Gesundheit : Studienabbruch: Raus aus dem Hörsaal, rein ins Leben

Nicole Dörr

Im Anschluss an ihr Abitur machte sie eine Banklehre. Die erfolgreich abgeschlossene Berufsaubildung genügte dem Stolz der Eltern. Es folgten ein Semester Medizin und quälende Zweifel. Danach der halbherzige Wechsel zur Betriebswirtschaftslehre, wegen der Karrieremöglichkeiten. Mit 23 studiert Johanna endlich, was sie schon immer wollte: Psychologie. Bis auf Weiteres.

Fast jedes dritte Studium, so schätzen Hochschulforscher, endet in der Bundesrepublik ohne Abschluss oder ist mit einem Wechsel des Studienfaches verbunden. Trotz Studienberatung vervierfachte sich die Studienabbrecherquote seit Mitte der siebziger Jahre. Nicht jeder der statistischen "drop-outs" steht allerdings für einen Totalausstieg aus dem Hochschulsystem. Ein knappes Drittel aller Abbrecher wechselt lediglich das Fach.

Schlechte Lehrbedingungen und Anonymität in den Hochschulen sind dabei nur selten Gründe für den Studienabbruch. Geld spielt eine weit wichtigere Rolle. Das ergab eine Studie des renommierten Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover. Besonders Teilzeitjobbende und Studierende mit bereits fertiger Berufsausbildung wechseln aufgrund der Knappheit ihrer Ressourcen von der Universität direkt ins Berufsleben. Zugunsten der Kindererziehung legen vor allem Frauen ihr Studium auf Eis.

Das Fächerhopping ist mit zermürbenden Entscheidungsphasen verbunden. Dieser schmerzhafte Orientierungsprozess ist für viele Abbrecher offensichtlich aber auch ein wichtiger Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Wie Professor Karl Lewin vom Hochschul-Informations-System ermittelte, ist der größte Anteil aller Abbrüche aus Distanz zum fachlichen Inhalt zu erklären. Es wird die späte Konsequenz aus einer falschen Studienwahl gezogen. Unentschlossene Abiturienten, so ergab Lewins Untersuchung, befolgen vor Studienbeginn oft den Rat der Eltern und schreiben sich im Fach mit den vermeintlich besten Karriereaussichten ein. Auch wer aufgrund des Numerus Clausus nicht sein Wunschfach studiert, hängt das ungeliebte Fach der zweiten Wahl bald wieder an den Nagel.

Was aber unterscheidet potenzielle Abbrecher von denen, die durchhalten? Professor Andreas Gold vom Frankfurter Institut für psychologische Pädagogik fand heraus, dass nicht etwa die Höhe des Intelligenz-Quotienten oder das soziale Umfeld die Weichen zwischen Abschluss oder Studienabbruch stellen. Der Schlüssel zum Studienerfolg liegt in der Selbsteinschätzung jedes Studierenden. So stufen Studienabbrecher die eigene Leistungsfähigkeit und ihren Lernwillen im Gegensatz zu ihren Kommilitonen geringer ein. Ihr Abiturergebnis liegt nach Golds Untersuchungen ebenfalls unter dem Durchschnitt aller Studierender. Soziale Anerkennung an der Hochschule spielt auch eine Rolle: Die meisten Studierenden erhalten sie in größerem Umfang als Abbrecher.

Viele Universitäten wollen die zweifelnden Studenten nun mit besonderen Einführungsprogrammen bereits zu Studienbeginn besser auffangen. Um den Unerfahrenen den Einstieg ins universitäre Leben zu erleichtern, raten Hochschulforscher verstärkt zu Brückenkursen nach amerikanischem Vorbild. Für US-Universitäten ist es überlebenswichtig, dass sie bei den Studenten in der Lehre Erfolg haben. "Survival-rates" sind dort ein Kriterium, und das fördert die Einrichtung spezieller "retention programs" - das ist eine Kombination von Wohlfühlprogramm und Lernhilfen, die die Neulinge bei der Stange halten sollen.

Wer trotz alledem schon in den ersten Semestern sein Studienfach wechselt, dem versprechen die Statistiken immer noch bessere Chancen als den späten Abbrechern. Frühe Studienabbrecher gelten grundsätzlich als leistungsbereiter, während ältere Semester durch ihr langes Studium schon frustriert sind.

Um die Zahl der Abbrecher zu senken, werden neben "Einstiegsprogrammen" auch "Ausstiegskonzepte" diskutiert. Wer drei Jahre studiert hat, soll die Hochschule nicht ohne jeden Abschluss verlassen müssen, sondern nach angelsächsischem Vorbild einen Bachelor-Grad erwerben. Ein Beleg für den Erfolg dieses Konzepts: In den Vereinigten Staaten, Australien oder Großbritannien sind die Absolventenzahlen eines Studentenjahrgangs doppelt so hoch wie in Deutschland.

Wer schließlich doch sein Studium aufgibt, dem prophezeien Eltern und Verwandte oftmals düstere Berufsperspektiven. Gegen die bekannten Klischees sprechen allerdings neuere Umfragen. Nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems gehen rund drei Viertel aller Studierender ohne Abschluss ein halbes Jahr nach Studienabbruch einer Beschäftigung nach. Das sind kaum weniger als bei den Hochschulabsolventen, von denen etwa 80 Prozent schnell erwerbstätig werden. Über die Art der Berufstätigkeit und die Bezahlung aber sagt diese Untersuchung nichts. Interessanter vielleicht noch ein anderes Ergebnis: Abbrecher sind zu diesem Zeitpunkt zufriedener als Absolventen.

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