Gesundheit : Sinti und Roma: Auf der Hassliste

Ingo Bach

Sie stehen noch heute unangefochten an der Spitze der Hassliste der Deutschen: Sinti und Roma. "Über kein anderes Volk wissen die Deutschen so wenig und haben gleichzeitig so viele negative Vorurteile", sagte Wolfgang Wippermann, Neuzeit-Historiker an der Freien Universität. Umfragen aus den 90er Jahren hätten ergeben, dass zwei Drittel der Deutschen Sinti und Roma ablehnen. Und genau deshalb sei das Interesse an der Verfolgung dieses Volkes im Nationalsozialismus - Wippermann nannte es den Zweiten Holocaust - in Deutschland so gering.

Der Historiker, der seit Jahrzehnten diesem Zweiten Holocaust nachforscht, sprach in der Staatsbibliothek aus Anlass der derzeit dort gezeigten Ausstellung "Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma", die an diesem Ort noch bis zum 12. April zu sehen ist.

"Es besteht kein Unterschied zwischen Juden und Zigeunern", hieß es aus den Schaltzentralen des Dritten Reiches. Doch ist der Hass auf die Sinti und Roma keine Erfindung der Nationalsozialisten. Als sie an die Macht kamen, waren "Zigeuner" in Deutschland schon über 400 Jahre lang eine verfolgte Minderheit. Die Gründe für die Ablehnung reichen weit in die Geschichte zurück. Wie der Antisemitismus basiert auch der Antiziganismus auf religiösen Motiven. Den Juden gab man die Schuld an Jesus Tod. Sinti und Roma warf man vor, sie hätten die Nägel für das Kreuz geschmiedet.

Über beide Bevölkerungsgruppen raunten sich die Leute Schauergeschichten zu, etwa dass sie kleine Kinder rauben. "Der Teufel sei der Vater der Juden, glaubte man im Mittelalter", sagte Wippermann. "Und die Zigeuner besäßen teuflische Fähigkeiten und hätten wie der Teufel dunkle Haut und schwarze Haare."

Politische Begründungen für Diskriminierungen kamen erst später. Als Ende des 15. Jahrhunderts die Angst vor einer Invasion der Türken in Europa umging, suchte man einen Sündenbock - und fand ihn in den Sinti und Roma. "Man hielt sie für die Fünfte Kolonne der Osmanen." 1498 erklärte ein deutscher Reichstag die Sinti und Roma für "vogelfrei". Sie wurden überall verfolgt und durften sich nirgends ansiedeln, Bildungseinrichtungen blieben ihnen verschlossen - "Aus diesem Grunde ist die Kultur der Sinti und Roma auch eine mündliche Kultur", so Wippermann. Die Angst vor vorgeblich weltweit organisierten Juden - dem Weltjudentum - sei dagegen erst sehr viel später entstanden.

Und während die jüdische Bevölkerungsminderheit im 19. Jahrhundert im Deutschen Reich allmählich assimiliert wurde, per Gesetz sich sogar emanzipieren konnte, hielt man die "Zigeuner" für ein "nicht verbesserungsfähiges, faules, schmutziges und lüsternes Volk", so in einer Denkschrift des Göttinger Gelehrten Heinrich Moritz Grellmann aus dem Jahre 1783.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma massiv ausgewiesen. Und 1911 diskutierte man ernsthaft den Vorschlag, "Zigeuner" in die Kolonien zu deportieren oder sie in Arbeitslager zu zwingen. Die Gesetzgebung des Kaiserreiches schränkte die Rechte von Sinti und Roma mit deutscher Staatsbürgerschaft stark ein. So galt für sie die freie Berufswahl nicht.

In der Weimarer Republik änderte sich an der Diskriminierung wenig. Bayern und andere Länder setzten "Zigeunergesetze" in Kraft. Sinti und Roma sollten in Arbeitshäuser eingewiesen werden. "Die Definition, wer Zigeuner ist, war eindeutig rassistisch." Wippermans Resümee: "Die Nationalsozialisten brauchten nach ihrer Machtübernahme zunächst gar keine spezielle Gesetzgebung gegen Sinti und Roma zu beschließen. Sie konnten die Gesetze des Kaiserreiches und der Weimarer Republik nutzen."

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