Pflegeheim in Thailand : Die Reise ins Vergessen

Seine demente Mutter brauchte einen Heimplatz, aber dem Schweizer Martin Woodtli missfielen die, die er sah. Da erinnerte er sich an Thailand und den freundlichen Umgang dort mit Kranken und Alten. Sollte das die Lösung sein?

Carsten Stormer[Chaing Mai]
Ein Alzheimerpatient und seine Pflegerin tanzen mit einem Ball, es ist das Lieblingsritual des alten Herrn.
Ein Alzheimerpatient und seine Pflegerin tanzen mit einem Ball, es ist das Lieblingsritual des alten Herrn.Foto: Kathrin Harms

Der Ausflug, an den sie sich schon am Abend kaum noch erinnern werden, bringt sie zu Mönchen in safrangelben Gewändern, er lässt sie seltsame Musik hören und serviert ihnen Essen, das so scharf ist, dass ihnen die Augen tränen und sie abwechselnd husten und lachen müssen.

Sie sind eine Gruppe alter Leute, mit Krücken, Gehhilfen oder in das Aluminium ihrer Rollstühle gefesselt, nur begrenzt fähig, sich mitzuteilen, weil sie ihre Sprache verloren oder eine eigene erfunden haben. Sie sind die Gäste von Baan Kamlangchay, einem Alzheimerzentrum am Stadtrand von Chaing Mai im Norden Thailands, und der Ausflug führt sie in ein Kloster der Umgebung.

Es ist eine exotische Zauberwelt, die so gar nichts mit Deutschland oder der Schweiz gemeinsam hat, mit den Ländern, aus denen die alten Menschen stammen. An Souvenirständen werden T-Shirts angeboten, auf denen „Amazing Thailand“ steht – wunderbares Thailand. In der Garküche köcheln Fisch und Suppe, die Kellnerin stellt Schüsseln vor die Herrschaften und verbeugt sich, die Hände vor die Brust gefaltet, die Geste des Respekts. Eine Mutter setzt ihr fröhliches Kind auf den Schoß einer älteren Dame. Ein Herr sitzt abseits auf einem roten Plastikschemel. Er trägt eine warme Jacke, weil man ja nie weiß, ob es nicht gleich zu schneien beginnt. Die Einheimischen scherzen in ihrer Sprache, und die Fremden, die nichts verstehen, lachen mit.

Aber wenn man sie später fragt, wie ihnen der Ausflug gefallen hat, dann sagen sie: „Welcher Ausflug?“

Das Heim Baan Kamlangchay befindet sich inmitten einer Vorortsiedlung von Thailands zweitgrößter Stadt. Es ist eine friedliche Gegend. Hier schließen die Nachbarn nachts ihre Türen nicht ab, die Kinder spielen auf den Straßen Federball und Verstecken. Bougainvilleas blühen, die Luft ist sauber und klar, die Hecken der Vorgärten sind gestutzt. Und das nächste Krankenhaus ist nur ein paar Autominuten entfernt.

In seinem Büro am Computer sitzt Martin Woodtli, 47, ein kräftiger Mann mit freundlichen Augen, der Gründer des Heims. Er korrespondiert mit den Angehörigen seiner Patienten, die er Gäste nennt, das ist ihm wichtig, „das zeigt Respekt vor einem gelebten Leben, das langsam zu Ende geht.“ Vor sieben Jahren hat er das Heim gegründet und inzwischen wohnen zehn Patienten in sechs Häuschen, die von 30 Pflegern und Krankenschwestern rund um die Uhr betreut werden. Der Name des Heims bedeutet übersetzt: Betreuung des Herzens.

In Haus Nummer sechs kümmert sich die 26-jährige Umphorn, die gelernte Pflegerin ist, um einen 81 Jahre alten Herrn, der an Alzheimer leidet. Seit drei Jahren pflegt sie ihn, und in dieser Zeit ist sie zu einer Mischung aus Bezugsperson, bester Freundin und Ersatzenkelin geworden. Jetzt sitzen die beiden auf dem Sofa und spielen Jassen, und weil der alte Herr nicht verlieren kann, lässt Umphorn ihn gewinnen. Dafür zwingt sie ihn nach jedem Spiel, einen Schluck Wasser zu trinken, damit er nicht austrocknet bei der Wärme. Das ist der Deal. Trinken gegen Gewinnen. Umphorn nennt den Alten „Opa“, er nennt sie „mein kleiner Diktator“. Sie sind sich nahegekommen in den Jahren und über alle Sprachbarrieren hinweg, denn die Bedeutung der Sprache nimmt ab, wenn man die Erinnerung verliert an das, was sie beschreibt.

Für Martin Woodtli begann das thailändische Abenteuer mit einem Schicksalsschlag in Münsingen bei Bern. Seine Mutter war an Alzheimer erkrankt, und Martin Woodtlis Vater nahm sich aus Gram und Trauer, dem geistigen und körperlichen Verfall seiner Frau tatenlos zusehen zu müssen, das Leben. Den Sohn ließ er mit der Frage zurück: „Was soll ich jetzt mit der Mutter machen?“ Neun Monate pflegte Woodtli seine Mutter zu Hause, „ständig musste man aufpassen, dass nichts passiert“. Und in dieser Zeit sah er sich Pflegeheime in der Schweiz an. Aber die Art, wie man dort alte und kranke Menschen behandelt, fand er „völlig unzumutbar“. Das Personal habe zu wenig Zeit für zu viele Patienten, da würden die Alten schon mal an ihre Stühle gefesselt, damit sie nicht randalierten oder einfach davonliefen, während der Pfleger durch die Stationen hetzte. „Das wollte ich meiner Mutter nicht antun“, sagt Woodtli.

Er suchte nach einer Lösung – wie tausende Familien in Deutschland und in der Schweiz. Bis er sich an Thailand erinnerte.

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