Gesundheit : Positionen: Leuchttürme darf man nicht zerstören

Günter Stock

Man stelle sich einmal vor, in München würde die Frage diskutiert, eines der beiden großen Universitätsklinika zu schließen. Oder, falls dieser Vergleich zu provinziell ist, in den Regionen San Francisco oder Boston, USA, in denen auf relativ engem Raum mehrere bedeutende Universitätsklinika hervorragende Arbeit leisten, würde ernsthaft erwogen, eines der Häuser zu schließen. Wir alle würden das mit Sicherheit nicht verstehen. Und doch: Die rot-rote Koalitionsvereinbarung sieht vor, das Klinikum der Freien Universität zu schließen.

Natürlich muss Berlin sparen. Aber ist der Ansatz richtig, es genau dort zu tun, wo Berlin Stärken hat? Wissenschaft und Kultur sind wichtige Magneten für unsere Stadt und zugleich stabilisierende Elemente. An Wissenschaft sparen heißt - so eine kürzlich veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) - darauf zu verzichten, für einen investierten Euro für das Land Berlin auf drei Euro vom Bund und von anderen Geldgebern zu verzichten. Auch Sparsamkeit darf wirtschaftliche Grundregeln nicht missachten.

Nun zu den Universitätsklinika: Brauchen wir zwei Universitätsklinika an drei Standorten? Die Antwort lautet: Ja, solange sie hervorragende Arbeit leisten, und zwar in der klinischen Forschung, in der Ausbildung, und in der medizinischen Versorgung. Genau dies ist der Fall. Die beiden Klinika haben den Prozess der Wiedervereinigung hervorragend gemeistert und stehen heute in Deutschland an der Spitze der Drittmitteleinwerbungen (das ist ein wichtiger Gradmesser für wissenschaftliche Qualität).

Wäre ein großes Klinikum nicht besser als zwei Klinika an drei Standorten? Abgesehen von der Schwierigkeit, Großkomplexe patientenfreundlich zu gestalten, zeigt die Erfahrung, dass Wettbewerb zwischen zwei und mehr Einrichtungen die Qualität steigert. In Berlin jedenfalls hat diese Lebenserfahrung genau das gezeigt. Berlin liegt inmitten von Brandenburg. In diesem Bundesland gibt es kein einziges Universitätsklinikum. Fällt es denn so schwer, über Landesgrenzen hinweg zu sehen und festzustellen, dass zwei Klinika für die Gesamteinwohnerzahl und für die Gesamtfläche Berlin-Brandenburg eher unterkritisch als überkritisch sind? Was für eine Verschwendung, heute in Berlin ein Klinikum zu schließen und möglicherweise in fünf oder zehn Jahren ein zusätzliches Klinikum für das dann vereinte Berlin-Brandenburg zu schaffen!

Wozu braucht man Universitätsklinika? Universitätsklinika sind Stätten der klinischen Forschung, der medizinischen Forschung allgemein, der Ausbildung und der Krankenversorgung, insbesondere für jene Fälle, die an anderen Krankenhäusern nicht so gut behandelt werden können. In einer Zeit, in der es darum geht, die molekulare, genetische, biologische Forschung in medizinische Hilfe für viele behandelbare Kranke zu verwandeln, brauchen wir klinische Forschung mehr denn je. Unsere Bevölkerung wird älter, wir alle haben einen berechtigten Anspruch auf die Lebensqualität, die auch die Medizin uns bietet.

Das Entdecken neuer Krankheitsmechanismen, neuer Diagnose- und Therapiemöglichkeiten, das Prüfen neuer Medikamente - all dies geschieht nicht nur in Universitätsklinika, aber doch vorwiegend dort. Es ist unser vitales Interesse dafür zu sorgen, dass Qualität, Leistungsfähigkeit, und Motivation in den Klinika nicht gestört oder sogar zerstört werden.

Kann in der Medizin überhaupt nicht gespart werden? Abgesehen von den immer nötigen und möglichen Effizienzverbesserungen lautet die Antwort: langfristig nein! Insbesondere dann nicht, wenn die medizinischen Möglichkeiten, unsere Ansprüche auf Gesundheit und gesundes Altern zu erfüllen, zunehmen werden.

Aber diese allgemeine Frage steht nicht im Vordergrund des heutigen Interesses. Die Frage lautet, ob in Berlin kurzfristig in der Medizin gespart werden kann. Zunächst gilt es festzustellen, dass in der Hochschulmedizin bereits erhebliche Einsparsummen erbracht wurden. Darüber hinaus bietet Berlin als Stadtstaat ausgezeichnete Möglichkeiten, an den beiden Klinika beziehungsweise an den drei Standorten Profilbildung zu betreiben. Zudem besteht die Möglichkeit, die Kooperation mit städtischen oder privaten Krankenhäusern in der Patientenversorgung und in der Ausbildung deutlich zu verbessern. Dies kann von Personalrotationen bis zu gemeinsamer personeller Ausstattung für bestimmte Aufgaben reichen. Es ist auch die Frage zu prüfen, ob einzelne Bereiche der Universitätsklinika, wie die Patientenunterbringung, privatwirtschaftlich günstiger zu organisieren wären (nicht zu verwechseln mit einer Privatisierung ganzer Klinika!).

Diese wenigen Skizzen mögen genügen um deutlich zu machen, dass eine noch zu berufende Expertenkommission zur Klinikumsstruktur (übrigens von der amtierenden Regierung bereits beschlossen) ausreichend Möglichkeiten hätte, konkrete Vorschläge zu erarbeiten, die ein erhebliches Einsparpotenzial haben können - ohne dass über die Schließung ganzer Klinika diskutiert werden muss.

Lässt sich überhaupt ein Universitätsklinikum praktisch und schnellstmöglich Kosten sparend schließen? Universitätsklinika werden anteilig von Bund und Ländern gefördert - neben ihren Einnahmen aus der Krankenversorgung. Dies bedeutet, dass der Bund in der Vergangenheit erhebliche Mittel in den Ausbau der Berliner Klinika investiert hat. Es ist anzunehmen, dass der Bund einen Teil seiner Mittel von Berlin zurückfordert, sollte in Berlin eines der Universitätsklinika geschlossen werden. Dies müsste im Vorfeld sorgfältig geprüft werden. Es wäre fatal, aber nicht ganz unvorstellbar, dass eine solche Rückforderungssumme nahe an die Größenordnung der gewünschten Einsparsumme heranreichen könnte. In solch einer Prüfung sollte auch der Aspekt berücksichtigt werden, auf wie viel Drittmittelgelder Berlin künftig verzichten müsste, wenn eines der Klinika nicht mehr den Rang eines Universitätsklinikums hätte.

Fazit: Der Senat von Berlin sollte sich sehr gut überlegen, ob er die "Leuchttürme" - und hierzu gehört die Universitätsmedizin zweifellos - ernstlich in Frage stellen sollte. Die Schließung eines Klinikums wird kurzfristig eher geringe Entlastung bringen; mittel- und langfristig ist es wissenschaftspolitisch und wirtschaftlich, möglicherweise auch strukturell - im Falle eines gemeinsamen Bundeslandes Berlin-Brandenburg - schädlich. Es ist fraglos ein bedenkliches Signal an alle diejenigen, die in den vergangenen Jahren auf die Attraktivität der neuen europäischen Metropole vertrauend nach Berlin gekommen sind.

Der Senat sollte schnellstmöglich Sorge dafür tragen, dass die Expertenkommission ihre Arbeit aufnimmt und rasch Vorschläge zur Struktur der Universitätsmedizin unterbreitet. Wir müssen den Spekulationen ein rasches Ende bereiten und konkrete Vorschläge realisieren.

Der Autor ist Vorstandsmitglied der Schering AG und dort für die Forschung zuständig. Er ist Gründungsmitglied der Partnerschaftsinitiative Wissenschaft-Wirtschaft. Foto:Schering

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