Gesundheit : Spritze gegen Makkaroni im Kopf

MARIE-THÉR¡ESE HEEMELS

ZUERST BLEIBT DAS LEIDEN UNBEMERKT . Wir verschusseln, wo die Schlüssel sind, wir vergessen einen Namen oder zwei. Aber wem passiert das nicht einmal gelegentlich? Langsam werden die Probleme schwerwiegender: Werkzeug landet im Kühlschrank, Kleider im Geschirrspüler, Bücher im Ofen. Schließlich zerstört die Krankheit, was uns als Menschen so einzigartig macht: unser Gedächtnis, unsere geistigen Fähigkeiten, unsere Geschicklichkeit, unsere Sprache. Bis wir schließlich unserer Persönlichkeit beraubt sind. Die Rede ist von der Alzheimer-Krankheit, der häufigsten Form von geistigem Verfall (Demenz).Diese Veränderungen in unserem Dasein haben mit fortschreitender Fehlfunktion und dem Tod von Nervenzellen zu tun, die für das Verarbeiten und Speichern von Information in unserem Gehirn zuständig sind. Medikamente können diesen Prozeß verlangsamen, aber eine Heilung ist nicht möglich. Die Zeichen des Leidens im Gehirn von Alzheimer-Patienten sind unübersehbar: Verlust von Nervenzellen - vor allem in den Regionen, die mit Nachdenken und Gedächtnis befaßt sind -, Ablagerungen von Eiweißmolekül-Geflechten in den überlebenden Nervenzellen und die Anreicherung von "senilen Plaques" - außerhalb der Zellen gelegene Eiweiß-Depots, die von verformten Nervenzellen umgeben sind. Die Plaques füllen den Kopf wie Makkaroni aus.In der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" berichten Dale Schenk und seien Kollegen von der Firma Elan Pharmaceuticals in South San Francisco, daß es ihnen gelungen ist, auf atemberaubend einfache Weise Mäuse von den alzheimerartigen "senilen Plaques" zu befreien.Während des letzten Jahrzehnts wurden bemerkenswerte Fortschritte beim Verstehen der Krankheit gemacht. Mindestens vier Gene wurden gefunden, die eng mit der Entwicklung der Krankheit verbunden sind, und zweifellos werden es noch mehr werden. Mit dem Einfügen eines Erbmerkmals in den genetischen Bauplan einer Maus (oder umgekehrt dem Entfernen eines Gens) und dem Studieren der Effekte dieser Gen-Transplantation auf den Körper der Maus versuchen die Forscher herauszufinden, welche Funktion die Proteine haben, die nach dem Bauplan des betreffenden Gens hergestellt werden.Eines der "schuldigen" Gene enthält den Bauplan für das Amyloid-Vorläufer-Protein (APP). Es wird in unseren Nervenzellen hergestellt. Zwar ist die normale Funktion von APP unbekannt, doch sind Veränderungen in dem Protein mit Formen von Alzheimer verbunden. Wie verändertes APP den Tod von Nervenzellen verursacht, ist ein Geheimnis, aber Bruchstücke dieses Proteins, als Beta-Amyloid-Peptide bezeichnet, sind die Hauptbestandteile der senilen Plaques in den Gehirnen der Patienten. Außerdem führen Veränderungen (Mutationen) im APP-Gen zur Überproduktion dieser Fragmente.Schenk und seine Kollegen schufen eine genetisch modifizierte Maus mit einem mutierten menschlichen APP-Gen. Sie beobachteten, daß die Tiere mit dem Älterwerden senile Plaques bekamen - genauso wie bei den Alzheimer-Patienten. Die kranken Mäuse versuchten sie nun zu heilen.Die Forscher spritzten jungen Mäusen mit verändertem APP-Gen menschliches Beta-Amyloid in der Hoffnung, daß diese APP-Schnipsel die Körperabwehr der Mäuse anschalten würden. Was auch geschah. Während sich also die Forscher zurücklehnten und darauf warteten, daß die Mäuse älter wurden, waren diese selbst nur zu sehr damit beschäftigt, Abwehrstoffe (Antikörper) gegen Beta-Amyloid herzustellen. Die Autopsie der Tiere förderte dann zutage, daß jene Mäuse, die eine große Menge Antikörper hergestellt hatten, kaum krank waren. Demnach führte die "Impfung" mit Beta-Amyloid zu einer fast völligen Vorbeugung vor dem "Eiweißmüll" Beta-Amyloid.Von diesen Ergebnissen ermutigt stellten die Forscher die gleichen Tests mit älteren Mäusen an, die schon den Kopf voller seniler Plaques hatten. Es war für jeden überraschend zu sehen, daß nicht nur die krankhafte Zunahme der Plaque-Massen aufgehalten wurde, sondern sogar einige der bereits existierenden Plaques verschwanden. Zur Zeit weiß man noch nicht, wie die Antikörper die "Makkaroni" aus der Welt schafften. Aber wer kümmert sich schon darum, wie es geschah, wenn das Ergebnis bedeutet, daß ein Impfstoff gegen die Alzheimer-Krankheit nun in Sicht ist. Wirklich? Kann sein, kann auch nicht sein. Eine vorsichtige Antwort, aus guten Gründen.Zunächst einmal ist es nicht ausgemacht, daß das menschliche Immunsystem auf ein menschliches Eiweiß so schlagartig reagiert wie es die Körperabwehr der Mäuse tat. Noch bedeutsamer ist, daß die existierenden "Maus-Modelle" der Alzheimer-Krankheit das Geschehen beim Menschen nur teilweise imitieren. Es ist zwar wahr, daß das Amyloid sich in den Gehirnen jener Mäuse anreichert, die Schenk und seine Kollegen benutzten. Aber diese Mäuse zeigen nicht den gleichen Verlust an Nervenzellen oder jene Verhaltensauffälligkeiten, wie sie mit der Krankheit beim Menschen verbunden sind. Zudem ist noch umstritten und heiß diskutiert, ob die Ablagerungen außerhalb der Nervenzellen Störungen der Nervenzellfunktion und deren Tod herbeiführen, oder ob sie ein reines Nebenprodukt der Krankheit darstellen.Obwohl manche Forscher eine Verbindung zwischen dem Schweregrad des Leidens und der Plaque-Belastung im Gehirn fanden, konnten dies andere nicht bestätigen. Es gibt Hinweise darauf, daß Beta-Amyloid und mutiertes APP schädlich für Nervenzellen sind, lange bevor senile Plaques geformt worden sind oder sogar ohne daß überhaupt welche gebildet werden. Demnach wäre es nötig, die Produktion von Beta-Amyloid-Bruchstücken völlig aufzuhalten, um einen Erfolg zu erzielen.Oder, um die entscheidende Frage anders auszudrücken: wenn die Plaque-Bildung verhindert oder sogar rückgängig gemacht wird, werden sich dann die Patienten noch so verhalten, als wäre ihr Kopf voll von Makkoroni? Und würden sie demnach fortfahren, Kleider in die Geschirrspülmaschine und Bücher in den Ofen zu tun?Die Autorin ist Redakteurin der internationalen Wissenschaftszeitschrift "Nature". "Nature"-Mitarbeiter schreiben regelmäßig im Tagesspiegel. Aus dem Englischen von Hartmut Wewetzer.

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