Seelische Gesundheit : Das Leiden der Schwächsten

Die diesjährige „Woche der Seelischen Gesundheit“ widmet sich besonders Kindern und Jugendlichen. Es geht um das Wohlbefinden von Heranwachsenden, deren Eltern unter einer psychischen Erkrankung leiden.

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Zurück ins Leben: Reha für Psychiatriepatienten.
Zurück ins Leben: Reha für Psychiatriepatienten.Foto: Thilo Rückeis

Wie kann ein Kind das verkraften? Noch vor ein paar Tagen war die Mutter in übermütiger Stimmung, bestellte fünf Eisbecher und wünschte sich einen Elefanten. Jetzt liegt sie lethargisch im Bett. Bonnies Mama hat diese extremen Stimmungsschwankungen, weil sie unter einer bipolaren Störung leidet, bei der sich manische mit depressiven Phasen abwechseln. Die Großmutter konnte das im Alltag auffangen, nach ihrem Tod ist das neunjährige Mädchen überfordert. Bonnie ist keine reale Person, sondern eine Filmfigur, zu sehen in „Übergeschnappt“ am kommenden Donnerstag (18. Oktober, 19 Uhr) im Kino Toni in Weißensee. Der niederländische Film (2005) wird dort im Rahmen der 6. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit gezeigt, die noch bis 21. Oktober läuft. Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Einige der 150 Veranstaltungen widmen sich ihnen indirekt: Es geht um das Wohlbefinden von Heranwachsenden, deren Eltern unter einer psychischen Erkrankung leiden, wie Bonnies Mutter. „Angehörige psychisch Kranker sind zwar in den letzten Jahren immer mehr in den Blick geraten, auf Kinder wurde dabei aber wenig geachtet“, sagt Iris Hauth, Chefärztin im St.-Joseph-Krankenhaus Weißensee. Die Psychiaterin wird nach dem Film eine Diskussion leiten.

Die meisten Vorträge, Workshops, Lesungen, Ausstellungen und Diskussionen behandeln aber die seelischen Erkrankungen der Heranwachsenden selbst. „Fast 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben psychische Auffälligkeiten“, sagt Wolfgang Gaebel, Psychiatrieprofessor in Düsseldorf und Vorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit. Das Bündnis arbeitet zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, dem Berliner Bündnis gegen Depression, den Psychiatrie-Koordinatoren der Bezirke und dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker. Gemeinsam organisieren sie seit sechs Jahren diese Woche, mit Aktionen im gesamten Bundesgebiet. Einige sind eher für Eltern, Lehrer und Erzieher interessant, andere wenden sich an Profis im Gesundheitswesen. Die meisten jedoch sind für die allgemeine Öffentlichkeit gedacht. So kann man sich über Möglichkeiten informieren, frühkindliche Bindungen zu stärken, mit der oft beängstigenden Diagnose Autismus zurechtzukommen oder Essstörungen bei Jugendlichen zu erkennen.

Am Dienstag informiert die kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung des Vivantes-Klinikums im Friedrichshain über das komplexe Thema Schulverweigerung. Hinter dem Begriff verbirgt sich mehr als das gelegentliche, coole Schwänzen älterer Gymnasiasten. Es geht auch um jüngere Kinder, die zum Teil mit Wissen der Eltern wochenlang dem Unterricht fernbleiben. Ihr „Bauchweh“ und „Kopfweh“ rühren oft von der Angst vor der Schule. Grund können Überforderung oder eine beginnende seelische Erkrankung sein. Experten betrachten Schulverweigerung als Symptom, dessen Ursachen sorgfältig und individuell abgeklärt werden sollten – so früh wie möglich. Am Mittwoch geht es in einer Schule selbst, im Max-Planck-Gymnasium in Mitte, um die Früherkennung psychischer Erkrankungen. Anzeichen einer Abhängigkeit von Alkohol, Cannabis oder vom Internet, einer Essstörung oder einer beginnenden Schizophrenie früh zu erkennen – das kann die Heilungschancen erhöhen. Während Jugendlichen dabei gute Aufklärung hilft, sind kleine Kinder auf die Aufmerksamkeit der Erwachsenen in ihrer Umgebung angewiesen. „Merkt Ihr denn, wie schlecht’s mir geht?“ lautet der sprechende Titel einer anderen Veranstaltung. Er ist auch auf die Kinder zu beziehen, deren Eltern an einer psychischen Krankheit leiden. So leidet auch die Beziehung zum Neugeborenen, wenn eine Mutter an postpartaler Depression erkrankt. „In solchen Fällen nehmen wir immer die Babys zusammen mit den Müttern auf“, sagt Iris Hauth. Aber auch wenn Patienten ältere Kinder haben, fragen die Psychiater nach deren Wohlergehen und danach, wer sie denn in der Zwischenzeit zu Hause versorgt.

Bonnies Geschichte endet übrigens optimistisch, am Ende geht es der Neunjährigen und ihrer Mutter recht gut. „Man kann bereits Kindern viel über seelische Erkrankungen ihrer Angehörigen erklären“, versichert Psychiaterin Hauth. „Ihre Kreativität ist meist eine wichtige Ressource, die bei der Bewältigung des schwierigen Alltags hilft.“

Das detaillierte Programm unter www.berlin.seelischegesundheit.net

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