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Europäisches Kulturerbe: Ein Forschungsprojekt der TU Berlin lässt das Multimedia-Kunstwerk der Weltausstellung von 1958 wieder auferstehen

Michael Vrzal

Philips wollte die Besten. Der eigene Pavillon bei einer Weltausstellung war dem niederländischen Elektronikmulti jeden Aufwand wert. Deshalb engagierte man den Bauhaus-Star Le Corbusier und seinen Assistenten Iannis Xenakis. Die beiden stellten 1958 ein wunderliches Gebilde aus segelähnlich sich blähenden, zeltförmig gegeneinander aufgestellten Betonschalen auf das Brüsseler Expo-Gelände. Im Innern erlebten die grüppchenweise eingelassenen Besucher die erste Multimedia-Performance der Welt. 350 Lautsprecher, dazu Dia- und Filmprojektoren und verschiedene Lichteffekte – selbstverständlich alles aus dem Philips-Sortiment – konfrontierten das Publikum mit nichts weniger als einer Apotheose der Menschheit in Bild und Ton.

Gut zwei Millionen begeisterte Besucher soll die Show während der Dauer der Weltausstellung angezogen haben. Danach war Schluss. Der von Beginn an als temporäres Kunstwerk geplante Pavillon wurde abgerissen. Übrig geblieben sind Fotos und acht Minuten elektronische Musik: das eigens für die Installation komponierte „Poème électronique“ des Frankoamerikaners Edgar Varèse.

Knapp 50 Jahre später ist der Pavillon Legende – oder, wie der Kommunikationswissenschaftler Stefan Weinzierl von der Technischen Universität Berlin erklärt: „Aus heutiger Perspektive muss man sagen, dass der Pavillon ein Stück Mediengeschichte ist: die erste multimediale Installation, ein Gesamtkunstwerk, bei dem ein Raum nur für eine audiovisuelle Präsentation gebaut wurde, die in seinem Inneren stattfindet.“

Weinzierl leitet den deutschen Part des Projekts „Virtual Electronic Poem“, einer im Rahmen des EU-Programms Kultur 2000 geförderten Kooperation von vier europäischen Universitäten. Neben der TU Berlin sind das Turin (Italien), Bath (England) und Gliwice (Polen). Das gemeinsame Ziel ist die detailgetreue Rekonstruktion den Brüsseler Philips-Pavillons. Die EU hat das Corbusier-Varèse-Projekt von 1958 als europäisches Kulturerbe deklariert.Im Unterschied zu anderen Wiederaufbaumaßnahmen zumeist im Krieg zerstörter Baudenkmäler findet „Virtual Electronic Poem“ vollständig im Computer statt. Das Projekt ist auch eine Demonstration des auf dem Gebiet der virtuellen Realität derzeit technisch Machbaren.

In Sachen Raumsimulation demonstrieren aktuelle Computerspiele, dass nichts mehr unmöglich und Fotorealismus nur noch eine Frage der Zeit ist. Akustischer Stand der Dinge ist allerdings im Home- Entertainment ein maximal achtkanaliger statischer Surround-Sound. Den lässt der originale Poème-électronique-Soundtrack mit seinen neun bewegten Klangbahnen allerdings ziemlich alt aussehen. Das macht die Vorgabe für die Forschergruppe an der TU Berlin, deren Aufgabe die akustische Simulation des Philips-Pavillons ist, zu einer echten Herausforderung.

Wer sich später den Virtual-Reality-Helm aufsetzt und das Programm „Virtual Electronic Poem“ startet, soll vollkommen in die simulierte Umgebung eintauchen können. Dazu müssen die originalen Klangrouten psychoakustisch so codiert werden, dass sich der ursprüngliche Klangeindruck auch unter einem gewöhnlichen Stereo-Kopfhörer einstellt. Im realen Philips-Pavillon waren diese Klangrouten per Telefonrelais über die im Raum verteilten 350 Lautsprecher geleitet. Und mehr noch: Der Besucher soll sich im Cyberspace auch nach Belieben drehen und bewegen können, ohne dass die Orientierung in der computergenerierten Klangblase verloren geht.

Das klingt, als ob sich im Büro von Weinzierl schon die Spielehersteller die Klinke in die Hand geben müssten. Doch der winkt ab: Noch seien die technischen Verfahren zu aufwendig für eine kommerzielle Nutzung. Die Vorberechnung des akustischen Fingerabdrucks eines Raumes dauert Tage und produziert Datenmengen, die zu verwalten alleine schon eine Kunst ist. Dazu kommt später der permanente Abgleich mit den Kopfbewegungen des „Besuchers“ und die in Echtzeit, also vollkommen verzögerungsfrei erfolgende Zuordnung der passenden Rauminformationen aus der zuvor angelegten Datenbank. Wenn überhaupt, dann schweben Weinzierl ohnehin ernstere Nutzungsmöglichkeiten vor. Zum Beispiel Telekonferenz-Systeme, die entfernte Gesprächspartner virtuell in einem Raum zusammenkommen lassen. Oder Surround-Simulatoren für beengte Raumverhältnisse, etwa für Übertragungswagen von Rundfunkanstalten.

Im August 2005 soll das „Virtual Electronic Poem“ fertig und für die Allgemeinheit zugänglich werden. Vorführen wollen es die Wissenschaftler in einer reisenden Installation durch die teilnehmenden Städte und, in leicht abgespeckter Form, auch über das Internet.

Ob die Virtualisierung auch die humanistische Botschaft des Kunstwerks erhalten kann, ist fraglich. 1958, nur 13 Jahre nach Kriegsende, muss die Wirkung von Le Corbusiers Schwarz-Weiß-Bildern von Babys, archaischen Masken, einer stolzen Afrikanerin und von Atombombenexplosionen in Verbindung mit der extremen Architektur und Varèses Begleitung aus moduliertem Rauschen, gefilterten Sinustönen und verfremdeten Klangschnipseln jedenfalls enorm gewesen sein. Heute dürfte zweifellos die Technologie mehr Aufsehen erregen. Der Cyberspace ruft.

Das Projekt im Internet:

www.edu.vrmmp.it/vep/

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