Gesundheit : Phoenix aus märkischem Sand

Heiko Schwarzburger

Mehr als nur eine Frage der Kultur: Auf dem gemeinsamen "Neujahrsempfang" der zwölf außeruniversitären Forschungsinstitute in Adlershof stellte Berlins neuer Kultur- und Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) dem Großprojekt im Südosten der Stadt ein hervorragendes Zeugnis aus: "Adlershof ist eines der innovationsträchtigsten Vorhaben unserer Stadt", sagte er vor zahlreichen Gästen aus der Wissenschaft und der Wirtschaft. Er sei angetreten, um solche Potenziale zu entwickeln. "Ich bin vor allem auch Wissenschaftssenator. Der weitere Ausbau von Adlershof ist in der Koalitionsvereinbarung fest verankert."

Volker Strauch, Staatssekretär unter Berlins neuem Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS), nannte den Wissenschaftspark Adlershof eine Chance, neue Arbeitsplätze zu schaffen. "Mit Rohstoffen oder Häfen kann Berlin kein Geld machen", sagte er. "Unsere Ressource ist das Wissen, es hat eine besonders hohe Wertschöpfung." Ingolf Hertel, der Sprecher der Forschungsinstitute, kommentierte den Auftritt der beiden Politiker mit den Worten: "Das lässt hoffen. Adlershof ist eine Erfolgsstory."

Halbzeit beim Aufbau

Vor nunmehr zehn Jahren fiel die Entscheidung, das Adlershofer Areal von Grund auf neu zu gestalten. Bis 2010 will der Senat den Wissenschaftspark zur "Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien" ausbauen. Bisher wurde mehr als eine Milliarde Euro verbaut. Bis 2010 sollen es knapp drei Milliarden werden. Die Ansiedlung von sieben naturwissenschaftlichen Instituten der Humboldt-Universität (HU) läuft auf vollen Touren, aber beinahe geräuschlos. Nach dem Potsdamer Platz ist der Ausbau von Adlershof das Berliner Großprojekt schlechthin.

Vor der Wende hatten die Akademie der Wissenschaften der DDR, das ostdeutsche Fernsehen und das Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit in Adlershof ihr Domizil. Rund 5000 Menschen quollen jeden Morgen aus der S-Bahn. 1990 kam das Aus für diese drei staatstragenden Institutionen, das Riesenterrain drohte zu veröden. Der Wissenschaftsrat empfahl Ende 1991, einige Erfolg versprechende Arbeitsgruppen der Akademie fortzuführen, mit ihnen neue Forschungsinstitute zu gründen.

Die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: Im Dezember 2001 arbeiteten auf dem rund 420 Hektar großen Gebiet rund 380 Firmen. Die Wissenschaftler der Forschungsinstitute und der Universität mitgerechnet, strömen jeden Morgen wieder rund 8000 Menschen zur Arbeit. Allein in der 19 Hektar großen Medienstadt, die auf dem Gelände des DDR-Fernsehens entstand, haben sich 115 Unternehmen mit etwa 1900 Mitarbeitern angesiedelt. Kern des Adlershofer Entwicklungsgebietes aber ist das 89 Hektar große Terrain, in dem die zwölf außeruniversitäre Forschungsinstitute größtenteils neu errichtet wurden und in dem die Humboldt-Universität ihre naturwissenschaftlichen Institute unterbringt.

Ihre alten Gebäude in Mitte platzen aus allen Nähten. Mehr als die Hälfte der bisherigen Investitionen in Adlershof flossen in die Neubauten für die Uni. Die Mathematiker, Chemiker und Informatiker sind schon dort. Einige Professoren forschen zugleich an den außeruniversitären Instituten, unter anderem an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, am Max-Born-Institut für nichtlineare Optik und am Teilchenbeschleuniger Bessy II. Weitere dieser so genannten S-Professuren sollen folgen.

Die Zahl der Studenten, die jeden Morgen nach Adlershof zu ihren Vorlesungen pendeln, erreicht bereits über 3000. Zum kommenden Wintersemester sollen auch die Physiker der HU nach Adlershof umziehen. "Wir rechnen damit, dass das neue Institutsgebäude bis zum nächsten Herbst fertig sein wird", bestätigte HU-Sprecherin Lilijana Nikolic. "Auch das Informationszentrum soll bis dahin bezogen werden."

Im Informations- und Kommunikationszentrum (IKA) der Humboldt-Universität entstehen mehrere große Hörsäle, sieben wissenschaftliche Bibliotheken, zahlreiche Computerarbeitsplätze mit Internetanschluss, eine Caféteria, ein Rechenzentrum sowie Schnittplätze für Audioaufnahmen und Videotechnik. Nach nur elfmonatiger Bauzeit hatte das 40 Millionen Euro schwere Investitionsobjekt im vergangenen Sommer seine Richtkrone erhalten.

Unklar ist noch der Baubeginn für die neue Mensa und das Verwaltungsgebäude der Humboldt-Institute, denn angesichts der Pleite im Landeshaushalt sind Verzögerungen nicht mehr ausgeschlossen. "Geplant ist, die Arbeiten im Winter 2002 zu beginnen, dann könnte der Bezug zum Winter 2004 erfolgen", sagte Lilijana Nikolic.

Bis Sommer 2003 sollen auch die Umbauten an den früheren Kasernen des Wachregimentes abgeschlossen sein. Darin werden die Institute der Geografen und der Psychologen unterkommen. Zuletzt ziehen die Biologen 2007 von Mitte nach Adlershof.

Seit zehn Jahren dominieren in Adlershof die Bagger. Fraglich ist noch, ob der Senat das Geld aufbringt, um die Straßenbahnlinie vom S-Bahnhof bis in den letzten Zipfel des lang gestreckten Wissenschaftsparks zu verlängern. Zudem forderten die Wissenschaftler wiederholt einen besseren Anschluss an die Stadtmitte, an den Flughafen Schönefeld und an den Autobahnring.

Wichtige Entscheidungen liegen auf Eis

Doch seit der Senatskrise Mitte vergangenen Jahres liegen wichtige Entscheidungen auf Eis. So ist der Posten des Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Betreibergesellschaft Wista Management GmbH seit Juni 2001 vakant. Ein Nachfolger für den scheidenden Rolf Scharwächter soll nun bis Anfang Februar gefunden werden.

Der Gesamtumsatz der Firmen und Institute in Adlershof beträgt derzeit rund 560 Millionen Euro. 50 Millionen fließen bereits als Steuern an die Landeskasse zurück. Im März 2001 baute die Wista ein neues Technikum, das den dortigen Technologiefirmen vor allem Werkstätten, Reinräume und Labors bietet. Für die langfristige Ausweitung des Geländes stehen weitere 100 000 Quadratmeter Bauland nördlich des Wissenschaftsparks bereit. Sie werden zurzeit erschlossen, von Kriegsmunition befreit und auf Altlasten untersucht.

Noch fehlen in Adlershof Wohnungen und Dienstleistungsangebote wie Restaurants und Kulturstätten. Bis 2010 wollen die Planer deshalb ein städtebauliches Ensemble aus Wohnquartieren, Läden, Hotels, Restaurants, Kinos, Schulen und einem großen Landschaftspark verwirklichen.

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