Gesundheit : Sind die vielen Willkommensfeiern für Anfänger nur überflüssiges "Vorgeplänkel"?

Tilmann Warnecke

Für den Semesterstart hat der Astrophysik-Dozent Jens-Peter Kaufmann sein Instrument schon bereitgestellt. Aber nicht etwa das Teleskop, sondern das Cello. Kaufmann leitet das sechsköpfige Kammerorchester des Fachbereichs Physik an der Technischen Universität, das die 30 Studienanfänger wie jedes Jahr auch in diesem Sommersemester mit einem Mozart-Konzert begrüßen wird. "Es dauert zwar nur sieben Minuten. Die Studenten sind trotzdem meistens erst verblüfft und dann begeistert", meint Kaufmann. Er hofft, dass er seinen Erstsemestern mit dem Begrüßungsständchen die richtige Melodie fürs Unileben vorspielen wird: "Die Musik soll ihnen zeigen, dass es an der Uni nicht nur um die Jagd nach dem Leistungsschein geht. Die wenigsten von ihnen werden nach der Universität noch einmal die Möglichkeit haben, an einem einzigen Ort so viele verschiedene Dinge zu lernen."

8000 "Erstis"

Auch an anderen Fachbereichen werden die Sinne der rund 8000 "Erstis", wie die neuen Studenten bei den Alteingesessenen liebevoll heißen, geschärft, vor allem die Geschmackssinne. Ob Philosophentee oder Historikerfrühstück: keine Erstsemestereinführung ohne Nutellaglas und Kaffeekanne. Die Fachschaftsinitiativen der Institute wollen mit den Frühstücken die ersten frustierenden Erfahrungen bei der Immatrikulation vergessen machen. Denn obwohl die Studentenzahl in Berlin seit 1994 um fast 20 000 auf 131 000 gesunken ist, reichten die Schlangen bei der Einschreibung etwain der Humboldt-Universität zeitweise durch das ganze Erdgeschoss.

Die 300 angehenden Historiker der Humboldt-Universität können sich mit einem historische Stadtrundgang auf ihr Fach einstimmen. Die Erstsemester, die es etwas moderner mögen, gehen auf den GraffitiSpaziergang der katholischen Studentengemeinde. Die Berliner SPD kümmert sich besonders rührend um alle Neuzugezogenen. Sie veranstaltet Anfang Mai ein "Nulltes Semester" und legt dabei einen Tag im beliebtesten studentischen Möbelhaus Ikea ein. Die Genossen haben versprochen, den Transport von Billy in die neue Studentenbude zu übernehmen. Nicht mitgeteilt wurde allerdings, ob das Bafög rechtzeitig zum Einkaufsbummel erhöht wird.

Für den Jura-Professor Christian Kirchner von der Humboldt-Universität ist das alles "Vorgeplänkel", von dem er nicht viel hält. "Meiner Erfahrung nach hat es sich nicht als sinnvoll erwiesen, eine Einführungswoche abzuhalten. Darunter leidet der gesamte Lehrbetrieb", meint er. Kirchner muss es wissen: Er ist Studiendekan an seiner Fakultät und damit für die Belange der Lehre, also auch der Studenten, zuständig. Die Jura-Studienanfänger, die neben ihren MedizinerKollegen die meisten Neu-Studenten an der HU stellen, müssen heute gleich nach einer zweistündigen Begrüßung die ersten Paragraphen pauken. "Die Erstemester, die frisch von der Schule kommen, wollen auch gar keine große Einführung. Die sind frisch, die sind hungrig, die wollen ran an den Stoff", glaubt Kirchner.

Sebastian Wilhelm würde das nicht unbedingt unterschreiben. Der Theologiestudent spricht vom "Theorieschock", den die meisten Erstsemester zunächst an der Uni erleiden. Die HU-Theologen nehmen das Wort "Erstsemestereinführung" deswegen wörtlich und treffen sich mit ihren neuen Kommilitonen in den kommenden Monaten regelmäßig einmal pro Woche. "Da können auch peinliche Fragen gestellt werden, die man sich beim Professor nicht trauen würde", meint Wilhelm, der seit über einem Jahr die Studienanfänger als Tutor betreut. Sogar auf Reise dürfen die Neuen gleich gehen: nach einem gemeinsamen Wochenende in Brandenburg sollen sie sich engültig bei der Alma mater heimisch fühlen.

Rumänische Mensawochen

Die Mensen, deren Mahlzeiten immer Gesprächsstoff für die Mittagspausen bieten, wollen die neue Kundschaft mit kulinarischen Extravaganzen an sich binden: Rumänische Wochen stehen zu Semesterbeginn auf der Speisekarte. Dazu wird extra der Chefkoch der Technischen Universität Bukarest eingeflogen. "Auch wenn die rumänische Küche vielleicht ungewohnt für deutsche Mägen ist, denke ich doch, dass die Aktion Aufmerksamkeit erregt und den Alltagstrott durchbricht", meint Hans-Jürgen Fink, Verwaltungschef der Uni-Mensen hoffnungsfroh. Für die halbe Entenkeule Ratapevarza, die am ersten Tag hungrige Studentenmäuler stopfen soll, wurden 1200 Kilogramm Flugente eingekauft. 36 000 Hackfleischbällchen der Marke Mititei warten ebenfalls auf baldigen Verzehr. Zum Nachspülen steht rumänischer Wein bereit. Wem all das nicht bekommt, kann einen Verdauungsschluck bei der gemeinsamen Tequila-Party der drei Berliner Unis nehmen.Weitere Tipps rund um den studentischen Alltag gibt es im Tagesspiegel immer dienstags, donnerstags und sonnabends auf den Campus-Seiten. Mittwochs und freitags erscheinen die Seiten Bildung und Wissenschaft mit Nachrichten aus der Hochschulpolitik.

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