Gesundheit : Pestalozzis Zöglinge

Nach Pisa herrscht Ratlosigkeit – dabei wurden viele Lösungen schon vor 200 Jahren vom Vordenker der modernen Pädagogik erprobt

Uwe Schlicht

Die Studien Pisa und Timss haben uns ratlos gemacht. Pisa steht für die Leseschwäche unter den 15-Jährigen. Timss ist das Synonym für nur durchschnittliche Leistungen deutscher Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften. Was kann schlimmer sein für das Land der Dichter und Denker, der Erfinder und Ingenieure?

In Interviews, Talkshows und Parlamentsdebatten verkünden Politiker und Erziehungswissenschaftler Rezepte gegen das Schuldilemma, und das lauschende Publikum glaubt sogar noch, Neues zu erfahren. Wie wäre es, wenn wir nicht allein die Politiker und Fachdidaktiker von heute befragen, sondern einen Blick zurück auf die Klassiker wagen. Lesen wir doch einmal Pisa und Timss mit den Augen von Johann Heinrich Pestalozzi – jenes Schweizer Pädagogen, der vor 200 Jahren den Weg in die moderne Schule gewiesen hat. Vergleichen wir seine Gedanken mit heutigen Überlegungen.

Sinnentleertes Üben

In einem Bericht für ein neues Kerncurriculum Mathematik schreibt ein Team von vier Didaktikern nach Timss: „Nicht selten erfolgt das Üben sinnentleert, werden die Formeln und Kalküle von Schülerinnen und Schülern ohne Einsicht angewandt. Die Bereitschaft, das Erlernte auf neue inner- oder außermathematische Situationen anzuwenden, bleibt unterentwickelt. Es besteht die Gefahr, dass die Schülerinnen und Schüler selbst einfachen Problemaufgaben ratlos gegenüberstehen.“

Diese Erkenntnis klingt neu, ist sie aber nicht. Bereits vor nahezu 200 Jahren hat sich Pestalozzi ähnliche Gedanken gemacht – in einer Rechtfertigungsschrift über das von ihm geleitete Internat in Iferten. Pestalozzi schreibt: „Die Zöglinge lernen ferner die Algebra, worin der Gang durch die frühern Übungen außerordentlich erleichtert wird, um so mehr da sie nicht bloß, wie es sonst gewöhnlich der Fall ist, Formeln brauchen, wie sie ihnen gegeben werden, ohne etwas Neues daraus entwickeln zu können, sondern überall selbsttätig ihnen noch unbekannte Beziehungen und Verhältnisse auffinden und neue Grundsätze daraus entfalten.“ Pestalozzis Rezept lautet also: Wiederholen und Neues entdecken.

Was kann uns Pestalozzi zur Pisa-Katastrophe sagen? Aus den internationalen Vergleichen wissen wir, dass viele andere Länder bessere Ergebnisse im Leseverständnis und in Mathematik erzielen, wenn sie die Kinder und Jugendlichen erst später als in Deutschland auf getrennte Schulen verteilen.

Die Förderung der Begabung: Heute geben die internationalen Vergleichstests der OECD Einblicke in die Schulsysteme der verschiedensten Länder. Für Deutschland hat der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, den Schluss gezogen: In Deutschland „neigen Lehrerinnen und Lehrer immer zu dem Argument, die falschen Schüler zu haben“.

Pestalozzi wäre nicht auf eine solche Idee gekommen. Für ihn stellten Begabung und Hochbegabung die gleiche Herausforderung dar: „Wir anerkennen in dieser Rücksicht schlechterdings keinen Vorzug des Wertes des einen Kindes vor dem andern, als den, der sich auf die Reinheit seines Willens, und auf den Grad seiner Kraftanstrengung und Selbstüberwindung gründet, zu sein und zu werden, was es seiner Anlage nach sein kann und werden soll. Wir glauben es den Eltern und Kindern wie uns selbst schuldig, den Schwachen und talentvollen Zögling auf die dem Grade seiner Fähigkeiten angemessene Weise und so besorgen zu müssen, dass er alles werde, was er werden kann, und alles entfalte, was die Natur in ihn gelegt hat. Jeder gilt das, was er ist. Jeder ist das, wozu er sich selbst macht.“ Ein solches Denken über den Unterricht zeigt, dass man nicht unterschiedliche Begabungen möglichst früh in Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien sortieren muss – wie es in Deutschland seit Jahrzehnten geschieht.

Hehre Ziele

Überfrachtete Lehrpläne: Sind wir nicht schon seit Jahrzehnten Weltmeister in der Formulierung hehrer Ziele in Schulgesetzen und Lehrplänen? Wie kann bei solcher kollektiven geistigen Anstrengung so viel Mittelmaß herauskommen, wie es die Tests der OECD gezeigt haben? Vielleicht liegt die Antwort darin begründet, dass Politik und Gesellschaft der Schule zu viele Ziele vorgeben. Bei jeder neuen Krise muss sofort die Schule zur Reparatur antreten: Gegen Rechtsradikalismus, zunehmende Gewalt und Terrorismus hilft nur ein neuer Werteunterricht, sei es in der Religion oder den Ersatzfächern. Gewalt und Horrorszenarien in Fernsehen und Videos begegnet man am besten mit Medienpädagogik. Und wenn die Bevölkerung nicht mehr versteht, warum die Aktienkurse fallen und die Konjunktur so gar nicht in Gang kommen will, brauchen wir ein neues Fach „Wirtschaft“.

Wahrscheinlich überfordern wir unsere Kinder und Jugendlichen mit zu vielen Wünschen und haben völlig aus dem Blick verloren, wie sich Lernfortschritte aus der Natur des Kindes oder Jugendlichen ergeben müssen. Pestalozzi: „Wir suchen die Zöglinge nicht durch zu viele Gegenstände auf einmal zu überladen, sondern geben uns Mühe, jeden Punkt, den sie lernen, so vielseitig zu beleben, dass ihre Kraft allgemein angeregt werde.“ Und: „Alles Lernen der Jugend soll Selbsttätigkeit, lebendige Schöpfung sein.“

Jürgen Baumert zieht aus Timss und Pisa den Schluss: „Wir haben sicherlich in vielen Bereichen das Äußerste in der Stoffbelastung erreicht. Viele Lehrer trauen sich auch nicht, eine wirkliche Auswahl zu treffen. Das vertiefte Verständnis von weniger Gegenständen sollte wahrscheinlich ein vorrangiges Ziel sein.“ Neuer Unterricht: Von den Lehrern verlangt Pestalozzi didaktische Fähigkeiten: „Der Lehrer muss sich ganz in den Anschauungs- und Begriffskreis des Kindes versetzen, von einer Entdeckung zur andern schreiten.“

Ein solcher Unterricht erfordert auch einen anderen Umgang mit Strafen und Lob, wie ihn Pestalozzi in seiner Internatsschule praktizierte: „Das Gemüt der Kinder wird im Allgemeinen weder durch Strafen verhärtet noch durch Belohnungen veroberflächlicht und vereitelt. Die Kinder werden nicht leicht gekränkt. Der Schwache wird nicht dahin gelenkt, sich mit den Stärkern, sondern mit sich selbst zu vergleichen. Wir fragen den Zögling niemals: Kannst du, was ein anderer? Wir fragen ihn nur: Kannst du die Sache?“

Fremdsprachen lernen

Früher Start mit Fremdsprachen: Heute machen wir uns Gedanken darüber, wie wir auf die erweiterte Europäische Union und die Herausforderungen der Globalisierung schon in der Schule angemessen reagieren können. Mehrere Fremdsprachen möglichst früh zu lernen, ist eines der Rezepte. Auch mit dem frühen Sprachunterricht vor 200 Jahren hat Pestalozzi in der Schweiz Erfahrungen gemacht: „Da unsere Kinder fast alle die deutsche oder französische Sprache, als Muttersprache, reden, so werden beide Sprachen hauptsächlich berücksichtigt, und der Unterricht in mehreren Stunden in beiden zugleich gegeben. Die Kinder lernen also in beiden Sprachen reden, lesen und schreiben und sich über alles, was sie selbst sind, haben, können und sollen, sowie über das, was sie umgibt, mündlich und schriftlich ausdrücken.“

Die Bundesregierung möchte auf den Pisa-Schock mit einem Vier-Milliarden-Programm reagieren. In Ganztagsschulen sollen Kinder aus sozial benachteiligten Schichten sowie die jungen Ausländer eine Betreuung bis in den Nachmittag hinein erhalten. Überforderte Eltern aus allen Schichten sollen hoffen, dass ihre Kinder dort eine bessere Anregung finden, als sie Fernsehen und Videos zu Hause bieten. Wie man Ganztagsschulen gestaltet, hat Pestalozzi vor 200 Jahren auch schon in Iferten erprobt – natürlich ohne Fernsehen und Video.

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