PROF. TSOKOS ermittelt : Berlin, die Knochenstadt

Aus dem Alltag eines Rechtsmediziners

Michael Tsokos

Regelmäßig melden die Medien Knochenfunde, auf die aufmerksame Spaziergänger oder Bauarbeiter bei Grabungsarbeiten gestoßen sind. Für uns ist das nichts Besonderes. In der Rechtsmedizin bekommen wir fast täglich vermeintliche Leichenteile oder Knochenfragmente angeliefert. Häufig offenbart bereits der erste Blick, dass es sich nicht um menschliche Überreste handelt. Die meisten Fundstücke entpuppen sich als Rinder- oder Wildknochen, manche auch als Reste von Schlacke, die oberflächlich betrachtet wie verbrannte Knochenstücke aussehen können.

Nur wenige der angelieferten Teile sind tatsächlich Beweisstücke im Rahmen eines aktuellen Kriminalfalls. Das liegt daran, dass der Berliner Boden voll ist mit menschlichen Überresten. In der Regel stammen sie aus längst vergangenen Jahrzehnten, die meisten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, bei dem allein in den letzten Wochen in der Schlacht um Berlin über 170 000 Menschen gefallen sind. Einige von ihnen kann man bisweilen sogar noch identifizieren, anhand von Erkennungsmarken oder Eheringen. Solche Aufgaben gehören für die Ermittler der Polizei zur Routine.

Unsere rechtsmedizinischen Kompetenzen sind dann gefragt, wenn eindeutig menschliche Knochenfunde eindeutig jüngeren Datums sind. Das kann man leicht anhand ihrer Beschaffenheit erkennen. Mehrere Jahrzehnte alte Skelettreste sind meist porös, fast styroporartig, neuere hingegen fest und massiv, je nachdem, wo sie gelegen haben und welcher Witterung sie ausgesetzt waren. Besteht der Verdacht, dass sie zu einer gegenwärtig vermissten Person gehören, bemühen wir uns um eine Identifizierung. Dafür erstellen wir ein anthropologisches Profil, das die Kriminalpolizei mit ihrer Vermisstenkartei abgleicht. Aufgrund der Länge und des Umfangs von Knochenabschnitten oder des Zustands von Gelenken können wir Geschlecht, Körperbau und -größe sowie das ungefähre Alter zum Todeszeitpunkt bestimmen. Besonders aufschlussreich sind – so vorhanden – Zähne. Kronen und Füllungen verraten viel über die ethnische Herkunft des Toten. In Osteuropa werden zum Teil immer noch auch bleihaltige Materialien verwendet, in Deutschland hingegen häufig Kunststoffe. Zudem untersuchen wir die Skelettfunde auf Verletzungen. Aber auch dabei gilt: Nicht jede Verletzung ist Indiz für ein Verbrechen. Sie kann auch bei der Bergung entstanden sein. Dass ein Knochenfund tatsächlich zum Fall für die Mordermittler wird, ist bei einigen tausend Knochenfunden, die jedes Jahr in der Berliner Rechtsmedizin untersucht werden, die absolute Ausnahme.

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