere Faktoren, die die deutsch-deutsche Verständigung behindern. Verglichen mit ihren westdeutschen Landsleuten tun sich Ostdeutsche oft schwer damit, ihre persönlichen und beruflichen Qualitäten sprachlich hervorzuheben. "Sie hatten nicht gelernt, sich mit allen positiven Seiten zu präsentieren", erklärt Ruth Reiher - ein beträchtliches Handicap im gesamtdeutschen Wirtschaftsleben. Außerdem sind sie in ihrem Sprachverhalten merklich konfliktscheuer als die Westdeutschen. Diese Tendenz will die Soziolinguistin bis hinein in die ostdeutschen Landesparlamente beobachtet haben.

Auf interessante Weise beeinflusste die politische Teilung auch die Einstellung zur Berliner Mundart. Während der Dialekt im Westen der Stadt zurückgedrängt wurde, blühte er im Osten regelrecht auf. Warum? "Als Sprache der Arbeiter war das Berlinische in der DDR gesellschaftsfähig", erläutert Norbert Dittmar, der die Entwicklung seit über zwanzig Jahren verfolgt. Ost-Berlin besaß zudem ein sprachliches Umland und in Frankfurt an der Oder und Prenzlau wird stärker "berlinert" als in Berlin selbst. Im Gegensatz dazu verzeichneten die westlichen Bezirke einen beachtlichen Bevölkerungszuzug aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und anderen Ländern der Bundesrepublik, was zwangsläufig dazu führte, dass sich der Dialekt verwässerte.

Und woher kommt die Abneigung gegen das Sächsische, das nach wie vor die Liste der unbeliebtesten deutschen Dialekte anführt? "Loyale Kader redeten in Berlin oft Sächsisch oder zumindest das, was die Berliner dafür hielten", erläutert Norbert Dittmar. Das rührte daher, dass vor allem linientreue Sachsen und Thüringer in die Hauptstadt geholt wurden. Die berlinische Mundart bot sich da als regelrechte "Gegensprache" an. Im Gegenzug kam das Berlinische in Dresden und in Leipzig nicht sonderlich gut weg. "In der Mangelgesellschaft DDR ging vieles in die Hauptstadt", erinnert sich Ruth Reiher, "das verstärkte die ohnehin vorhandenen Animositäten zwischen Berlin und Sachsen." In Ost-Berlin war das Sächsische dermaßen stigmatisiert, dass Kinder zugezogener Eltern aus dem Süden der DDR ihren alten Dialekt binnen kürzester Zeit ablegten und anfingen zu berlinern. Es ist also eine Ironie der Geschichte, wenn in Film und Fernsehen ausgerechnet jene Mundart, die in der "Hauptstadt der DDR" geradezu geächtet war, neben dem Trabbi zum Haupterkennungsmerkmal des Ossis erkoren worden ist.

Und wie sieht die Zukunft der geteilten Sprache aus? Wird man in 50 Jahren noch immer von "BRD- und DDR-Deutsch" reden? Wohl kaum. "Insgesamt wird eine weitere Anpassung stattfinden", ist sich Norbert Dittmar sicher. Zumindest sprachlich dürfte die Spaltung auf absehbare Zeit überwunden sein. Wieder wichtiger werden dafür wahrscheinlich die regionalen Umgangssprachen: Linguistisch betrachtet gibt es dann keine Ossis und Wessis mehr, sondern Bayern, Berliner und - Sachsen.



Norbert Dittmar und Ursula Bredel: Die Sprachmauer. Die Verarbeitung der Wende und ihrer Folgen in Gesprächen mit Ost- und WestberlinerInnen. Weidler Buchverlag, 39 Mark

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