Gesundheit : Positionen: Wie die Generation@ aus den Institutionen marschiert

Daniel Dettling

Bislang war Bildungspolitik immer eine Sache des Staates. Der Staat war der Bezugspunkt jeder politischen Diskussion. Seine Möglichkeiten sollten den Menschen ein besseres Leben bringen. Bildungspolitik war linear organisierte Sozialpolitik, Wissensvermittlung ein staatlich hergestelltes Produkt. Die erste politische Erfahrung der Generation@ ist dagegen das Versagen des Staates in Schule und Universität. Mit Unterrichtsausfall und in technisch unzureichend ausgestatteten Schulen groß geworden, verlor diese Generation schnell den Glauben an staatlich beaufsichtigte Institutionen. Chancengleichheit und der Zugang zum Wissen werden in Zukunft nicht mehr ausschließlich Staatsaufgaben sein können. Das Internet macht wie kein anderes Medium deutlich, dass diese Zeit vorbei ist. Junge Menschen lernen nur das, was sie interessiert und ihnen etwas bringt.

Die Wirtschaft der "Generation@", die New Economy, ist die eine Revolution, die nicht in Universitäten oder Schulen von gesellschaftlichen Eliten, sondern von unten nach oben in Cafés und in Garagen ausgedacht wurde. Inzwischen hat sich auch in der Mitte der Gesellschaft die Einsicht durchgesetzt, dass Dynamik und Flexibilität des Arbeitsmarktes vom Einzelnen ein neues, lebenslanges Lernen verlangen. Dies verkünden heute Wissensgurus auf jedem Bildungskongress.

Für die Generation der Baby-Boomer und 68er war das Leben noch in Schul- und Berufszeit unterteilt. Die Einsicht, dass es in Zukunft nicht nur darauf ankommen wird, etwas lernen zu wollen, sondern auch etwas lernen zu können, verbreitet sich wesentlich langsamer. Der Ruf nach "lebenslangem Lernen" und "neuen Schulen" ist bislang weitgehend ein voluntaristisches Plädoyer einer Pädagogengeneration, die am liebsten alles beim Alten lassen will.

Die digitale Revolution macht immer mehr Informationen immer mehr Leuten schneller, überall und jederzeit zugänglich. Erlerntes Wissen, Arbeitsstrukturen und Produkte veralten extrem schnell. Neues zu lernen und Altes zu vergessen, wird selbstverständlich. Das Anhäufen von Wissen und Fähigkeiten hat seinen Sinn verloren. An seine Stelle tritt zunehmend die Fähigkeit zur intelligenten Auslese (die wichtigste Taste am PC ist die "Delete-Taste") und des simultanen Bearbeitens mehrerer Probleme. All dies stellt die traditionellen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Lernen/Arbeiten/Entspannung sowie zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre in Frage.

Im Gegensatz zum Frontalunterricht bietet das Internet eine individualisierbare Lernarbeit. Jeder lernt, so schnell er kann. Digitale Medien ermöglichen es jedem, seinen eigenen Weg zum Lernen zu finden. Bildungsbremse Nummer eins ist heute immer noch die Langeweile: In der monotonen Lernpraxis der real existierenden Schule sind die zehn Besten unter-, die zehn Schlechtesten überfordert. Mit Chancengleichheit hat diese Praxis wenig zu tun.

Junge Menschen müssen heute Lebensunternehmer sein. Jedem Einzelnen wird in Zukunft abverlangt, in unternehmerischer Freiheit und Verantwortung zu entscheiden, ob er Altes aufgibt und Neues aufnimmt. Dieser neue Typus von Lebens- und Wissensunternehmern investiert nicht nur in neue Kenntnisse und Kompetenzen, sondern auch und vor allem in sich selbst. Der Computer ist ein Instrument, in dem sich das, was man tut, mit anderen teilen lässt. Kinder präsentieren ihre Arbeit anderen Kindern. Sie lernen so viel besser als im traditionellen Unterricht, ihr Wissen anderen mitzuteilen.

Der neue Lernende wird die Aufforderung zum unternehmerischen Denken ernster nehmen. Dazu gehört auch die Kapitalisierung seiner Arbeitskraft - seines Wissens und Vermögens. Er will es gewinnbringend weiterentwickeln und verkaufen. Die neuen Lernenden wollen für sich und ihre Leistungen Anerkennung und besonders Aufmerksamkeit. Um diese "Promotion" zu ermöglichen, müssen Schulen zu Firmen werden. Es geht um einen Marktplatz für Leistungen, Entdeckungen, Beförderungen, Ernennungen, spezielle Projekte, Zugehörigkeit zu Spitzenteams bis hin zu öffentlichen Projektbörsen.

Für die lernenden Lebensunternehmer ist Macht weniger wichtig als die Freiheit, ihre Ideen und Vorstellungen umsetzen zu können. Sie sind eher antiautoritär erzogen. Heute wissen sie vor allem, was sie nicht wollen: Das Kämpfen in überholten Institutionen, die mit 1000 "guten Gründen" sagen, warum dies oder jenes nicht geht. Lebensunternehmer wollen Erlebnisse, Ergebnisse und ihren Beitrag darin sehen. Das knappste Gut der Wissensgesellschaft mit ihrer Infoflut ist die Aufmerksamkeit. Erfolg wird in Zukunft in der neuen Währung gemessen: Beachtung und Achtung.

Und die Schule? Sie wird lernen müssen, selbst zu einer lernenden Organisation zu werden. Die revolutionärste Kraft zum Wandel liegt jedoch in den Schülern selbst. Gebt ihnen, was sie benötigen und sie werden zeigen, wie die Schulen ihre Bedeutung behalten und effektiv werden können.

Der Autor leitet den Think Tank BerlinPolis (www.berlinpolis.de); Foto: promo.

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