Notaufnahme : Wo das Unerwartete die Regel ist

Nirgendwo müssen Ärzte in so kurzer Zeit so flexibel sein wie in einer Notaufnahme. Unser Autor hat ihre Arbeit in der Rettungsstelle des Unfallkrankenhauses Berlin einen Tag lang begleitet.

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Mit professioneller Ruhe. Kai Dragowsky ist sechsmal im Monat in der Rettungsstelle des Unfallkrankenhauses im Einsatz. »Man...Foto: Björn Rosen

Der ruhige Moment des Tages kommt um 12.20 Uhr und dauert eine Viertelstunde. Kai Dragowsky sitzt in der Kantine des Unfallkrankenhauses Berlin in Marzahn vor seinem Mittagessen und einem Glas Cola. „Bei uns gilt der Grundsatz: Esse, wenn du essen kannst“, sagt er lächelnd, während er mit seiner Gabel im Putengeschnetzelten stochert. „Denn du weißt nie, was dich im nächsten Moment erwartet.“ Es ist Sonntag und Dragowsky – 39 Jahre alt, Brille, groß gewachsen – ist einer von vier Unfallchirurgen in der Rettungsstelle an diesem Tag. Rund sechsmal im Monat macht er das. Später wird er sagen, dass es ein gewöhnlicher, eher ruhiger Sonntag war – mit 118 Fällen in 24 Stunden.

Rückblende. Es ist 9.07 Uhr, als die alte und die neue Schicht in der Rettungsstelle wechseln. In Raum HO.15 im Erdgeschoss haben sich acht Ärzte um einen Tisch versammelt, auf dem eine Brotbüchse und ein Joghurtbecher liegen. Alle tragen weiße Kittel und Schuhe, so ist es Vorschrift. Der Getränkeautomat brummt leise vor sich hin. Melissa Beirau, seit dem Morgen des vergangenen Tages im Dienst, erklärt den Kollegen, die gerade gekommen sind, was in der Nacht passiert ist.

„Um 23 Uhr kam ein Patient, dessen Achillessehne gerissen ist. Er glaubt, ihm hat jemand beim Basketballspiel in die Wade getreten“, sagt sie. „Ist der Profi?“, will einer der Kollegen wissen. „Nein, rein privat.“ Dann erzählt Beirau von einer Frau, wahrscheinlich einer Alkoholikerin, die gestürzt ist, und von einem 19-Jährigen, der mit 1,9 Promille im Blut sein Auto gegen einen Baum gesetzt hat. Kai Dragowsky notiert sich alles auf einem Zettel und steckt ihn zu dem schnurlosen Telefon in seiner Brusttasche. Um sieben Uhr ist er aufgestanden. Von seinem Haus in Pankow braucht er mit dem Auto 35 Minuten bis zur Arbeit.

Sein Arbeitstag beginnt mit einer Visite auf der Intensivstation, anschließend geht es in Raum H0.18. Das Licht wird ausgeschaltet und zwei Beamer an der Decke werfen die Röntgenaufnahmen der Patienten, die in den vergangenen Stunden behandelt wurden, an die Wand. Dragowsky sitzt in der ersten Reihe und blickt auf die Bilder. Der Kopf des verunglückten 19-Jährigen ist darunter, auch die Folgen von Freizeitunfällen. Ein Mann hat sich den Finger beim Sägen verletzt, ein Judoka wurde vom Gegner zu hart angepackt. Die Zeiger der runden Uhr stehen auf 9.58 Uhr, als das Licht im Raum wieder angeht.

In die Rettungsstelle des Unfallkrankenhauses kommen Menschen aus der unmittelbaren Umgebung, aber viele Patienten werden auch mit dem Hubschrauber aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt eingeflogen. Der häufigste Knochenbruch, mit dem die Ärzte zu tun haben, ist der des Handgelenks. „Das passiert, wenn die Leute gestürzt sind oder sich falsch aufgestützt haben“, erklärt Dragowsky, während er durch die Flure des Krankenhauses läuft und den überdachten Innenhof links liegen lässt.

Eine Stunde später, kurz nach 11 Uhr: Im Warteraum der Rettungsstelle sitzen schon ein Dutzend Leute, der Monitor an der Wand zeigt Fernsehnachrichten. Daneben, im Untersuchungsraum eins, steht Assistenzarzt Michael Kähler – 33 Jahre, kurzes, schwarzes Haar – und betastet die Schultern eines Mannes. Der ist auf den Treppen eines S-Bahnhofs gestürzt und klagt über starke Schmerzen. „Für jeden Patienten brauchen wir mindestens zehn Minuten, oft mehr“, sagt Kähler. Kurz darauf wird eine Frau eingeliefert, die versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Kai Dragowsky hat währenddessen seinen Rundgang durch zwei der regulären Krankenhausstationen gemacht. An Sonntagen muss er diese Aufgabe parallel übernehmen. Jetzt, nach dem Mittagessen, stehen zwei Operationen für ihn an, die im zweiten Stock der Klinik durchgeführt werden. In einem Vorraum zieht er sich bis auf die Unterhose aus und legt dann die blaue OP-Kleidung an. Zuerst muss er die Haut an der Schulter einer älteren Frau öffnen und die Wunde um ihr künstliches Gelenk reinigen. Sie wird mit Kochsalzlösung ausgespült. Dann, gegen 14.30 Uhr, wird der Basketballspieler, von dem am Morgen die Rede war, operiert: Während der Patient narkotisiert auf dem Bauch liegt, widmet sich Dragowsky dem rechten Unterschenkel des Mannes, öffnet die Haut, vernäht die Achillessehne.

Im Erdgeschoss, hinter dem Empfangstresen der Rettungsstelle läutet indes das Alarmtelefon: „Christoph Berlin“, der rot-weiße Helikopter, der an der Klinik stationiert ist, bringt einen schwer verletzten 28-Jährigen, der bei einer Motorradfahrt im Umland verunglückt ist. Unter dem Lärm der Propeller landet der Hubschrauber um 15.19 Uhr auf dem Dach. Assistenzarzt Michael Kähler schiebt die Trage mit dem ins künstliche Koma versetzten Mann zum Fahrstuhl und bringt ihn vom Dach hinunter ins Erdgeschoss. Dort kommt er zunächst in den Schockraum der Notaufnahme. Umringt von acht Leuten, Pflegern und Ärzten, wird er beatmet, ein kurzer Check wird durchgeführt und dann eine Drainage gelegt. Das ist ein Schlauch, der das eingeschlossene Blut und die Luft der Brustkorbverletzungen nach außen leiten soll, damit der Druck innen nicht zu hoch wird. Anschließend geht es in den Nebenraum, dort wird der Patient in eine CT-Röhre geschoben. Alle Anwesenden schauen auf den Computermonitor, auf dem eine Innenansicht vom Kopf des Mannes in schwarz-weiß erscheint. „Er hat innere Quetschungen und Verletzungen, ein Schädel-Hirn-Trauma“, erklärt Kai Dragowsky. Dann geht es sofort in den Operationssaal.

Gegen halb sieben wird schon wieder ein Motorradfahrer eingeliefert. Dieses Mal ist es ein 32-Jähriger mit leichten Wunden am Unterarm. An einem schönen Wochenende, besonders im Sommer, wissen die Ärzte in der Rettungsstelle schon am Morgen, dass früher oder später ein, zwei Motorradfahrer kommen werden. Meist haben sie schwere Verletzungen, oft genug, weil sie beim Rasen ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Was denkt der Arzt, der so viele von ihnen behandelt und gerettet hat? „Ein bisschen Wut ist schon dabei“, sagt Kai Dragowsky, klingt aber ganz und gar nicht wütend. Der Mann ist die Ruhe selbst – und das hat ausgerechnet mit seinen Erfahrungen in der hektischen Rettungsstelle zu tun. „Man wächst hier mit den Aufgaben“, sagt er knapp. Und dass man als Arzt nirgendwo so viel lernen könne wie in einer Notaufnahme, und zwar sowohl medizinisch als auch menschlich.

Der Abend ist angebrochen und immer neue Patienten kommen ins Krankenhaus oder werden gebracht: Eine 57-jährige Frau ist umgeknickt und hat sich einen Knochen gebrochen. Ein kleines Mädchen, beim Rollerblade-Fahren gestürzt, kommt mit Schürfwunden am Arm und an den Beinen in die Klinik. Eine junge Frau, die knapp einer Vergewaltigung entgangen ist, wirkt geschockt. Erst gegen 1.30 Uhr legt sich Dragowsky schlafen, in einen kleinen Raum im ersten Stock, mit Bett, Waschbecken, Handtüchern. Aber schon um drei Uhr weckt ihn das Klingeln seines Telefons und er muss wieder aufstehen, wegen eines jungen Mannes mit einer Schnittwunde an der Hand.

Um fünf Uhr duscht sich Dragowsky, bald darauf steht die Übergabe an, die nächste Schicht übernimmt jetzt. Es ist 9.15 Uhr, als er nach Hause fahren kann. „Heute Mittag kann ich mich ein wenig hinlegen, aber schon um zwei muss ich meine Kinder von der Schule abholen.“

Was wird bleiben von den vergangenen 24 Stunden? Zwei, drei Fälle hafteten nach einem solchen Tag in seinem Gedächtnis, sagt Dragowsky. Über die besonders schockierenden redet er mit der Familie. Aber ansonsten ist die Arbeit in der Rettungsstelle, was sie sein muss: professionelle Routine. „Zufrieden bin ich“, sagt Kai Dragowsky, „wenn ich am Ende einer Schicht das Gefühl habe, alles Menschenmögliche getan zu haben.“ Es ist Montagmorgen, 9.22 Uhr, und Dragowsky hat dieses Gefühl.

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