Gesundheit : Piloten mit Stützstrümpfen

Wer lange Strecken fliegt, sollte vorbeugen – obwohl nach einer neuen Studie das Risiko für Blutgerinnsel in den Beinen geringer ist als befürchtet

Wolfgang Drechsler

Langstreckenflüge in der Touristenklasse sind meist schon anstrengend genug. Jetzt machen sich viele Reisende auch noch Sorgen um ihre Gesundheit. Denn immer wieder tauchen Berichte auf, das beengte Sitzen in der Touristenklasse könne zu Thrombosen, das sind Blutgerinnsel, in den Beinen führen.

Eine jetzt im Fachmagazin „South Africa Medical Journal“ veröffentlichte Studie fand jedoch kein erhöhtes Risiko. Keiner der 900 Passagiere, die einen Zehn-Stunden-Flug zwischen Johannesburg und London hinter sich brachten, entwickelte eine per Ultraschall feststellbare und damit „klinisch bedeutsame“ Thrombose. Die südafrikanische Untersuchung bestätigt auch eine frühere Erhebung von Rodney Hughes vom Freeman Hospital in Newcastle-upon-Tyne in England, an der 877 Personen teilgenommen hatten.

Tod einer 28-Jährigen

In der Fachliteratur sind seit den fünfziger Jahren Dutzende von Fällen dokumentiert, in denen Passagiere nach einem langen Flug Blutgerinnsel entwickelten. Einige starben daran. Besonderes Aufsehen erregte im Oktober 2000 der Fall einer 28-jährigen Australierin. Die Frau war nach einem 20 Stunden dauernden Flug von Sydney nach London an den Folgen eines Blutgerinnsels gestorben, das sich vermutlich im Bein gebildet und eine Ader in der Lunge verschlossen hatte. Angesichts vieler Millionen Flugreisender pro Jahr ist die Zahl der von Thrombosen Betroffenen allerdings gering. Dies wirft die Frage auf, ob das Problem womöglich gar nicht existiert oder aber von den Medien aufgebauscht wurde.

Mehrere wissenschaftliche Studien sind bei ihren Untersuchungen der Reisethrombosen bisher zu gegensätzlichen Ergebnissen gekommen – entsprechend umstritten sind auch die vermuteten Ursachen. So kann zum Beispiel nicht ausgeschlossen werden, dass die betroffenen Passagiere bereits ein Gerinnsel hatten, als sie ins Flugzeug einstiegen. In die jüngste Studie des Johannesburger Thrombose-Spezialisten Barry Jacobson von der Universität Witwatersrand wurden daher nur Passagiere ohne erhöhtes Thrombose-Risiko aufgenommen.

Erhöhte Gefahr besteht nach Operationen, bei Schwangerschaften oder Krebserkrankungen. Besonders wurde zudem darauf geachtet, ob Passagiere in der Touristenklasse tatsächlich anfälliger als Reisende in der Business Class waren. Im Laufe der Studie wurde jedoch in beiden Kategorien keine Thrombose entdeckt. „Das deutet darauf hin, dass Blutgerinnsel seltener auftreten als andere Studien oder sporadische Berichte Glauben machen“, sagt Jacobson.

Allerdings kommt die Studie auch zu dem Ergebnis, dass zehn Prozent der untersuchten Passagiere einen erhöhten Anteil des „D-Dimer-Enzyms“ im Blut hatten. Dies könnte auf die Entwicklung kleiner Gerinnsel hinweisen. Der erhöhte Wert konnte jedoch mit der gewählten Sitzklasse nicht in Zusammenhang gebracht werden. Keinen Einfluss hatte auch der Umstand, ob die Reisenden Alkohol konsumierten oder Raucher waren.

Erhöhte „D-Dimer-Werte“ zeigten sich vor allem bei Personen mit einer genetischen Veranlagung für Blutgerinnsel. Überraschend war zudem, dass Passagiere eine Tendenz zur Bildung kleiner Gerinnsel zeigten, die vor dem Flug Aspirin in der Annahme geschluckt hatten, dass dies eine Verdickung des Bluts vermeiden würde. Das legt nahe, dass das Medikament zwar bei arteriell bedingten Krankheiten hilfreich sein kann, bei Venenleiden jedoch weit weniger nützlich ist.

Die Fluggesellschaften sind bedacht, einen möglichen Zusammenhang zwischen langen Flügen und der Entstehung von Blutgerinnseln auszuschließen. Sie empfehlen zur Vorbeugung Sitzgymnastik und eine ausreichend hohe Wasserzufuhr. Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, plant die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kürze eine weltweite Studie mit Tausenden von Flugreisenden.

Keine Zeit für Untersuchungen

Allerdings dürfte dies, wie die südafrikanische Erhebung zeigt, neben technischen auch viele logistische Probleme aufwerfen, weil ein Großteil der Passagiere – trotz der ihnen für ihre Mitarbeit gewährten Freimeilen – nach einem Überseeflug nur ungern Zeit für Untersuchungen am Flughafen opfern wollen.

In der Zwischenzeit empfiehlt die südafrikanische Studie besorgten Flugreisenden die Verwendung von Stützstrümpfen, da sie die Blutzirkulation im Bein stabilisieren. Auch wird denjenigen, die genetisch vorbelastet sind und zu Thrombosen neigen, vor einem Flug die Injektion eines Mittels empfohlen, das die Blutgerinnung verhindert.

Selbst unter Piloten, so ist zu hören, gilt es nicht länger als lächerlich, bei Langstreckenflügen unter der Uniform Stützstrümpfe zu tragen. Mittlerweile sind spezielle „Anti- Thrombose-Strümpfe“ erhältlich, die eigens für Reisende auf Langstreckenflügen entwickelt wurden. Und ein britischer Reiseversicherer bietet die Übernahme von Gerichtskosten bis zu 36 000 Dollar an.

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