Gesundheit : Sicherheitsrisiko Student

Wer in den USA studieren will, muss sich verschärften Kontrollen unterziehen

Henrike Lehnguth

Stattliche Gebäude, umfangreiche Bibliotheken, enge Kontakte zu Dozenten: 600000 ausländische Studenten versuchen in den USA zurzeit ihr akademisches Glück. Für sie hat sich seit dem 11. September 2001 einiges verändert: Sie gelten als potenzielles Sicherheitsrisiko. Schließlich nutzten die Attentäter Mohammed Atta und Marwan Alschehhi den Studentenstatus für ihre Zwecke. Doch die Kontrollen helfen nicht nur der Sicherheit, sondern stören auch den internationalen Kontakt. Wie die Zeitung „San Francisko Chronicle“ in unlängst berichtete, beklagen Hochschulen wie die Uni Berkeley, dass manche Fächer bis zu einem Drittel der ausländischen Studenten verloren haben. Am Maryville College in Tennessee hätten nur noch 14 Ausländer am English Language Programm teilgenommen, statt wie früher 50. Die übrigen wurden nicht ins Land gelassen oder abgeschreckt – für die Unis und ihr Umfeld nicht nur ein kultureller, sondern auch ein wirtschaftlicher Schaden.

Wer sich für ein Visum bewirbt oder aber nur sein Studentenvisum verlängern will – was nur außerhalb der USA möglich ist – kann im Zweifelsfall monatelangen Sicherheitsüberprüfungen ausgeliefert sein. Eine Studentin der University Maryland erzählt von ihrem iranischen Kommilitonen, der dadurch ein ganzes Semester verlor. Während er an den Toren der amerikanischen Grenzen strandete, durfte seine Frau jedoch ohne ihn in den amerikanischen Hafen einsegeln. Die Erfahrung, dass die Entscheidungen des Botschaftspersonals häufig „unkalkulierbar“ sind, machen auch deutsche Studenten und Nachwuchswissenschaftler, wie Christian Schäfer, Leiter des Nordamerikareferats des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), kritisiert: „Bei manchen läuft alles glatt, bei anderen gibt es wegen Kleinigkeiten plötzlich gewaltige Probleme.“

Das Bedürfnis nach Sicherheit können die ausländischen Studierenden nachvollziehen. Die Methoden sind ihnen jedoch nicht geheuer. Die indische Studentin Veneeta erzählt, wie ihr Reisepass an der Grenze mit dem Aufkleber „special interest country“ versehen und pingelig überprüft wurde. Um ihr Visum erneuern zu lassen, musste sie Abdrücke aller zehn Finger abgeben.

Um ein Studentenvisum zu erhalten, müssen Ausländer neuerdings bei der amerikanischen Botschaft vorsprechen, beklagt Ana, eine südamerikanische Studentin. Dazu müsse man einen Termin vereinbaren – telefonisch, obwohl diese spezielle Telefonnummer den Anrufer mit besonders hohen Kosten belastet. Das gleiche gilt für deutsche Studenten, wie Schäfer vom DAAD berichtet: „Die Botschaft ist ganz schwer zu erreichen, die Infoline ist sehr teuer – und dann bekommen nicht mal alle eine richtige Auskunft, weil sich die Bestimmungen ständig ändern.“

Schäfer kritisiert auch, dass Studenten, die in den USA studieren wollen, Kosten entstehen, wenn sie zum Pflichtinterview zu den Generalkonsulaten in Berlin oder Frankfurt reisen müssen. Wer vergessen hat, Haartrockner oder Mobiltelefon im Hotel zu lassen, kann sich auf zusätzliche Wartezeiten einstellen – denn elektronische Geräte dürfen nicht über die Schwelle der Vertretung getragen werden.

Schäfer berichtet von einer Professorin, deren Doktorandin ihren Forschungsaufenthalt in den USA erst viel später als geplant antreten konnte, weil sie trotz frühzeitiger Anmeldung nicht rechtzeitig einen Interviewtermin in der Botschaft bekommen konnte. Am schlimmsten wird der Austausch behindert, wenn Doktoranden, die aus „Schurkenstaaten“ stammen, ihre Projekte in den USA fortsetzen wollen: „Aus Iran oder Irak kriege ich keinen mehr rein“, sagt Schäfer. Schwierigkeiten habe es aber auch bei Naturwissenschaftlern gegeben, deren Gebiete aus Sicht der Behörden der Kampftechnik dienen könnten.

Annika, eine finnische Studentin, kritisiert, dass sie bei der Erneuerung ihres Visums die Adressen der Eltern und aller Geschwister preisgeben musste. Obendrein musste sie auch noch zwei Kontaktpersonen benennen, die das amerikanische Konsulat über ihre Person befragen darf. „Keiner fragt, ob meine Eltern und Geschwister das überhaupt wollen.“

Das Sicherheitsrisiko „Student“ wird von den Behörden außerdem durch „Sevis“ eingedämmt, das „Student and Exchange Visitor Information System“. Das Computersystem, zu der die Immigrationsbehörde direkten Zugang hat, speichert zentral Daten aller ausländischen Studierenden. Vor dem 11. September konnten jedes Jahr zahlreiche Menschen mit Studentenvisa einreisen und untertauchen.

Oft machten sich die Unis damals nicht einmal die Mühe, diese „no-shows“ bei den Behörden zu melden. Sevis und eine rigorose Meldepflicht wirken dem nun entgegen, wie eine Sprecherin des „International Educational Services (IES)“ der Universität Maryland, eine Anlaufstelle für ausländische Studierende, betont.

Doch Sevis löst auch Angst bei Studenten aus, eines Tages Ziel einer willkürlichen Politik zu werden, sogar bei amerikanischen Studenten. Schließlich ist „Sevis in der Hand der Bush-Regierung“, wie eine amerikanische Studentin sagt.

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