Gesundheit : „Nicht jeder soll vom Bachelor zum Master wechseln“

Je höhere Anforderungen eine Uni stellt, um so größer wird ihr Renommee sein, meint Wissenschaftsminister Frankenberg

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Im September muss Deutschland vor den Bildungsministern aus Europa Rechenschaft ablegen, welche Fortschritte es auf dem Weg zu einem europäischen Hochschulraum erreicht hat. Glauben Sie, dass die Bilanz positiv ausfällt oder eher enttäuschend?

Ich glaube, dass die Bilanz eher positiv ausfällt, wenn man die besondere Ausgangslage von Deutschland in Betracht zieht. Deutschland ist in Europa eines der wenigen Länder mit einer Monostruktur im Studium gewesen, hat aber inzwischen viele Studiengänge mit der zweistufigen Struktur Bachelor und Master eingeführt. 1700 neue Studiengänge sind es zur Zeit. BadenWürttemberg hat davon 20 Prozent.

Brauchen wir nicht positive Vorbilder, die noch zögernde Hochschulen mitreißen?

In Baden-Württemberg sind wir besonders stark in den Fachhochschulen, wo bereits 50 Prozent der neuen Studiengänge angeboten werden. Bei den Universitäten will Konstanz in den nächsten Jahren komplett umstellen und die Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften in Karlsruhe hat das schon getan. Wir brauchen diese Durchbrüche, damit wir bei den neuen Studiengängen in der Quote rasch hochkommen. Wir müssen die Parallelität der neuen Studiengänge mit den alten Diplom- und Magisterstudiengängen überwinden.

Ist Deutschland so weit, wie es sein könnte?

Wir hätten in manchen Bereichen wie den Geisteswissenschaften den Magister schneller auf Bachelor und Master umstellen können. Dort haben wir nicht die Akzeptanzproblematik wie bei den Ingenieurwissenschaften, die am Diplomingenieur hängen oder bei den Studiengängen, die mit dem Staatsexamen abschließen.

Sind wir bei der Akkreditierung der neuen Studiengänge auf dem Stand des Möglichen?

Es ist nicht zu übersehen, dass wir bei der Akkreditierung der neuen Studiengänge einen Stau haben. Die wichtigste Aufgabe ist es, jetzt die Abnehmer der Studenten, die Arbeitgeber, von der Qualität der neuen Studiengänge zu überzeugen. In Baden-Württemberg haben wir gemeinsame Veranstaltungen mit der Wirtschaft eingerichtet, um die mittleren und kleinen Unternehmer auf die Qualität der neuen Abschlüsse hinzuweisen. Durch die verbindliche Erklärung im Anhang der Zeugnisse, dem Diploma Supplement, kann nachgewiesen werden, was in den neuen Studiengängen gelernt worden ist. Wir müssen die Wirtschaft davon überzeugen, dass die Akkreditierung der neuen Studiengänge gleichzeitig ein Gütesiegel ist.

Die Kultusministerkonferenz hat empfohlen, zum Jahr 2010 möglichst flächendeckend auf die neuen Studiengänge Bachelor und Master umzustellen. Gibt es Chancen, dass einzelne Länder eine frühere Umstellung schaffen?

Das Jahr 2010 ist ein ehrgeiziges Ziel. Die Länder müssen diese Zeit voll nutzen. In Baden-Württemberg wollen wir bis dahin weitestgehend auf Bachelor und Master umstellen. Die Geisteswissenschaften müssen dabei vorangehen, weil dort die Studienzeiten besonders lang sind und durch die neuen Studiengänge wesentlich verkürzt werden können.

Nach dem Hochschulrahmengesetz sind die Hochschulen zuständig für die Einführung neuer Studiengänge. Was machen Sie als Wissenschaftsminister, wenn sich einzelne Hochschulen gegen die Umstellung auf möglichst viele neue Studiengänge wehren?

Wir werden keinen Zwang ausüben – es geht um die Motivation zur Reform. Wir könnten erst zu Vorgaben wie etwa Zielvereinbarungen greifen, wenn aus sachfremden Gründen nicht genügend Studiengänge umgestellt werden. Vom Jahre 2006 an könnte der kritische Zeitpunkt kommen, wo wir als Regierung stärker auf die Einführung von Bachelor und Master hinwirken. Sonst könnte es kurz vor dem Zieljahr 2010 zum Niagarafall-Effekt kommen. Das heißt zur überhasteten Einführung neuer Studiengänge. Ein solches überhastetes Massengeschäft in den letzten beiden Jahren vor dem Zielzeitpunkt wäre der Qualität abträglich.

Bayern hat auch für das Jahr 2010 Ausnahmen geltend gemacht, und zwar bei den bewährten Diplomstudiengängen. Damit kann man nicht mehr von einer flächendeckenden Einführung der neuen Studiengänge reden.

In den angelsächsischen Ländern gibt es den grundständigen Masterstudiengang an Research Universities – also nur an wenigen Forschungsuniversitäten. In diesem Sinne interpretiere ich die bayerischen Vorbehalte. Wäre es anders, würde man das Gesamtprinzip bei der Umstellung in Frage stellen.

Bei den Studiengängen, die mit dem Staatsexamen abschließen wie Medizin, Lehramt und Jura könnte es schwierig werden?

Das ist richtig. Nur verkennen diejenigen, die die neuen Studiengänge nicht wollen, dass ein Bachelor nicht die gleiche Qualifikation wie ein Staatsexamen bieten kann, aber die Voraussetzung für ein Weiterstudium zum Master schafft. Zum Beispiel kann ein Bachelor in Jura nicht den Volljuristen bieten wie der Student, der beide Staatsexamina bestanden hat. Aber ein Bachelorabsolvent in Jura könnte durchaus für ein Unternehmen rechtsberatend tätig sein. Bei einer zweistufigen Lehrerausbildung nach dem Muster Bachelor und Master stellt sich das Problem der Vereinbarkeit von Theorie und Praxis. Noch ist kein tragfähiges Modell dafür erfunden worden. Das Problem ist: Bildet man in der Bachelorphase erst in Erziehungswissenschaften, Psychologie und Didaktik aus und behält den fachwissenschaftlichen Teil dem Masterstudium vor, dann hieße das, Didaktik lehren zu wollen, bevor der Student die dazu gehörende Fachwissenschaft kennt. Auch in der Medizin ist eine vergleichbare Qualifikation, wie sie der Approbation zugrunde liegt, in drei Jahren nicht zu schaffen.

Zwischen dem Bachelor und dem Master soll es eine Zäsur geben. Bachelorabsolventen sollen nicht automatisch anschließend den Master machen dürfen, sondern vor dem Master soll eine Selektion stattfinden. Die Reformer möchten den Master einer Elite vorbehalten. Wie wird Baden-Württemberg vorgehen?

Das zu regeln, fällt in die Eigenverantwortung der Hochschulen. Die Regierung wird keine Übergangsquoten vorgeben. Aber einen automatischen Übergang vom Bachelor zum Master darf es nicht geben. Auch hier bin ich für Wettbewerb. Je höher eine Hochschule die Anforderungen für den Master setzt, um so größer wird das Renommee sein. Ich kann nicht jede Institution davor schützen, sich negativ zu entwickeln. Aber vielleicht stellt sich eines Tages die Frage, ob man eine schlechte Fakultät schließen muss.

Wie wollen Sie bei der Selektion für den Master in den Ingenieurwissenschaften verfahren, wo die Grundlegung in den Naturwissenschaften unentbehrlich ist und möglicherweise die Differenzierung in einzelne Ingenieurberufe erst im Masterstudium möglich ist?

Es stellt sich die Frage, ob ein Bachelor in den Ingenieurwissenschaften an einer Technischen Universität nach drei oder vier Jahren dasselbe bietet wie ein Diplom an einer Fachhochschule, das neben der theoretischen Ausbildung auch noch eine Praxisphase einschließt. Die Konkurrenz um das Profil zwischen den beiden Hochschularten ist programmiert. Was bedeutet diese Konkurrenz für die Masterstufe an den Technischen Universitäten? Das müssen wir zwischen den beiden Hochschularten verhandeln, um das unterschiedliche Profil herauszustellen. Außerdem haben wir auch noch ingenieurwissenschaftliche Studiengänge an den Berufsakademien. Dort müssen wir den Anschluss an den Master erreichen. Wir werden mit der Kultusministerkonferenz der Länder darüber verhandeln, dass der Bachelor an der Berufsakademie nicht zur Sackgasse wird.

Das Interview führte Uwe Schlicht

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