Gesundheit : Nützt es dem Patienten?

Zehn Jahre „evidenzbasierte Medizin“

Rosemarie Stein

Eine Brustkrebspatientin wird von ihrem Arzt über die Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt: „Entweder wir nehmen die Brust ab, dann brauchen Sie keine Nachbehandlung. Oder wir operieren Sie brusterhaltend, dann muss noch eine Serie von Bestrahlungen folgen. Beide Verfahren führen zu gleich guten Ergebnissen; das haben einwandfreie wissenschaftliche Studien gezeigt, und das ist auch meine eigene Erfahrung. Wir haben also die Wahl.“

Das Fallbeispiel stammt aus einem Vortrag des Tübinger Biometrikers Hans- Konrad Selbmann auf der 6. Jahrestagung des „Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin“ vor kurzem in Berlin. Was „Evidenzbasierte Medizin“ eigentlich ist, zeigt das Beispiel sehr deutlich: Eine Patientenversorgung, die vor allem bei schwierigen Entscheidungen drei Komponenten einbezieht: Den wissenschaftlichen Nachweis (international: „evidence“) der Wirksamkeit von Mitteln und Methoden – soweit durch Studien erbracht –, die eigene Erfahrung des Arztes und nicht zuletzt die Wahl des Patienten, wie der Münchner Internist Peter Scriba sagte. Anders formuliert: Evidenzbasierte Medizin ist der vernünftige Gebrauch wissenschaftlicher Belege für Entscheidungen bei der Versorgung individueller Patienten.

Vor zehn Jahren gründeten Ärzte aus Klinik und Praxis, die ihre Arbeit zum Nutzen der Patienten auf eine wissenschaftlich besser abgesicherte Grundlage stellen wollen, das „Netzwerk Evidenzbasierte Medizin“. Motto ihres Jubiläumskongresses war die Frage: „Was hat es gebracht?“ Laut Selbmann: „Mit Sicherheit dies – Ärzte und auch Vertreter anderer Gesundheitsberufe denken nun mehr und mehr darüber nach, ob es wissenschaftliche Belege für ihr Tun gibt. Kann es dem Patienten tatsächlich nützen?“

Evidenzbasierte Medizin ist „keine Heilslehre, mit der die Medizin zu einer berechenbaren Wissenschaft wird“ und noch keine „Kochbuchmedizin“ mit starren Regeln, sagte Scriba. Sie sollte also weder euphorisch hochgejubelt noch pauschal abgelehnt werden, wie es so oft geschieht. Es ist nicht leicht, sie in der Realität der alltäglichen Versorgung auch anzuwenden, wie dieser Kongress deutlich zeigte. Ein Beispiel: Von den etwa tausend in Deutschland kursierenden Behandlungs-Leitlinien, die meist für „evidenzbasiert“ erklärt werden, hält Selbmann (der wohl beste Kenner auf diesem Gebiet) höchstens 24 bis 30 für wirklich gut, wie er dem Tagesspiegel sagte.

Ob überhaupt eine Leitlinie als Ganzes evidenzbasiert sein kann, bezweifelt Monika Lelgemann (Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin): „Wahrscheinlich können nur für bestimmte Schlüssel-Fragen einer Leitlinie evidenzbasierte Empfehlungen ausgesprochen werden.“ Ohnehin sind selbst wissenschaftlich gut fundierte Leitlinien für Ärzte und Patienten nur Entscheidungshilfen, sagte Selbmann.

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