Gesundheit : Praktika ohne Kaffeekochen: Eine studentische Unternehmensberatung arbeitet mit Internet-Firmen zusammen

Raoul Fischer,Nicola D. Schmidt

"Denglisch" sprechen können sie alle, wie es in "New-Economy"-Kreisen üblich ist. Die Drei, die auf den Monitor starren, suchen nach der richtigen Formel für das "Prizing" eines jungen Internet-Unternehmens, und zwar im "B-to-B"- und im "B-to-C"-Bereich. Dabei sind Tobias Bauckhage, Jon Handschin und Jan Beckmann noch Studenten. Derzeit erarbeiten sie, welche Preise die Firma zukünftig von seinen Kunden nehmen soll, die im Internet Dienstleistungen vermittelt. Wenn zum Beispiel jemand umziehen möchte, kann er seine Anfrage per E-mail einreichen. Diese leitet die Firma an ihre Partner-Umzugsunternehmen weiter, aus deren Angeboten sich der Kunde eines aussuchen kann. Was die Studenten erarbeiten, wird von dem Internet-Start-up dringend gebraucht. Die Eckdaten müssen realistisch sein.

Den Kontakt zu der Firma hat den Studierenden das "Electronic-Commerce-Forum" der Humboldt-Universität verschafft. Das Forum, eine studentische Unternehmensberatung, will eine oft gehörte Forderung in die Tat umsetzen, nämlich die Vernetzung von Universität und Wirtschaft. Dazu organisiert es Seminare, bei denen Studierende an Praxisprojekten teilnehmen. Gruppen von jeweils fünf bis zehn Studenten arbeiten an strategischen Problemen sowohl von Internet-Firmen als auch im E-Commerce-Bereich interessierter Industrieunternehmen und der öffentlichen Verwaltung. "Eine coole Kombination", findet Student Bauckhage. "Man macht ein studienbegleitendes Praktikum in einem spannenden Bereich und bekommt dafür auch noch eine Note." Praktikanten, die das Forum an die Unternehmen vermittelt, müssen dort nicht Kaffee holen oder Akten abheften, sondern leisten qualifizierte Arbeit.

Bewerberansturm

"Wir sind die erste studentische Unternehmensberatung, die vor allem Start-ups berät", behauptet stolz der Gründer des Forums, Gerrit Tamm. Die Praktikumsplätze sind begehrt, auf 30 bis 40 kommen 70 Bewerbungen, auch von anderen Hochschulen. Die Organisatoren sind vorwiegend angehende Wirtschaftswissenschaftler der Humboldt-Uni, die mit Oliver Günther, Professor am Institut für Wirtschaftsinformatik, zusammen arbeiten. Bisher kommen die beteiligten Studenten vor allem aus den Fächern Betriebswirtschaft und Jura, doch das soll sich ändern. "Es ist wichtig, dass wir uns auch für andere Studiengänge öffnen, Sozialwissenschaften zum Beispiel", sagt Tamm. Wer sich im Hauptstudium befindet und Web-Erfahrung mitbringt, hat gute Karten, einen der Plätze zu ergattern.

Selbstständig entwicklen

Die drei Praktikanten, die an der Preisliste für das junge Internet-Unternehmen mitarbeiten, haben in dem Kreuzberger Hinterhof-Loft ein offenes Arbeitsklima gefunden. Team-Beziehungen werden im täglichen Wettkampf am Tischfußball vertieft. "Da kommen keine Hemmungen auf", sagt Student Bauckhage. Die Studenten konnten selbstständig Ideen entwickeln, die Kollegen gaben ihnen Feedback.

Auch für die Firmen bringt die Zusammenarbeit mit dem Commerce-Forum Vorteile. Ein großes Problem der Internet-Start-ups ist es, geeignete Fachkräfte anzuwerben. An den Universitäten gebe es aber ein enormes "kreatives Potenzial", sagt der Chef der Kreuzberger Firma. Nicht-studentische Unternehmensberatungen hätten zwar mehr Erfahrungen und verfügten über vielseitigere Informationen, aber die Studenten hätten dafür besonders gute Ideen. Auch Jan Miczaika, Mitarbeiter einer anderen Internetfirma, ist mit den Humboldt-Studenten zufrieden. "Die Qualität der Beratung ist nicht schlechter", sagt er. Die Konzepte würden zwar noch überprüft, aber schon jetzt stehe fest: Dieselben Anregungen hätten bei einem Consulting-Unternehmen mehr Aufwand und Kosten verursacht. Ganz kostenlos ist die studentische Unternehmensberatung aber auch nicht. Die Projektpartner müssen eine Spende an das Commerce-Forum abführen. Daraus finanziert sich die Beratung bislang.

Während der Semesterferien veranstaltet das E-Commerce-Forum eine Sommerreihe, in der bezahlte Praktika bei Pixelpark und Bertelsmann-Springer vermittelt werden. Die Studenten arbeiten dort zwei bis drei Monate an Projekten und werden sowohl von der Firma als auch vom Forum betreut. In einer vom Forum organisierten Vortragsreihe geht es ebenfalls um die Verbindung von Forschung und Praxis. Experten, darunter Firmenvertreter von Internet-Unternehmen, diskutieren Fragen zu Risikokapital oder rechtlichen Rahmenbedingungen. Mit dem Semesterende ist für die Prizing-Projektgruppe in Kreuzberg die Zeit für die Abschlusspräsentation gekommen. Tobias Bauckhage, Jon Handschin und Jan Beckmann ziehen ein erstes Resumee: "Wir haben mehr über Prizing gelernt, als im Studium", sagen sie. Auf das Studium möchten sie aber nicht verzichten. "Das ist wichtig für die theoretischen Grundlagen", sagt Jon Handschin - sonst könne man ja gleich eine Ausbildung machen.

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