Gesundheit : Studieren in Chile: "Die Diktatur wirkt immer noch nach"

Sandra Schulz

"Nein, wir akzeptieren dieses System nicht!" Auf Pablo Badeniers Stirn zeigt sich eine Zornesfalte. Badenier gehört einer Delegation chilenischer Studierender an, die zur Zeit an einem zweiwöchigen Seminar der Konrad-Adenauer-Stiftung in Deutschland teilnimmt. Am Donnerstagabend wurde im Simon-Bolivar-Saal des Ibero-Amerikanischen Instituts über die aktuelle Situation an chilenischen Universitäten diskutiert. Dabei fielen deutliche Worte. Zwar seien gut zehn Jahre vergangen, seitdem Pinochet abgedankt hat und seine Militärdiktatur formal beendet wurde, die Strukturen wirkten aber fort. Besonders unter den Studierenden herrsche Unzufriedenheit. Badenier benennt schlachtrufartig die drei Problembereiche: "Finanzierung, Regulierung, Mitbestimmung".

Nach Schilderung der Gäste hat das chilenische System der Hochschulfinanzierung eine grobe soziale Auslese zur Folge, da die Studierenden mit hohen Studiengebühren ihre Universitäten zu einem großen Teil selbst finanzieren. Der Jurastudent Pablo Muñoz rechnet vor: "Pro Monat werden Studiengebühren in Höhe von 250 000 Pesos fällig. Zum Vergleich: Mein Vater verdient 500 000 Pesos im Monat. Stellen Sie sich vor: Bekäme ich keine Zuschüsse von der Stiftung, würde die Uni ein halbes Monatsgehalt schlucken!" Und das, so Muñoz, obwohl sein Vater schon überdurchschnittlich viel verdiene. Der chilenische Durchschnittshaushalt habe 200 000 Pesos im Monat zur Verfügung, und das gesetzliche Existenzminimum liege bei 80 000 Pesos.

Cesar Mass, Politologiestudent, ergänzt, dass zudem bestehende Stipendienprogramme vollkommen unzureichend seien. "Es kann nur ein Bruchteil der Bedürftigen bedient werden. Für den Rest gilt eben: Wer kein Geld hat, kann nicht studieren." Selbst die staatlichen Universitäten, die im Verhältnis zu den "Institutos privados" in Chile nur einen kleinen Teil ausmachen, bilden bei den Studiengebühren keine Ausnahme.

Unzufriedenheit herrscht auch im Hinblick auf die Entscheidungsstrukturen der einzelnen Universitäten. Mitbestimmung der Studierenden gebe es hier kaum. Badenier betont, dass die meisten Entscheidungen jeweils vom "guten Willen" des Universitätspräsidenten abhingen, von demokratischen Strukturen könne hier keine Rede sein. - Ist noch der Einfluß der Militärdiktatur spürbar? "Das Problem ist", so Badenier "dass im Hochschulbereich nach der Abwahl Pinochets keine echte Zäsur stattgefunden hat". Zwar habe das Militär keinen direkten Einfluss mehr auf die Universitäten, zurückgeblieben sei aber - gerade bei den Jugendlichen - eine gewisse Autoritätshörigkeit. Viele vermissten die Ausübung ihrer demokratischen Rechte nicht einmal und verzichteten auf politisches Engegement an der Universität. "Zwar haben wir eigentlich inzwischen ein völlig normales politisches System", sagt Muñoz aber in den Köpfen vieler herrscht immer noch die Angst vor Sanktionen."

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