Gesundheit : Studienräte, auf die Knie!

Schluss mit „Faust“: Unsere Schüler lernen zu viel und das Falsche, meint der Literaturkritiker Werner Fuld

Dorothee nolte

Oberstudienrat müsste man sein, möglichst im Fach Deutsch oder Geschichte. Sehr gebildet, mit viel Zeit und vor allem: mit einer ausgeprägten masochistischen Ader. Dieser Mensch wäre der ideale Leser von Werner Fulds Buch „Die Bildungslüge – Warum wir weniger wissen und mehr verstehen müssen“. Denn nach der Lektüre von 300 eng beschriebenen Seiten wäre der Mann nicht nur noch gebildeter, nein: Auch sein Selbsthass wäre auf das Intensivste befriedigt worden.

Werner Fuld, anerkannter Literaturkritiker, Biograph und Autor etwa des „Lexikons der Fälschungen“, zieht in seinem Buch nämlich genau gegen die Verfechter traditioneller Bildung zu Felde, die Literaturkanons entwerfen, Goethes „Faust“ und die französische Sprache für wichtig halten und im Geschichtsunterricht das Mittelalter oder den Nationalsozialismus bis ins Detail behandeln. Die sich für gebildet halten, weil sie den Namen des letzten deutschen Kaisers kennen, aber nicht wissen, wie man sich als Manager im Ausland benimmt oder eine Schraube am Auto auswechselt. Studienräte und Bildungspolitiker, auf die Knie! Hier kommt euer Dompteur!

Fuld liebt apodiktische Thesen. Ein typischer Fuld-Satz klingt so: „Aus der Vergangenheit kann man nichts lernen.“ Oder: „Mathematik ist größtenteils überflüssiger Ballast.“ Er ist eine mit Lust provozierende Stimme in der Debatte um Bildungskanons, die die Öffentlichkeit nicht erst seit Schwanitz’ Bestseller „Bildung – alles was man wissen muss“ beschäftigt. Fulds Argumentation lautet, kurz zusammengefasst, wie folgt: Die deutschen Schüler lernen nicht zu wenig, sondern zu viel und das Falsche.

Man trichtert ihnen, gerade nach Pisa, Faktenwissen ein, quält sie mit veraltetem Stoff, zwingt sie zur Lektüre von Klassikern, die keine Bedeutung mehr haben. Dadurch verpassen sie den Anschluss an den globalen Standard und kleben in der Vergangenheit, statt sich auf das zu konzentrieren, worauf es ankommt: die Zukunft.

„Wir sollten endlich aufhören, die Lektüre von Klassikern als kulturelle Verpflichtung auszugeben, und uns zum Lesen nach dem Lustprinzip bekennen“, schreibt Fuld und wirft auch noch anderen vermeintlichen Bildungsballast mit in die Tonne: die altgriechische Sprache ebenso wie die französische, den Großteil der Schulmathematik ebenso wie die theoretische Physik. Das hat etwas Erfrischendes: Wer Fuld gelesen hat, wird sich nicht mehr von selbsternannten Bildungspäpsten einschüchtern lassen, die vorgeben zu wissen, was „man“ wissen muss. Aber jeder, der einmal aus einem Klassiker, einer Fremdsprache oder einer mathematischen Formel echten Gewinn und Freude gezogen hat, wird sich über Fulds abwertende Bemerkungen ärgern. Würde er nicht so oft übers Ziel hinausschießen, könnte man seine Forderung nach einer „Neudefinition des Bildungsbegriffs“ ernster nehmen.

Der Oberstudienrat in uns möchte wissen: Was sollen die Schüler denn statt Goethe lernen? Fulds Antwort bleibt vage und füllt vielleicht drei von 300 Seiten. Das enttäuscht: Mit ein paar – nicht gerade originellen und in den meisten Lehrplänen sowieso enthaltenen – Schlagwörtern wie „emotionale, kreative Intelligenz“, „Zusammenhänge erkennen“, „Team- und Kritikfähigkeit“, „frühe Computererziehung“ oder „interkulturelle Kompetenz“ ist es nicht getan. „Bildung sollte nicht bedeuten, über vergangenes Wissen zu verfügen, sondern sich im Diskurs der Zeit bewegen zu können.“ Na schön! Allerdings ist der „Diskurs der Zeit“ nicht losgelöst von vergangenem Wissen zu verstehen.

Was Fulds Buch schwer erträglich macht, ist seine Arroganz und Widersprüchlichkeit. Der Mann hat einen Besserwisser-Impuls, wie man ihn von modernen Menschen eigentlich gar nicht mehr kennt. Er kritisiert herkömmliche Literaturkanons als phantasielos, nur um sie auf der nächsten Seite um seine eigenen Lieblinge zu ergänzen. Angeblich will er beweisen, wie unnütz die Klassiker sind, gleichzeitig aber führt er auf vielen Seiten und äußerst aufdringlich vor, wie intim er sich selbst mit ihnen auskennt. Wer den von ihm als altertümlich gebrandmarkten Kanon nicht verinnerlicht hat, der ist gar nicht in der Lage, Fulds Diatriben dagegen zu verstehen, ja, er wird sie ebenso langweilig finden wie Fuld selbst Goethes Faust.

Aber nicht nur in der Literatur präsentiert sich Fuld als Meister, auch über mathematische Definitionen, Quarks und Hirnforschung kann er dozieren. Die „Bildungsheuchelei“ der Feuilletonisten und Oberstudienräte verachtet er, gleichzeitig verunglimpft er Teilnehmer an Volkshochschulkursen als „gelangweilte Hausfrauen“. Am Ende kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Fuld kämpft einen Kampf gegen seine eigenen ehemaligen Lehrer, über deren Dummheit sich der kleine Werner wohl maßlos geärgert hat – und denen er nun sein überlegenes Wissen beweisen muss. Dabei schlägt er auf die ein, die sowieso am Boden liegen: „Faust“ prägt heutige Schüler sicher weniger als Hollywood-Kino und Adidas.

Zugegeben: Vielleicht gibt es ja auch heute noch Pädagogen, die ihre Schüler zwingen, alle mittelalterlichen Kaiser auswendig zu lernen. Es mag sie geben, aber sie sind keine Bedrohung für die Nation. Die Klassiker, meint Fuld, fressen zu viel Zeit, man könne sie allenfalls in Kurzfassungen ertragen. „Lesezeit ist Lebenszeit“! Das gilt auch für ihn selbst. Fuld auf dreißig Seiten, kurz und knackig, ein Pamphlet zum Ärgern! Das wäre gut.

Werner Fuld: Die Bildungslüge. Warum wir weniger wissen und mehr verstehen müssen, Argon Verlag 2004, 302 Seiten, 19,90 Euro.

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