Gesundheit : Physiker Enrico Fermi: Pionier der Kettenreaktion

Dieter Hoffmann

"Natürlich habe ich das Colosseum besucht und bewundert, das Beste in Rom ist aber unbedingt Fermi." Diese Reisenotiz eines deutschen Physikers zeigt die große wissenschaftliche Ausstrahlungskraft, die das Institut des italienischen Physikers Enrico Fermi ausübte. Nach Rom kamen in den dreißiger Jahren Physiker aus aller Welt, um sich bei Fermi über die neuesten Fortschritte in der Kernphysik zu informieren.

Als einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts hat Fermi nicht nur in der Kernphysik Pionierarbeit geleistet. Bereits als 26-Jähriger - Fermi wurde am 29. September 1901 in Rom geboren - entwickelte er eine neue Statistik für quantenphysikalische Phänomene, bei denen die bisherige klassische Statistik versagte. Viele physikalische Eigenschaften von Metallen und anderen Festkörpern ließen sich mit der Fermi-Statistik erstmalig erklären.

Seine herausragendsten Beiträge liegen jedoch in der Kernphysik. So lieferte er zu Beginn der dreißiger Jahre erstmals eine theoretische Erklärung für den Betazerfall der Atomkerne. Weiterhin konnte er anknüpfend an die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität durch das französische Forscherehepaar Irene und Frederic Joliot-Curie zeigen, dass sich der Beschuss mit Neutronen für die Erzeugung von Kernreaktionen und damit auch für die Herstellung radioaktiver Isotope besonders gut eignet.

Seit 1934 wurden im fermischen Institut systematisch Elemente mit Neutronen beschossen und zahlreiche neue künstliche Radioelemente erzeugt. Insbesondere hoffte Fermi durch Beschuss von Uran, dem damals letzten Element des Periodensystems, transuranische Elemente zu erzeugen. Obwohl sich diese Hoffnung nicht erfüllte - die Synthese solcher Transurane gelang anderen Forschern wenige Jahre später -, erhielt Fermi im Jahre 1938 für diese Forschungen den Nobelpreis für Physik.

Die Nobelpreisfeierlichkeiten in Stockholm nutzte Fermi, um mit seiner jüdischen Frau Laura dem faschistischen Italien den Rücken zu kehren und in die USA zu emigrieren. Dort setzte er seine kernphysikalischen Forschungen fort, die durch die Entdeckung der Urankernspaltung noch zusätzliche Bedeutung bekommen hatten. Am 2. Dezember 1942 konnte er im Rahmen des amerikanischen Atombombenprojektes die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion in Gang setzen. Neben dieser Pioniertat hat sich Fermi auch sonst führend an der Entwicklung der amerikanischen Atombombe beteiligt. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen war Fermi bis zu seinem Tode - er starb gerade erst 53-jährig am 28. November 1954 in Chicago - nicht nur von der Notwendigkeit der Entwicklung einer Atombombe, sondern auch ihres Abwurfs auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im Sommer 1945 überzeugt.

Obwohl sich Fermi nach dem zweiten Weltkrieg wieder gänzlich der physikalischen Grundlagenforschung zuwandte und die Herausbildung der experimentellen Elementarteilchenphysik maßgeblich prägte, zeigt sein Leben den tragischen und auch von ihm nicht aufgelösten Zwiespalt, in dem die moderne Forschung zwischen rein technokratischem und gesellschaftlich verantwortlichem Handeln steckt.

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