Gesundheit : Osteuropa: Ohne Kultur und Geschichte kein wirtschaftlicher Erfolg

Ingo Bach

Keine Frage, für die deutsche Wirtschaft ist Osteuropa einer der wichtigsten Märkte. Da ist zum Beispiel die Deutsche Telekom: 17 Milliarden Mark hat sie bisher in Mittel- und Osteuropa gesteckt. Das macht sie auf diesem Felde zum größten deutschen Investor. Oder Siemens. Fünf Milliarden Mark pumpte der Konzern in die ehemaligen Ostblockstaaten, das meiste davon bekommen die Beitrittskandidaten zur EU-Osterweiterung, die Polen, Tschechen und Ungarn.

Und so soll es weitergehen: "Gewaltige Entwicklungen" etwa erwartet die Commerzbank. Der deutsche Export nach Russland sei von 1999 zum ersten Halbjahr 2000 um 35 Prozent gewachsen, der Import sogar um 87 Prozent, sagte Günther Wallbaum von der Commerzbank auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, die in der letzten Woche im Berliner debis-Haus stattfand. Doch ist Osteuropa nicht nur ein attraktiver Markt, sondern auch ein riskanter. "Wir haben in Russland einige Tiefschläge hinnehmen müssen, die viel Geld gekostet haben", sagte Moritz Gerke von der Deutschen Telekom auf der Konferenz. Und er spricht von der "russischen Seele". "Ohne langfristige freundschaftliche Kontakte kann man da keine Geschäfte machen".

Auch Siemens musste Lehrgeld zahlen. "Wir haben bei der Osteuropaforschung zu wenig nachgefragt, zum Beispiel nach der Mentalität in Ost- und Mitteleuropa, nach den politischen Zielen der dortigen Regierungen oder ob die Märkte für westliche Investoren überhaupt schon offen sind", räumte Heinrich-Christian Sobottka von Siemens ein.

Den versammelten Osteuropawissenschaftlern taten solcherlei Eingeständnisse sicher wohl. Denn ihnen ging es genau darum, zu beweisen, was die vielen Osteuropaexperten an den Universitäten in Deutschland für die Wirtschaft leisten können. Investitionsempfehlungen beispielsweise. Der Freiburger Geograf Jörg Stadelbauer präsentierte mit Stolz detaillierte Landarten Russlands, farbige Flickenteppiche, in denen Regionen mit guter und schlechter Rohstoffdichte erfasst wurden. Ebenso ist auf diesen Karten die Verteilung der Arbeitslosen oder des Lebensstandards der jeweiligen Bevölkerung zu erkennen. "Aus all unseren statistischen Werten lassen sich Regionen mit relativ niedrigem oder eben hohem Risiko für Investitionen ableiten." Als Investor müsse man über die Natur des Landes Bescheid wissen und dazu wird die "regionale Kompetenz" der Fachleute benötigt.

Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, verwies auf die wichtigen "sanften Faktoren" in Mittel- und Osteuropa, also die historischen Erfahrungen, Mentalitätsfragen oder die Rechts- und Sozialsysteme. "Erst mit dem Verständnis dieser Dinge wird ein erfolgreiches Wirtschaften in diesen Staaten möglich." So gebe es beiderseits der deutsch-polnischen Grenze noch immer Vorurteile und Missverständnisse. "Polen hat ein aus der Geschichte ererbtes von Deutschland beschädigtes Selbstvertrauen, das bei jedem Wirtschaftsgespräch präsent ist", sagte Gesine Schwan. Jahrhundertelang wurden eher Misstrauensstrukturen gefördert, als die Vertrauensstrukturen. Hier sei ein Aktionsfeld der Osteuropaforschung, auf "Fettnäpfchen" aufmerksam zu machen. Erst wer weiß, dass es in Polen eine aus der Geschichte wohlbegründete Tradition gibt, sich vom Staat fernzuhalten, versteht, warum es in unserem Nachbarland auch in der Demokratie so viel Skepsis gegenüber den Gesetzen gibt, sagte Schwan. Man müsse also bei allen Investitionen sehr wohl die nichtökonomischen Faktoren einbeziehen.

Zu kurzfristig gedacht

Doch leider herrsche in der Wirtschaft ein auf aktuelle Informationen reagierendes Interesse an Osteuropa vor, klagte Heinrich Vogel, Direktor des Bundesinstitutes für internationale und ostwissenschaftliche Studien Köln. "Viele orientieren sich nur an den letzten Ratings, dem letzten Wirtschaftsbericht oder der letzten Rede eines Präsidenten, um die Investitionschancen zu bewerten." Die Osteuropaforschung müsse diesem "Run auf die letzten Schlagzeilen" saubere, langfristige Analysen entgegenstellen.

Aber das alles muss natürlich bezahlt werden. Und so bekam der Appell von Gesine Schwan an die Wirtschaftsbosse etwas Flehendes. Es fehlt an finanzieller Unterstützung. Nicht einmal eine gute Sprachausbildung - als eine Grundvoraussetzung für eine interkulturelle Ausbildung - können die unter knappen Kassen leidenden Universitäten heutzutage gewährleisten. "Am Sprachenzentrum der Viadrina gibt es lange Wartelisten zum Beispiel für Polnisch", sagte die Universitätspräsidentin. Gesine Schwan verband ihre Bitte um Geld mit einer Forderung. "Wichtig ist die richtige Mischung von Zusammenarbeit und Unabhängigkeit." Das soll wohl heißen: Die auf die Effizienz ihrer Investitionen achtenden Unternehmen sollen die Unis zwar unterstützen, aber nicht gleich auf die Ergebnisse drängeln. "Geben Sie den Studenten die Zeit für eine fundierte Ausbildung, das ist auch in Ihrem Interesse." Aber genau damit haben die Unternehmer ein Problem. Heinrich-Christian Sobottka konterte: "Die Forschung braucht zu lange und kann nicht auf kurzfristige Veränderungen reagieren."

0 Kommentare

Neuester Kommentar