Gesundheit : Professor Wachsam

Viele Studenten nutzen das Internet zum Schummeln – doch die Hochschulen können ihnen auf die Spur kommen

Christoph Koch

In den ersten Wochen ist das Semester meist noch angenehm. Der Student pickt sich interessante Veranstaltungen heraus und nimmt sich fest vor, diesmal nicht wieder alle Arbeiten bis auf den letzten Drücker vor sich herzuschieben. Ein paar Monate später ist es jedoch häufig bei dem guten Vorsatz geblieben. Der Student sitzt kurz vor der Abgabe der Hausarbeit spät nachts überkoffeiniert und panisch vor dem Computer und hört sein eigenes Blut rauschen. Der Termin scheint unmöglich zu schaffen, und plötzlich landet er auf Internetseiten wie hausarbeiten.de, student-online.de oder schoolsucks.com.

Das Internet ist mittlerweile zu einer zwei Milliarden Seiten umfassenden Enzyklopädie geworden, die es einfach macht, eine Haus- oder Diplomarbeit per „copy & paste“ mit fremden Texten anzureichern oder sie sogar ausschließlich daraus zusammenzubauen. Die Chance, dass der Korrektor dem Betrug auf die Schliche kommt und den Ursprung der verschiedenen Textbausteine in den Weiten des Netzes entdeckt, scheint verschwindend gering – dementsprechend sinken die Bedenken und Hemmungen.

Komplett überprüfen

Doch die Zeiten, in denen die Hochschullehrer sich kaum gegen Plagiate aus dem Internet wehren konnten, sind vorbei, denn inzwischen erhalten sie von genau dort Unterstützung: Websites wie turnitin.com, plagiarism.org oder integriguard.com bieten an, eingesandte Arbeiten komplett auf Eigenständigkeit hin zu überprüfen. „Wir benutzen das Internet dazu, um Probleme zu lösen, die das Internet selbst geschaffen hat“, erklärt turnitin-Gründer John Barrie, ein Doktorand aus Kalifornien. Hinter den beiden Websites turnitin.com und plagiarism.org steht dieselbe gemeinnützige Organisation, kostenpflichtig ist der Service trotzdem. Für rund 20 Euro kann man 30 Arbeiten kontrollieren lassen, meldet sich ein Institut oder eine ganze Universität komplett an, werden die Konditionen günstiger.

Nachdem der Hochschullehrer die verdächtige Arbeit elektronisch zur Überprüfung eingesandt hat, vergleicht das Programm von turnitin.com diese mit einer internen Datenbank, in der über eine Million Hausarbeiten und Aufsätze gesammelt sind und die durch Zusammenarbeit mit anderen Datenbanken ständig weiter wächst. Darüber hinaus wird die Arbeit natürlich auch noch mit allen Dokumenten verglichen, die im Internet verfügbar sind. Das Programm erstellt dafür mit Hilfe eines eigens für diesen Service entwickelten Suchalgorithmus einen so genannten „digitalen Fingerabdruck“ und vergleicht diesen mit der existierenden Literatur. Da sowohl die Datenbank als auch das Internet nicht auf die englische Sprache beschränkt sind, findet turnitin.com mittlerweile weltweites Interesse. Aus über 50 Ländern werden inzwischen verdächtige Werke per Mail zur Verifizierung eingereicht.

24 Stunden, nachdem er die zu korrigierende Arbeit eingeschickt hat, bekommt der Dozent einen farbig codierten Ergebnisbericht per E-Mail zugestellt, in dem er genau erkennen kann, welche Stellen der eingereichten Arbeit selbst verfasst und welche unzulässig aus fremden Quellen kopiert wurden. Diese Quellen sind ebenfalls detailliert ausgewiesen und öffnen sich nach einem Mausklick in einem separaten Fenster.

„Dort wo unser Service implementiert wurde, stoßen wir auf Fälschungsquoten von rund 30 Prozent“, gibt John Barrie zu Protokoll. Das mag vielleicht etwas hoch gegriffen sein, ist aber zumindest publikumswirksam. Und genaue Zahlen über den Anteil an Fälschungen unter wissenschaftlichen Arbeiten gibt es bislang nicht. „Wir haben nur punktuelle Untersuchungen, die nicht repräsentativ sind“, gibt der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Hartmut Schiedermair, zu bedenken.

Bei einer Untersuchung in Berlin hat eine Soziologieprofessorin aber zwölf von 30 Arbeiten als Plagiate enttarnt. Wenngleich schon immer getäuscht und abgeschrieben wurde, hat Schiedermair doch den Eindruck, dass die Täuschungsversuche zugenommen haben: „Die Texte sind im Internet leicht verfügbar, und das Unrechtsbewusstsein bei einem Download ist viel niedriger, als wenn die Studenten manuell aus einem Buch abschreiben. Zum anderen wird der Leistungsdruck auf die jungen Leute immer stärker.“ Auch eine Studie der University of California in Berkeley kam zu dem Ergebnis, dass akademische Schummeleien seit dem Siegeszug des Internet drastisch zunehmen. So wurde dort in drei Jahren (Stichjahr: 1997) eine Zunahme der Täuschungsversuche um 744 Prozent beobachtet.

Eine preiswertere, dafür etwas mühseligere Variante der Überprüfung bietet die sogenannte „Essay Verification Engine“, ein Programm, das gegen eine Gebühr von 20 Euro aus dem Internet auf den heimischen Rechner geladen werden kann. „Füttert“ man das Programm mit einem eventuellen Plagiat, durchsucht es selbstständig das Internet nach Dokumenten, die Gemeinsamkeiten mit der zu prüfenden Arbeit aufweisen – was je nach Länge der Arbeit und Geschwindigkeit der Online-Verbindung sehr lange dauern kann.

Ganz Großbritannien prüft

In den USA nehmen mittlerweile hunderte von Colleges und Universitäten die Dienste von turnitin.com in Anspruch, darunter auch viele renommierte Hochschulen wie Duke, Georgetown, Boston University, Cornell oder die UCLA. Großbritannien hat soeben eine Lizenz für sein gesamtes Hochschulsystem erworben. Den Fälschern an den dortigen Universitäten stehen harte Zeiten bevor.

Auch in Deutschland ist man sich mittlerweile über das Ausmaß der Problematik durchaus im Klaren. In einer Resolution forderte der Deutsche Hochschulverbands die Universitätsprofessoren auf, stärker als bisher den Plagiaten der Studenten entgegenzuwirken. Dabei wurde den Professoren auch die Nutzung von Diensten wie integriguard oder turnitin.com empfohlen. „Wenn ich 400 Seminararbeiten korrigieren muss, kann ich die ja selbst mit einem Heer von Korrekturassistenten nicht auch noch Seite für Seite auf Originalität überprüfen. Da sind solche Hilfen natürlich ein Segen, der allerdings erst mal bezahlt sein will“, sagt Hartmut Schiedermair. Eine flächendeckende Anschaffung wie in England ist bislang noch nicht geplant, bis Mai 2003 können alle dem DHV angeschlossenen Hochschullehrer den Service von turnitin.com kostenlos testen.

Selbstverständlich können auch die hochentwickelten Suchmaschinen irren. So wurden einige Fälle berichtet, in denen auch dann die Alarmglocke losging, wenn ein fremder Text nicht kopiert, sondern korrekt zitiert wurde. Die Internetkontrolleure verstehen sich selbst allerdings auch nicht als akademische Polizei, sondern wollen lediglich überlasteten und technikunerfahrenen Professoren helfen. Der letzte manuelle Vergleich und die Entscheidung, ob tatsächlich ein Plagiat vorliegt, kann ihnen nicht abgenommen werden.

„Es geht uns nicht darum, Studenten in die Pfanne zu hauen“, erklärt John Barrie, „es geht uns darum, die Arbeitsethik und das akademische Niveau wieder zu verbessern und Leuten das Geschäft zu verderben, die mit der Betrügerei Geld verdienen wollen, indem sie akademische Arbeiten verkaufen.“

Suchdienste für Plagiate:

www.canexus.com

www.integriguard.com

www.plagiarism.org

www.plagiserve.com

www.turnitin.com

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