Gesundheit : Ruth Dreifuss im Gespräch: "Embryonen sind tabu"

Frau B,esrätin Dreifuss[vor anderthalb Jah]

Frau Bundesrätin Dreifuss, vor anderthalb Jahren hat die Schweiz über die Gentechnik abgestimmt, und sie hat sich mit einer Zweidrittel-Mehrheit für die weitere breite Anwendung entschieden. Hat Sie das nicht überrascht?

Die Forderungen der Gegner gingen einfach zu weit. Dennoch zitterte man ein wenig im voraus. Der Sieg ist aber kein Blankoscheck und aus zwei Gründen erklärbar: Zum einen haben wir Vorschläge gemacht, wie das gesetzliche Instrumentarium verstärkt werden kann. Und zweitens haben Wissenschaftler mit der Bevölkerung diskutiert. Sie haben nicht nur erklärt, was Gentechnik ist, sondern auch, warum sie mit diesen Methoden arbeiten, und was man von ihnen erwarten kann.

Kann Deutschland von der Schweiz lernen?

Ja, ich denke schon. Aber es muss weitergehen. Nur eine Mobilisierung für eine Abstimmung und dann zurück ins Labor und schweigen, das geht nicht. Der Dialog soll fortgeführt werden. Deshalb werden wir nächstes Jahr in der Schweiz ein großes Fest der Wissenschaft feiern. Wir sind eine auf wissenschaftlichen Errungenschaften aufgebaute Gesellschaft, das Wissen darf nicht eine kleine Gruppe für sich behalten.

Menschliche embryonale Stammzellen sind für die Behandlung schwerer Krankheiten im Gespräch. Die USA und Großbritannien forcieren die Erforschung dieser aus Embryonen gewonnenen Zellen, in Deutschland gibt es eine breite Ablehnung in der Politik. Wo steht die Schweiz?

Ganz klar bei unseren großen Nachbarn. Die Verfassung verbietet es strikt, Stammzellen aus Embryonen zu benutzen. Wir haben nie die Diskussion geführt, ab wann sich ein Individuum konstituiert. Bei uns besteht mit dem Beginn des Lebens ein Verbot für die Wissenschaft und die Anwendung.

Wenn sich ein Nutzen abzeichnen würde, etwa bei so schweren Leiden wie der Alzheimer- oder der Parkinson-Krankheit, würden sich dann die Verbotsgrenzen verschieben?

Solche Grenzen lassen sich nicht mit den Beschlüssen einer Regierung verschieben. Dabei geht es um grundlegende Haltungen. Wir beabsichtigen nicht, in diese Richtung zu gehen. Denn wir glauben, dass es noch andere Potenziale in der Medizin gibt.

Welchen Möglichkeiten sehen Sie in der Anwendung der Gentechnik für die Medizin?

In der Medizin haben wir in der Schweiz ja einerseits strenge Verbote und andererseits sehr flexible Möglichkeiten, die Forschung zu fördern - wenn die Grenze nicht überschritten wird. Als Wissenschaftsministerin habe ich ein Forschungsprogramm lanciert, über somatische Genmedizin. Wir besitzen hier gute Forscher, und wir haben auch bei der Forschung im Bereich der möglichen Transplantation von tierischem Gewebe, der Xenotransplantation, interessante Forschungen.

Wie halten Sie es mit der Pflanzen-Gentechnik?

Bei gesetzlichen Regelungen zur Freisetzung von Organismen und bei der Etikettierung von Nahrungsmitteln haben wir eine Pionierrolle gespielt. Wir waren die ersten in Europa, die eine Etikettierung vorschrieben, und wir haben Kontrollmöglichkeiten entwickelt. Jede Spur von Gentechnik war eine Verletzung des Gesetzes, wenn sie nicht angemeldet war. Aber nachher haben wir sehen müssen, wie sinnlos ein absoluter Nullwert ist, und haben einen Grenzwert von einem Prozent Gehalt an gentechnisch modifizierter Nahrung festgelegt. Ab dann muss etikettiert werden.

Die Haltung der Schweizer bei der Pflanzen-Biotechnik ist kritischer als bei der medizinischen Gentechnik?

Bei den Lebensmitteln ist die Haltung der Bevölkerung sehr viel restriktiver. Es ist ihr Wunsch, die traditionellen Produkte zu behalten und die Biodiversität zu gewährleisten. Man sieht die Pflanzen-Gentechniker als Zauberlehrlinge. Die Forschung im medizinischen Bereich ist dagegen mit großen Hoffnungen verbunden, es gibt mehr öffentliche Förderung, Kontrolle und Diskussion finden dennoch statt. Bei der grünen Gentechnik geht es in den Augen der Leute mehr um Profit.

Was muss die Industrie tun?

Wir möchten, dass sie auch den Schritt macht, den die Wissenschaftler getan haben, und an die Öffentlichkeit geht. Geheimniskrämerei lässt Widerstand wachsen, erst recht, wenn dazu noch der Verdacht kommt, dass es nur um Marktanteile geht. In diesem Sinne war ich sehr beeindruckt von der Arbeit von Ingo Potrykus von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Er hat einen Reis entwickelt, der mehr Vitamine enthält, und damit eine Nahrungsmittelgrundlage für eine große Bevölkerung geschaffen. Außerdem hat er das Patent freigegeben und damit den Hersteller Monsanto gezwungen, diesen Reis ohne Patentschutz zu produzieren.

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