Gesundheit : Opas Metamorphose

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Von Christian Böhme

Juden und Russen waren im Haus von Elli Krug unerwünscht. Widerlich fand sie diese Leute. Umso schlimmer war es für die heute 91-Jährige, als die Briten sie kurz nach dem Krieg aufforderten, befreite Häftlinge des KZ Bergen-Belsen in ihre Wohnung aufzunehmen. Doch so einfach wollte sie sich diese „Zumutung" nicht gefallen lassen. Also stellte sich Elli Krug auf die Straße. Wenn Russen nach Quartier fragten, antwortete sie: Nee, alles voll mit Juden. Fragten Juden, hieß es: Nee, alles voll mit Russen.

Auch Bernd, Ellis 43-jähriger Sohn, kennt die Geschichte über die Juden und Russen von Bergen-Belsen. Allerdings kommt in seiner Version die Mutter und ihr Antisemitismus nicht vor. Dafür eine Oma, die die armen Menschen vor den Nazis versteckt haben soll. In der Erzählung der Enkelin Sylvia (26) wird mit Hilfe der fremden aus der eigenen Großmutter schließlich sogar ein richtig guter Mensch: Oma Elli war es nämlich nun, die geflüchtete KZ-Häftlinge vor den Nazis verbarg. „Ist so ’ne kleine Tat, die ich ihr wohl echt total gut anrechne."

Keine dunkle Schatten

Die Oma - kein Nazi, sondern eine kleine Heldin, auf die man stolz sein kann. Auf dem Weg von der Großeltern-Generation zur Enkel-Generation ist die Geschichte der Elli Krug in ihr Gegenteil verkehrt worden. Entstanden ist ein Bild, mit dem die Familie gut leben kann. Denn das Grauen des Dritten Reiches wirft keinen dunklen Schatten auf diejenigen, die man doch lieb hat.

Funktioniert so das Familiengedächtnis, wenn es um Nationalsozialismus und Holocaust geht? Mehrheitlich schon, glaubt Harald Welzer. Der 43-jährige Essener Sozialpsychologe hat mit seinem Team drei Jahre lang 40 Familien in Ost und West interviewt, 182 Gespräche geführt und sich mehr als 2500 Geschichten aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 erzählen lassen - von den Großeltern, deren Kindern und Enkeln. Das für ihn verblüffendste Ergebnis: Mehr als zwei Drittel der Berichte handeln von Opfern der Vergangenheit oder von kleinen Widerstandskämpfern. Von bösen Tätern keine Spur. Die Nazis, das waren doch die anderen.

Hat hier wieder mal die Schule versagt? „Keinesfalls", sagt Welzer. Im Gegenteil. „Die Gespräche haben gezeigt, dass bei den Enkeln die Kenntnisse über die NS-Zeit sehr gut sind. Die Fakten gerade über die Verbrechen haben die jungen Leute in der Regel parat." Doch das im Unterricht vermittelte Wissen stehe in einem Gegensatz zur Gewissheit, „dass mein Opa und meine Oma mit den Untaten nichts zu tun haben können". Die hätten doch nur Gutes getan. Welzer nennt das den Dr. Jekyll-und-Mister-Hyde-Effekt. Neben einem wissensbasierten Lexikon über das Dritte Reich (mit Stichwörtern wie Diktatur, Verbrechen und Unrecht) gibt es eben auch ein Album von dieser Zeit. Und in dem geht es um Heldentum, Leiden, Opfer und Faszination.

Dieser Gegensatz ist vermutlich auch der Grund dafür, dass ein Thema in den Interviews praktisch nie zur Sprache kommt: der Holocaust. „Hier gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem politischen Bewusstsein in der Öffentlichkeit und der Wahrnehmung in der eigenen Familie." Es gebe eben das Bedürfnis, die Vergangenheit am liebsten mit positiven Dingen zu füllen. Welzer empfiehlt deshalb, in der Schule nicht nur auf „Fakten, Fakten, Fakten" zu setzen, sondern auch dem Wunsch nach einem persönlichen Zugang zur Geschichte zu berücksichtigen.

Einfach eine gute Zeit

Unterschiede in der Wahrnehmung der NS-Vergangenheit hat Welzer auch zwischen Ost und West festgestellt. In der alten Bundesrepublik wollten die Zeitzeugen am liebsten nichts mit diesem dunklen Abschnitt der deutschen Geschichte zu tun haben. In den neuen Bundesländern hätten die Befragten der Großelterngeneration weniger Probleme gehabt, darüber zu reden. „Für viele war das damals einfach eine gute Zeit." Bezeichnenderweise steht diese Haltung im Gegensatz zu dem von oben verordneten Antifaschismus. Aber die SED-Diktatur hat dennoch den Umgang seiner ehemaligen Bürger mit der NS-Geschichte beeinflusst. Vor allem die Nachkriegsgeneration beurteilt nämlich die Rolle der Eltern während der Nazi-Zeit generell sehr vorsichtig. Welzer hat dafür eine einfache Erklärung: Eltern wie Kinder haben in einer Diktatur gelebt. Für beide war ein Unrechtsstaat die Welt, in der sie lebten, als Täter, Opfer oder Mitläufer.

Und noch etwas ist dem Professor aufgefallen. Die Medien haben großen Einfluss auf die Erzählungen über den Nationalsozialismus. „Oft wird das im Fernsehen Gesehene als eigenes Abenteuer erzählt." Hier werde aber nichts bewusst aufgepeppt, betont der Sozialpsychologe. Vielmehr würden unterbewusst ständig neue Bilder in die eigenen Erlebnisse integriert. Lothar-Günther Buchheims „Das Boot" lässt grüßen.

Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002. 247 Seiten. 10,90 Euro.

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