Gesundheit : Strauch statt Stammbaum

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Von John Whitfield, London

Nach einer Dekade mühseligen Grabens in den Sanddünen Afrikas, im nördlichen Tschad, ist der Anthropologe Michel Brunet endlich fündig geworden: Er stieß auf einen Schädel, der ungefähr sechs bis sieben Millionen Jahre alt ist. Brunet gab seinem Fund den n „Toumaï“.

Wie es aussieht, handelt es sich bei Toumaï um das bislang älteste Fossil der menschlichen Familie. Eine Botschaft aus der Zeit, als die Menschen drauf und dran waren, sich von den Schimpansen zu trennen. Eine spannende, aber auch eine verwirrende Botschaft.

„Sahelanthropus tchadensis“ – so lautet Toumaïs wissenschaftlicher Name – war vermutlich eine von vielen ähnlichen (vielleicht urmenschlichen) Arten, die damals in Afrika lebten. „Es muss eine Gruppe von Affen gegeben haben, die sich vor fünf bis acht Millionen Jahren herumgetrieben hat, von der es aber nur wenig fossile Überreste gibt“, sagt der Anthropologe Bernard Wood von der George-Washington-Universität in Washington D.C.

Eine komplizierte Geschichte

Toumaï ist also nur der Exponent einer Gruppe – aber einer, der unsere herkömmliche Vorstellung der menschlichen Evolution ins Wanken bringt. „Jeder, der denkt, dass es nicht noch komplexer wird, hat nichts von der Geschichte gelernt“, sagt Wood.

„Als ich 1963 zur Uni ging, glich die menschliche Evolution einer Leiter“, sagt Wood, einer Leiter, die vom Affen zum Menschen führte. Dazwischen gab es Mischformen, und je höher man die Leiter hinaufstieg, umso menschlicher wurden sie.

Heute sieht unser Stammbaum eher wie ein Strauch aus. Die Variation fossiler Hominiden (Menschenartiger) ist groß. Wie diese verschiedenen Hominiden miteinander verwandt sind, welche davon unsere tatsächlichen Vorfahren sind (wenn überhaupt welche), wird immer noch diskutiert.

Die meisten Fossilien sind weniger als drei Millionen Jahre alt. Toumaï ist das älteste. Es folgt der sechs Millionen Jahre alte „Orrorin tugenensis“ – doch davon besitzt man nur ein paar Zähne und Knochenteile. Unser Wissen über die Zeit, in der Toumaï gelebt hat, befindet sich „im Stadium von 1963“, sagt Wood.

„Als ich den Schädel zum ersten Mal sah, dachte ich: Das ist ein Schimpanse!“, sagt der Anthropologe Daniel Lieberman von der Harvard-Universität. Toumaïs Gehirn beispielsweise ist so groß wie das eines Schimpansen. Doch als Lieberman einen genaueren Blick auf den Fund warf, „kippte ich aus den Pantinen“, erinnert er sich.

Toumaï zeigt nämlich so manche Eigenschaft eines Urmenschen. Dazu gehören die kleineren Eckzähne und ein dickerer Zahnschmelz als der von Affen. Hinzu kommt die Stelle hinten im Nacken, wo die Nackenmuskeln anheften – sie zeigt, dass Toumaï vermutlich aufrecht ging.

Merkwürdig ist, dass viele von Toumaïs Eigenschaften nicht bei den Australopithecinen auftauchen, beim Menschen aber vorhanden sind. Die Australopithecinen (etwa auch „Lucy“, ein weiblicher Hominide, Alter: rund 3,2 Millionen Jahre) standen bislang im Verdacht, die Vorfahren des Menschen zu sein. Wenn aber die Australopithecinen einem Affen ähnlicher sind als Toumaï, der viel älter ist als die Australopithecinen, dann stellt sich die Frage, ob diese überhaupt zur menschlichen Familie gehören. „Alles, was primitiver als Toumaï erscheint, muss nun auf seine Mitgliedschaft hin überprüft werden“, sagt Wood.

Welche Rolle spielt Toumaï in dieser Familie? Bislang ist noch alles offen. Der Schädel könnte sowohl zur Schimpansen- oder Menschenlinie gehören – oder sogar zu keiner von beiden. „Ich aber würde mein Geld darauf verwetten, dass es ein Hominide ist“, sagt Experte Lieberman.

„Brutale Bedingungen“

Das sieht auch der Anthropologe Tim White von der Universität von Kalifornien in Berkeley so. Er glaubt, Toumaï könne zum „Ardipithecus“ gehören, einer Gruppe von Hominiden, deren Fossilien bislang auf ein Alter von etwa 4,5 bis 5,5 Millionen Jahren datiert wurden.

Um das Mysterium wirklich zu lösen, bräuchte man mehr Fossilien aus dieser Zeit. Aber die Umwelt, in der unsere Vorfahren lebten, der Urwald, hinterlässt kaum Fossilien.

Die Entdeckung von Toumaï scheint zumindest nahezulegen, dass sich die Affen und Hominiden quer durch Afrika ausgebreitet haben. Bislang hatte man vor allem Fossilien im Osten und Süden Afrikas entdeckt. „Der Versuch, Hominiden in der Sahara zu finden, war ein kühnes Unterfangen“, sagt Wood. Auch Lieberman schreckt vor Suchaktionen in der Wüste zurück: „Die Bedingungen für die Feldarbeit sind brutal.

Autoren des internationalen Wissenschaftsmagazins „Nature“ schreiben in regelmäßigen Abständen für den Tagesspiegel. Aus dem Englischen von Bas Kast.

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