Gesundheit : Pillendreher, Kräuterhexen und Giftmischer

STEPHANIE CZAJKA

Im säurebespritzten Kittel kann man manchmal auch einen Hauch von Kräuterwiese erleben / Serie Studiengänge: PharmazieVON STEPHANIE CZAJKA"Wollen Sie sich vielleicht mit so etwas die Haare waschen?" Matthias Oechsner, Assistent am Pharmazeutischen Institut der Humboldt-Universität (HU) hebt den roten Deckel von der weißen Apothekendose.Der Blick fällt auf einen schwarzen Tümpel, oben schwimmen braungrüne Schlieren, unten ist ein dicker Bodensatz zu erahnen.Nein, selbst ein Teerschampoo muß nicht so aussehen.Noch ein paar Beispiele und Oechsner hat überzeugend genug dargestellt, warum er 28 von 39 Studenten noch einmal antreten läßt.Tuben, aus denen anstatt Salbe erst einmal Öl rinnt, Zäpfchen, gegossen frei nach Henry Moore, und Lösungen im Dreischichtenmodell - jeder Laie erkennt, daß da etwas nicht stimmt. Eine Szene aus dem Praktikum im Fach Pharmazeutische Technologie: Hier soll gelernt werden, wie Wirkstoffe in einer Arzneiform, also einer Tablette, einer Salbe, einer Kapsel, einem Dragee, verpackt werden.Und zwar so verpackt, daß die Arzneiform hinterher den Wirkstoff auch wieder freigibt.Eine Tablette, die sich in Magen oder Darm nicht zur rechten Zeit auflöst, nutzt wenig.Wieviel Stärke, wieviel Milchzucker soll in die Tablette? Wie hoch darf der Preßdruck sein? Welche Salbengrundlage verträgt sich mit welchem Emulgator? Im zweiten Staatsexamen (das erste ist eine Art Multiple-Choice-Vordiplom) ist Technologie eines der vier Prüfungsfächer.Die anderen sind Chemie, Pharmakologie und Biologie. Schwerpunkt des Studiums sind derzeit die chemischen Fächer.Ein Drittel davon sind Praktika und in denen wird "gekocht".Was falsch ist, muß meist wiederholt werden.Wer im Labor lange braucht, hat hinterher weniger Zeit, um für die Klausuren zu lernen."Wird die Zeit im Labor knapp, ziehen die Vorlesungen den Kürzeren", sagt die FU-Studentin Petra ten Haaf.Über die hohe Arbeitsbelastung klagen fast alle Pharmaziestudenten.Durchschnittlich 30 Pflichtstunden pro Woche sind im Curriculum vorgesehen.Das heißt: Die Studenten sind während des Semesters von morgens bis abends entweder im Labor oder in der Vorlesung.Und rund um die Uhr mit Kittel und Schutzbrille herumzulaufen ist gewöhnungsbedürftig.Die Assistenten achten sehr auf die Sicherheit.Schließlich hantiert hier ein ganzer Saal voller Studenten nicht mit Erdbeermarmelade, sondern mit Schwefelsäure und Kaliumcyanid.Spätestens nach dem zweiten Semester ist der Kittel dann so fleckig und säurezerfressen, daß ein neuer fällig ist.In den biologischen Praktika hingegen kann auch schon mal ein Hauch von Kräuterwiese durch die Säle ziehen.Zum Beispiel, wenn ätherische Öle abdestilliert werden.Pharmazeutische Biologie (21 Prozent) ist vielseitig: Es gibt Exkursionen und es wird mikroskopiert, Pflanzen, Pflanzenteile oder Kräutertees müssen bestimmt werden. Biochemie, Physik, Mikrobiologie ...Auch diese Fächer werden gestreift, gefürchtet ist von den meisten der Matheschein.Wer Pharmazie studiert, weil ihn medizinische Fragen interessieren, der muß "durch einen langen Schlauch gehen, bevor er auf seine Kosten kommt", warnt ten Haaf.Im fünften Semester geht es los, mit anatomischen und physiologischen Grundlagen.Es folgt eine dreisemestrige Vorlesung in Pharmakologie und Toxikologie.Gelehrt wird, wie Arzneimittel und Gifte im Körper wirken.Im Praktikum wird an isolierten Organen die Wirkung von Arzneimitteln beobachtet.Tierversuchssparend wird ein Teil der Versuche anhand von Videos demonstriert.In der"Klinischen Pharmazie" geht es um die konkrete Anwendung des Arzneimittels.Die Studenten lernen individuelle Dosierungen festzulegen, die Wirkung problematischer Arzneistoffe zu überwachen oder Labordaten der Patienten zu beurteilen.Das Interesse an der Klinischen Pharmazie ist groß.Für den freiwilligen Kurs in den Semesterferien müssen die Plätze immer verlost werden.Doch: "Was wir hier an der FU machen ist die Ausnahme", sagt Ulrich Jaehde, wissenschaftlicher Assistent an der FU, der zusammen mit Doktoranden und drei Berliner Krankenhausapothekern einen Kurs leitet, "in anderen Ländern wie in den USA und Großbritannien zieht sich die Klinische Pharmazie durch das gesamte Studium." Mehr Pharmakologie und Klinische Pharmazie, weniger Chemie - das hält auch Thomas Luft, Vorsitzender des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden in Deutschland für sinnvoll.Er gehört wie Roland Radziwill, Direktor der Krankenhausapotheke des Städtischen Klinikums in Fulda, zur Arbeitsgruppe Apothekerausbildung, die derzeit einen Vorschlag für eine neue Approbationsordnung ausarbeitet.Frühestens 2001/2002, so Radziwill, sei mit einer Änderung der Ausbildungsordnung zu rechnen."Der Apotheker sollte in der Lage sein, sich mehr dem Patienten zuzuwenden und sich für die Anwendung von Arzneimitteln mitverantwortlich zu fühlen", sagt Radziwill.In Deutschland entfallen zwölf Prozent aller Pflichtstunden auf die pharmakologisch-medizinischen Fächer.Im europäischen Vergleich ist das wenig.In Deutschland strebe man jetzt an, die chemischen Lehrveranstaltungen auf 40 Prozent zu reduzieren und die Stundenzahl in Pharmakologie/Klinischer Pharmazie auf 20 Prozent anzuheben, sagt Radziwill.Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen, auch gibt es bisher keine Professoren für "Klinische Pharmazie".Übrigens: "Apotheker" ist die Berufsbezeichnung für alle, die Studium und Praktisches Jahr abgeschlossen haben - egal ob sie in der Apotheke, an der Uni, in der Industrie, bei Krankenkassen, oder privaten Einrichtungen arbeiten. Bisher erschienen: Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (26.5.97), Skandinavistik (9.6.), Politologie (1.7.), Kulturwissenschaft (17.7.) Maschinenbau (14.8.), Germanistik (11.9.), Instrumentalstudium (2.10.), Biologie (4.10.).Medizin (3.1.), Theaterwissenschaft (14.3.), Logistik (7.4.).

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