Gesundheit : Singen

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Südtirol. Mitten in einem ziemlich abgelegenen Tal, auf der Sommerakademie eines bundesdeutschen Begabtenförderungswerkes. Natürlich diskutieren die hochbegabten Studierenden nicht nur Tage und Nächte über Gott und die Welt, sondern klettern auch auf die umliegenden Berge. Einer der Studenten zitiert, während man noch mitten in der Nacht mühsam eine relativ steile Wand hoch- keucht, etwas außer Atem: „Im Frühtau zu Berge“. Der Dozent ergänzt, quasi mechanisch, ebenfalls etwas kurzatmig: „… wir ziehn, fallera, es grünen die Wälder, die Höhn, fallera“. So hat er es in der Erich-Kästner-Grundschule in Berlin-Dahlem oft gesungen und so hat sich ihm das ursprünglich schwedische Volkslied unauslöschlich eingeprägt. Entsprechend kann er auch noch den Refrain zitieren: „Wir wandern ohne Sorgen, singend in den Morgen, noch ehe im Tale die Hähne krähen“. Darauf der Student, erkennbar verwundert: „Ach, ich wusste gar nicht, dass diese Zeile aus einem Lied stammt. Ich dachte immer, das sei so ein Satz aus der Werbung.“

Was lehrt die kleine Szene? Zweierlei. Zum einen wurde – im Unterschied zu West-Berliner Grundschulen der frühen siebziger Jahre – offenkundig in hessischen Grundschulen der achtziger Jahre nicht mehr aus den klassischen Liederbüchern der deutschen Jugendbewegung und Nachfolgewerken gesungen. Fritz Jödes „Der Musikant“ aus den zwanziger oder Heiner Wolfs „Unser fröhlicher Gesell. Ein Liederbuch für alle Tage“ aus den fünfziger Jahren sind auch längst vergriffen; der Versuch, jüngst einer Gruppe von Freunden Beispiele aus diesen Sammlungen zu rezitieren – „Wenn die bunten Fahnen wehen“ oder „Mich brennts an meinen Reiseschuhn“ (immerhin Eichendorff) – endete mit der berühmten Formulierung eines französischen Comics, vehement vorgetragen: „Nein, Du wirst nicht singen“ und allerlei Mutmaßungen über inhaltliche Verbindungslinien zwischen Jugendmusikbewegung und Nationalsozialismus. Ein weites, kompliziertes Feld.

Zum anderen wird aber auch nur noch selten gesungen. Weder sang der Dozent in Südtirol das erwähnte schwedische Volkslied, noch überhaupt irgend jemand auf der betreffenden mehrstündigen Wanderung, übrigens auch dann nicht, als die relativ steile Wand bewältigt war. Fast hat man den Eindruck, als sängen nur noch engagierte Kirchgänger, begeisterte Fans in Fußballstadien und besoffene deutsche Touristen in Rimini. Selbst wenn, vorsichtig gesagt, nicht jeder Text des genannten Liedgutes überzeugt – eine vollständige damnatio memoriae haben solche Lieder ungeachtet aller Probleme doch nicht verdient. Das könnte man jetzt an Eichendorff und seinem wunderbaren Gedicht über das Brennen an den Reiseschuhen explizieren. Vielleicht sollte aber einfach auch wieder mehr gesungen werden. Beispielsweise in Schulen.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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