Gesundheit : Schlecht erkannt, schlecht behandelt

Rosemarie Stein

Psychische Störungen gehören zu den am weitesten verbreiteten Leiden überhaupt. Allerdings schwanken die Schätzungen darüber, wie häufig die Beschwerden auftreten und wie viele von ihnen behandelt werden müssen. Aber selbst schwere Fälle, wie beginnende Schizophrenie oder schwere Depressionen, werden oft erst spät erkannt, hieß es auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, der erstmals in Berlin stattfand.

Doch auch wenn der Hausarzt die richtige Diagnose stellt und den Patienten einem Spezialisten überweist, ist die richtige Behandlung nicht gewährleistet. Dafür sind nicht unbedingt Defizite der Ärzteausbildung verantwortlich. Die Fehlsteuerung kann auch eine Folge des Gesetzes sein. Wie der Geschäftsführer der Psychiatergesellschaft, Jürgen Fritze, sagte, wird Psychotherapie nach der Gesundheitsreform 2000 nur dann leistungsgerecht bezahlt, wenn der "Leistungserbringer" überwiegend psychotherapeutisch tätig ist.

Daher spezialisieren sich laut Fritze die Psychiater jetzt entweder auf Psychotherapie oder sie lassen diese Methode ganz beiseite. Dann werden auch Patienten, die vor allem Gespräche oder andere psychotherapeutische Verfahren bräuchten, nur medikamentös behandelt.

Dabei lassen sich Angststörungen zum Beispiel nachweislich erfolgreicher mit einer Kombination von Arzneimitteln und Psychotherapie behandeln als durch eine der beiden Methode alleine. Der Patient kann aber leicht an einen Seelenarzt geraten, der ihm eine der beiden Heilmethoden vorenthält.

Es kommt noch schlimmer: Selbst innerhalb der beiden Behandlungskategorien werden offenbar nicht alle psychisch Kranken optimal versorgt. Die Schizophrenie zum Beispiel lässt sich mittlerweile recht gut mit neuen Mitteln behandeln. Die atypischen Neuroleptika haben weit weniger Nebenwirkungen als die früher verwendeten Präparate, sie sind jedoch wesentlich teurer. Anscheinend weil im Gesundheitswesen gespart werden muss, habe beispielsweise eine regionale Kassenärztliche Vereinigung den Ärzten mitgeteilt, das neue Mittel sei auch nicht besser als die konventionellen Medikamente, berichtete Fritze.

Aber auch Patienten, die an einen psychotherapeutisch tätigen Psychiater oder an einen Psychologen geraten, können nicht sicher sein, richtig behandelt zu werden. Denn angewandt wird eben das Verfahren, das der Therapeut beherrscht (und nicht alle Methoden sind wissenschaftlich anerkannt), nicht das in dem betreffenden Fall am besten wirksame. "Fehlversorgung" ist dies in den Augen des Sachverständigenrates für das Gesundheitswesen.

Die erst 1992 eingeführte Regelung, dass Psychiater auch in Psychotherapie ausgebildet werden müssen, will die Bundesärztekammer jetzt rückgängig machen. Die Standesorganisation kritisiert, dass die Krankenhäuser bei der Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie die Psychotherapie stark vernachlässigten. Kongresspräsident Max Schmauß nannte das eine "haltlose Unterstellung" und sprach sich gegen die Trennung von Psychiatrie und Psychotherapie aus.

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