Gesundheit : Pflegebedürftigkeit: "Die Angehörigen verlassen den Raum"

Rosemarie Stein

"Der Pflegedienst kommt ins Haus, und die Angehörigen verlassen den Raum. Es fehlt an Zusammenarbeit. Dass die Familie Anleitung und Unterstützung braucht, bleibt weitgehend unbemerkt, ebenso ihre Überlastung." Auf einer Berliner Tagung des AOK-Bundesverbandes über "Neue Versorgungsstrukturen in der Pflege" legte Monika Krohwinkel den Finger in die Wunde. Die emeritierte Professorin für Pflegewissenschaften weiß, dass die Pflege der chronisch Kranken, der Multimorbiden (an mehreren Krankheiten gleichzeitig Leidenden) und der von fortschreitender Altersdemenz Betroffenen besonders "verbesserungsbedürftig" ist.

Und dennoch seien viele Pflegende sehr engagiert, machten nicht selten sogar in ihrer Freizeit noch einen Hausbesuch. Außerdem sei es nicht ihre Schuld, wenn in Heimen und zu Hause die Pflege oft noch weit von der wünschenswerten Qualität entfernt sei. Das hat vor allem zwei Gründe: Die unzureichenden Rahmenbedingungen und eine antiquierte Ausbildung.

Den rechtlichen und finanziellen Rahmen bilden die nun sechs Jahre alte Pflegeversicherung, deren Auswirkungen auf dieser Tagung viel diskutiert wurden, und die hergebrachte Struktur der meisten Heime, in deren unpersönlicher klinischer Atmosphäre man so gar nicht heimisch werden kann. Als positive Folge der Pflegeversicherung werteten Politiker wie Kassenvertreter, dass 1,9 Millionen Pflegebedürftige Leistungen von ihr erhalten, 1,3 Milionen davon zu Hause.

Die Lücken und Mängel aber wurden in den Vorträgen und Diskussionen auch deutlich: Noch immer sind 30 bis 40 Prozent der Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen. Denn das Geld der Pflegeversicherung, die ja gerade dieser Abhängigkeit ein Ende machen sollte, reicht hinten und vorne nicht. Die Qualität der Altenpflege ist nicht gesichert, weil das Personal bei zu knappen Zeitvorgaben ständig überfordert ist, weil die Ausbildung oft unzulänglich ist, und weil in der Heim- und der häuslichen Pflege sehr viele überhaupt nicht ausgebildete Kräfte beschäftigt sind.

Am heftigsten kritisiert wurde die völlig unzureichende Versorgung der an Altersdemenz (Verwirrung) leidenden Pflegebedürftigen. Zwar haben psychisch Kranke und geistig Behinderte nach dem Pflegeversicherungsgesetz Anspruch auf Hilfe, aber nur bei den "regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen des täglichen Lebens" wie Waschen oder An- und Ausziehen. Damit wird jemand, der einen Altersverwirrten rund um die Uhr zu versorgen hat, jedoch nicht genügend entlastet. Nun soll die Pflegeversicherung zusätzlich 500 Millionen Mark jährlich für die Demenzkranken aufbringen. Aber das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

In Holland erhalten die Angehörigen eine bestimmte Summe zur individuell bedarfsgerechten Verwendung. Nach diesem Vorbild schlug Rolf Hoberg vom AOK-Vorstand neben den bisherigen Pflegeleistungen einen Zuschuss von tausend Mark vor - nicht monatlich, sondern jährlich. Das könnte gerade reichen, um die ehrenamtliche gegenseitige Hilfe innerhalb von Angehörigengruppen etwas zu erleichtern oder um stundenweise eine Hilfskraft zu engagieren. Dies wären kleine Steinchen in dem "Baukastensystem", das Hoberg zur - individuell gewählten - Entlastung pflegender Familienmitglieder vorschlägt.

Was aber die professionelle Pflege betrifft, so forderte er "die verstärkte Nutzung morderner pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse - auch aus dem Ausland." Pflege dürfe nicht schematisch oder beliebig sein, sondern müsse, abgestimmt auf die jeweiligen Bedürfnisse, individuell geplant werden. Mit Hilfe eines koordinierenden "Case Managements" lasse sich für jeden Pflegebedürftigen ein "optimales Leistungspaket" zusammenstellen. Zwischen ambulanter und stationärer Versorgung müsse Kontinuität gewährleistet sein, ebenso beim Einsatz der Pflegekräfte.

Ständig neue Gesichter nehmen jedes Gefühl von Geborgenheit, ob zu Hause oder im Heim. Dort muss man wegkommen von klinischer Sterilität und hin zu vertrauten kleinen Hausgemeinschaften - "Wohngruppen für etwa sechs bis zehn Menschen mit einer ständigen Präsenzkraft und eigener Mahlzeitenzubereitung, wie in einem größeren Familienhaushalt", sagte Wlli Rückert vom "Kuratorium Deutsche Altershilfe".

In einer überschaubaren Gemeinschaft fühlen sich die Menschen nicht nur wohler, sie bleiben auch aktiver. Infantilisierung dagegen macht Pflegebedürftige vollends abhängig und endet mit dauernder Bettlägerigkeit. Das nimmt ihnen nicht nur Lebensqualität, es macht die Pflege letztendlich auch teurer, obwohl die aktivierende Pflege zunächst einmal mehr Zeit kostet, als wenn man rasch alles selbst macht.

Und die Fachkräfte brauchen für die aktivierende Pflege eine höhere Qualifikation, zumal sie auch noch die Angehörigen anleiten und unterstützen sollen, wie Monika Krohwinkel ausführte. Ein erster Schritt ist die jetzt vorbereitete Reform der Altenpflegeausbildung, die man auf ein bundeseinheitliches Niveau haben will. Viel weiter geht das Reformkonzept einer "Zukunftswerkstatt", nachzulesen in "Pflege neu denken - Zur Zukunft der Pflegeausbildung" (Herausgegeben von der Robert Bosch Stiftung, Schattauer Verlag, Stuttgart 2000).

Danach muss Pflege bedarfsgerecht sein, individuell geplant werden und therapeutische, fördernde und rehabilitative Ziele haben. Dem Pflegebedürftigen soll so viel Selbständigkeit wie möglich erhalten bleiben, und er soll sich so wohl fühlen wie irgend möglich. Die Ausbildung muss den Pflegekräften ein fachlich breites Fundament geben. Wie im Ausland üblich und von der Bundesregierung angestrebt, soll die Spezialisierung in Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege erst nach der gemeinsamen Ausbildung stattfinden.

Dies und die verschiedenen aufeinander aufbauenden Qualifikationsstufen machen den Pflegeberuf flexibel und zukunftsfähig. Auch erleichtert dieses Ausbildungssystem den Aufstieg. Würde die Reform so realisiert, wie sie im Buche steht, dürften wir hoffen, einmal besser gepflegt zu werden als es heute oft der Fall ist.

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