Gesundheit : Schnüffeln für die Wissenschaft

DEIKE DIENING

Zehn bis fünfzehn Studenten sitzen in einem gläsernen Kasten, lesen Zeitung.Ab und zu geht einer in ein abgetrenntes Abteil und schnüffelt an flaschengroßen Trichtern.Doch geht es hier nicht darum, von Blumenwiesen zu träumen, mit Sauerstoff zu duschen oder high zu werden.Hier wird streng wissenschaftlich die Luftqualität geprüft.Am Hermann-Rietschel-Institut für Heizungs- und Klimatechnik der TU werden die Zusammenhänge von Gerüchen und Raumluftqualität systematisch untersucht.Und dafür ist die Nase noch immer das zuverlässigste Meßgerät."Solange es noch keine Maschine gibt, die ähnlich empfindlich reagiert, muß die Geruchsstärke durch Menschen ermittelt werden", sagt Thomas Spiess, Mitarbeiter am Institut.Denn eine elektronische Nase, an deren Verfeinerung Wissenschaftler schon seit Jahren arbeiten, muß mit vielen Vergleichsdaten gefüttert werden, um einige spezielle Gerüche überhaupt zuordnen zu können.Bis heute können Maschinen nur ganz bestimmte Stoffgruppen erkennen.

Eine goldene Nase hat sich mit dem Schnüffeln noch keiner der Studenten verdient, aber ein guter Job ist es dennoch - auch wenn "am Abend vorher Knoblauch, am Tag selbst dann After Shave und Parfum tabu sind, um die Ergebnisse nicht durch Eigengeruch zu verfälschen", so Spiess.Nicht jeder ist dann auch geeignet für den Studentenjob Schnüffler: einige sind beispielsweise unempfindlich gegenüber bestimmten Gerüchen, andere können sich nicht so lange konzentrieren.

Doch wie beurteilt man die Geruchsstärken von völlig unterschiedlichen Stoffen objektiv? Dazu bedarf es zunächst einer Maßeinheit.Otto-Normalriecher duscht im Durchschnitt 0,7 Mal pro Tag, ist normal gekleidet und geht einer mittleren Tätigkeit im Sitzen nach.Er verströmt einen Geruch von einem Olf.Ein Olf, das ist wie die Null-Grad-Celsius-Marke für die Temperatur der Bezugspunkt für den Geruch.Um jetzt die zu untersuchenden Stoffe in ihrer Geruchsintensität beurteilen zu können, werden sie jeweils mit Beispielintensitäten von Aceton verglichen.Denn in der Beurteilung geht es um die Stärke eines Geruchs und nicht darum, ob das, was da schließlich die Schleimhäute trifft, gut oder schlecht riecht, wohltut oder schadet.Soweit ist man am Institut mit der Einteilung in objektive Größen."Doch schaue ich immer zur Akustik und schöpfe Hoffnung", lächelt Klaus Fitzner, Leiter des Instituts.Die dort inzwischen unumstritten anerkannte Größe des Dezibel ist ebenfalls ausgerichtet an der Wahrnehmung des menschlichen Ohres.

Ziel dieser Untersuchungen, die zum Teil von der Forschungsgemeinschaft für Luft- und Trocknungstechnik finanziert wurde, ist es, Raumluftqualität beurteilen zu können.Damit wird es zum Beispiel der Bau von Klimaanlagen ermöglicht, die zuverlässig - ohne Eigengerüche zu verströmen - die Raumluftqualität verbessern.Ausschlaggebend dafür ist die Diskussion um das "Sick-Building-Syndrom", das von einer nur diffus als "schlecht" bezeichneten Raumluft ausgeht, die für die Ermüdung ganzer Heerscharen Angestellter verantwortlich sein soll."In Skandinavien ist man mit der Beurteilung schon viel weiter", so Frank Schreiber, wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut."Das mag einfach am Klima liegen: strenge Winter, gut abgedichtete Fenster, wenig Luftaustausch." So wirken die Stoffe, die für schlechte Raumluftqualität verantwortlich gemacht werden - neben Menschen auch Teppiche, Klimaanlagen oder elektronische Geräte - am intensivsten.

Die Heizungs- und Klimatechniker der TU haben sich für ihre objektive Geruchsbeurteilung eine Klimaanlage gebaut, die den Probanden eine extrem hohe Luftqualität ohne Eigengeruch liefert."Dazu wurden nur Materialien verwendet, die selbst keinen Geruch abgeben und auch Fremdgeruch nicht so schnell annehmen, wie Glas oder Edelstahl.Auch auf Gummidichtungen wurde verzichtet - Gummi riecht nämlich selbst," so Johannes Kasche vom Institut."Die Handwerker haben uns belächelt, als sie die Rohre vor der Montage auswaschen und die Baumaterialien sauber halten sollten."

Den Klimatechnikern erscheint es verwunderlich, daß der Fähigkeit des Sinnesorgans Nase bisher so wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil wurde.Während die Leistungen des Auges in Dioptrien gemessen werden und die Ohren eine bestimmte Menge Dezibel vertragen, steckt die Bewertung der Gerüche mit objektiven Meßwerten, die Olfaktometrie, noch in der Grundlagenforschung."Vielleicht, weil man den Geruchssinn am ehesten entbehren kann", vermutet Thomas Spiess.Nicht bei den Biologen oder Medizinern, die den menschlichen Körper und seine Fähigkeiten mit System vermessen, wird man am ehesten fündig, sondern bei den Klimatechnikern, die für ihre Arbeit und die Bewertung der Raumluft von einer meßbaren Größe ausgehen müssen.Und die stochern bei der Bewertung der nasalen Fähigkeiten mit der Stange im Nebel, in der Hoffnung auf etwas Hartes stoßen", so Institutsleiter Klaus Fitzner.

Bis die Wissenschaftler im Nebel Kriterien gefunden haben, kann jeder selbst schon zur Verbesserung der Raumluft beitragen: bei der Anschaffung von Möbeln, Teppichen und elektronischen Geräten darauf achten, daß diese nicht zu starken Geruch ausströmen.

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