Gesundheit : Schlechte Zeiten an der TU

Martin Kiesler

Eine kleine Umfrage hat ergeben: Als Lieblingsmedium nennt der akademische Nachwuchs immer öfter TV-Seifenopern wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Letztere scheinen angebrochen für Studentenzeitungen. Eine Bestandsaufnahme an der TU lässt auf ein großes Zeitungssterben schließen: Verschwunden sind die "GrünDerZeit" der "Landschaftsplaner" und das "Plasma" der Chemiker. Auch die Zeitung "Klärwerk" aus dem Studiengang Technischer Umweltschutz, eine der ältesten Fachbereichszeitungen an der TU, ist seit mehr als einem Semester nicht mehr auf Papier erschienen. Dafür gibt es eine frische Ausgabe im Internet. Markenzeichen der 1984 gegründeten Zeitung ist ein Krokodil, das sich auf der Titelseite räkelt. "Wir haben einen künstlerischen Anspruch und wollen auch im Computerzeitalter nicht auf unser Schnippellayout verzichten", sagt Christoph Lang, der seit 1995 bei der Zeitung mitarbeitet.

Zeitungen, die vorwiegend im Umfeld von Fachbereichsinitiativen entstehen, sind oft die einzigen Organe, über die Gremienvertreter mit Studierenden kommunizieren. Finanziert und gedruckt werden sie vom AStA, so entfällt das Einwerben von Anzeigen. Einer der Gründe für den Niedergang ist die Mühsal der Verteilung: "Wenn man die Zeitungen den Leuten nicht direkt in den Lehrveranstaltungen in die Hand drückt, ist es schwer, die Studis zu erreichen", sagt Robert Hänsch von der "SprengZeit" vom Fachbereich Maschinenbau.

Papiermüllberge in den Foyers

Bundesweit erscheinende Hochglanzblättchen, deren hohe Auflagen den Werbekunden eine große Verbreitung ihrer Anzeigen versprechen, buhlen mit halbnackten Models um die flüchtigen Blicke der Laufkundschaft und stapeln sich in den Foyers zu Papiermüllbergen. Vor längerer Zeit machten studentische Zeitungsmacher ihrem Ärger darüber Luft, indem sie überzählige Exemplare auf eine Sackkarre luden und einem der Hauptwerbekunden, einer Bank, in die Schalterhalle kippten.

Die "SprengZeit" versucht mit ungewöhnlichen Titelbildern aufzufallen. Da ist der TU-Präsident im Ethno-Look und mit Rasta-Locken zu sehen, eine Titelseite zeigt TU-Angestellte, die einen Anschlag auf eine Bahnstrecke auszuführen scheinen. Die Redaktion kommentiert das Geschehen in den Gremien oder greift mit Themen wie Atomkraft, Öko-Auto oder Rüstung den aktuellen Technikdiskurs auf. Auch Klatsch darf nicht fehlen: Auf Betriebsfeiern etwa tauchen Redakteure gern zu vorgerückter Stunde auf, wenn sich Angehörige der unterschiedlichen Besoldungsgruppen einander näherkommen. Auch die kritische Begleitung des Tagesgeschehens an der Universität kommt nicht zu kurz. So wird kommentiert, wenn ein Professor in seiner Vorlesung die Frauenbeauftragte der TU als "dumm" und "dreist" beschimpft.

"Bitter" sorgt für Gemetzel

Über mehr als Bits und Bytes berichtet der von der Fachbereichsinitiative Informatik herausgegebene "Bitter": Scharf wird darin etwa gegen die Professorenmehrheit im Fachbereichsrat polemisiert oder ironisch der Wanderpokal "Goldene Flasche" für die schlechteste Lehrveranstaltung ausgeschrieben. Gern liefert sich die Redaktion kleinere Gemetzel mit anderen studentischen Gruppen, nicht nur zu kritischer Leserpost führt: Eine Gruppierung schickte sogar eine Gegendarstellung, die Androhung juristischer Schritte und eine Anwaltsrechnung über 600 Mark. Bisher konnten jedoch alle Einschüchterungsversuche abgewehrt werden.

Ein trotziges "lest und erzittert!" ruft die Redaktion des "Narrenschiffs" ihren Lesern zu. Die Zeitung, ein Projekt aus der Germanistik, sei im Fachbereich leider nicht sehr bekannt, sagt Klaus Angermann. Vielleicht auch, weil sie ein "E-Zine" ist, die nur im Internet erscheint (www.Narrenschiff.de). "Angst oder Abwehr vor dem Computer sind noch sehr verbreitet", vermutet Angermann. Als das Narrenschiff 1997 in See stach, hatte der Fachbereich nicht einmal einen eigenen Server. Die Redaktion bemüht sich nun, Multimediamuffeln die Technik näherzubringen: So wird zum Beispiel PC-Zubehör erläutert. Dass die Mannschaft des "Narrenschiffs" journalistisch ambitioniert und technisch versiert ist, ist nicht nur an den gut gestalteten Seiten ersichtlich. Die Mischung aus kulturkritischen Beiträgen, Hintergrundinformationen zur Tagespolitik und Serviceangeboten macht sie lesenswert für ein breites Publikum.

Eine TU-Studentenzeitung fehlt

Trotz dieses Hoffnungsschimmers: Im AStA wird von einem "allgemeinen Abflauen der Szene" gesprochen. "Eine regelmäßig erscheinende TU-Studizeitung fehlt im Moment", sagt Finn Hutterer. Ob die neuen Internetprojekte ein Ersatz sind, sei fraglich: "Ich habe den Eindruck, das Internet wird eher zur Informationsbeschaffung genutzt. Kaum jemand liest am Rechner eine Zeitung." Der AStA selbst bringt die "c/o BEL" heraus, die nach dem Amtssitz der Studierendenvertretung, der Villa Bel, benannt ist. Die demnächst erscheinende Ausgabe beschäftigt sich mit der geplanten Uni-Chipkarte und mit Burschenschaften. Die ehrenamtlich tätige Redaktion nimmt für sich nicht in Anspruch, allgemeines Sprachrohr der Studis zu sein. Finn Hutterer meint: "Profs und Politiker tun häufig so, als würden sie die Meinung der Leute kennen. Für uns liegt der Knackpunkt darin: Wie können wir es schaffen, an Studenten ranzukommen und Meinungen einzufangen?"In der Serie erschienen bereits Artikel über Studentenzeitungen an den Kunsthochschulen (7. Dezember) und über die an der Humboldt-Universität (16. November).

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