Gesundheit : Notprogramm gefordert: "Die Katastrophe ist schon da"

Sabine Grotehusmann

Die Lage der wisschenschaftlichen Bibliotheken ist alarmierend - das meint der Deutsche Kulturrat. Gemeinsam mit Bibliothekaren traten die Vertreter des Spitzenverbands der Bundeskulturverbände deshalb gestern vor die Öffentlichkeit und forderten von der Bundesregierung und den Landesregierungen ein Notprogramm, mit dem die Etats der Hochschulbibliotheken für die Anschaffung von Büchern kurzfristig ausgeglichen und mittelfristig erhöht werden könnten.

Wegen der Preissteigerungen und der Euroschwäche seien die wissenschaftlichen Zeitschriften in den letzten drei Jahren um 30 Prozent teurer und damit für die Bibliotheken unbezahlbar geworden. Bundesweit sei deshalb im letzten Jahr damit begonnen worden, 30 Prozent der Zeitschriften abzubestellen. Nach Angaben von Christoph-Hubert Schütte, dem Direktor der Universitätsbibliothek Karlsruhe, haben die neun baden-württembergische Universitäten seit 1997 mehr als 800 Abonnements gestrichen. Die Bibliothek der Uni Karlsruhe selbst habe in diesem Jahr ein Defizit von 1,3 Millionen Mark. In Konstanz fehlten 250 000 Mark und in Freiburg 300.000 Mark.

Über die Situation in Berlin sagte Milan Bulaty von der Humboldt-Universität, schon jetzt könne die Stadt im internationalen Vergleich mit Paris, New York und Singapur nicht mehr mithalten: "Andere Länder wie Finnland oder Australien, deren Bruttosozialprodukt unter unserem liegt, pumpen intensiv Gelder in die Bibliotheken. Wir haben überhaupt keinen Stand mehr." Die Katastrophe sei schon da, pflichtete ihm Claudia Lux, Direktorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, bei. Aktuelle internationale Forschungsliteratur könne nicht mehr angeschafft werden. Besonders dramatisch wirkt sich die Lage nach Darstellung der Bibliothekare auf die Naturwissenschaften aus. Sinnvolles Forschen sei hier zum Teil kaum noch möglich, weil man besonders auf die anglo-amerikanischen Zeitschriften angewiesen sei, die nach dem Einbruch des Euro besonders viel kosteten.

Ein weiteres Problem stelle die Monopolstellung großer internationaler Verlage dar, die die Preise in die Höhe treibe. "Was dann einmal weg ist, ist nur sehr schwer wieder zu bestellen", klagte Georg Ruppelt, Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände. Von den Universitätsleitungen erwarten sich die Bibliothekare keine Hilfe: Ihr finanzieller Spielraum ist bereits viel zu eng geworden. Wer glaubt, dass das Internet die Notsituation beheben könnte, hat sich getäuscht. Für die Nutzung der Datenbanken müssen Lizenzverträge bezahlt werden, und das schon im voraus, wodurch schon der Erwerbungsetat vom nächsten Jahr stark belastet ist. In der Anwerbung von Sponsoren sehen die Bibliothekare auch keine Lösung: "Sponsoren fördern Besonderes, nicht die Grundlagen", stellte Georg Ruppelt fest. Die Bibliotheken als wichtiger Standortfaktor Deutschlands sollten in die Wirtschaftsförderung einbezogen werden, forderte Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat.

Die Bibliothekare hoffen nun auf Druck durch die Studentenschaft und erinnerten an 1998: "Damals hatten wir eine ähnliche Situation, die Studenten gingen auf die Straße, und der Bund stellte erhebliche Summen zur Verfügung", sagte Ruppelt.

In den nächsten Tagen will der Kulturrat den Kontakt mit Bildungsministerin Bulmahn, mit dem Kulturstaatsminister Nida-Rümelin und Wirtschaftsminister Müller aufnehmen. "Für das kommende Jahr wäre ein Ausgleich von 80 Millionen Mark bundesweit nötig", sagte Georg Ruppelt.

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