Gesundheit : "Studieren ist für mich ein reines Vergnügen"

TOM HEITHOFF

Immer mehr ältere Menschen suchen Bildung in den Hochschulen / Reaktionen zwischen Belächeln und BewunderungVON TOM HEITHOFFEin Mensch reiferen Alters schlendert über den Campus.Aha, ein Lehrender, ein Professor gar! Vorsicht, ein falscher Schluß vielleicht, denn immer mehr Grauhaarige entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Lernende.Sie sitzen hier und da zwischen den glatten Gesichtern in den Hörsaalreihen und heben sich auch durch ihr Verhalten von vielen Normalstudierenden ab: Sie haben es nicht (mehr) nötig, mit großartigem Jargon zu blenden, sie kommen nicht zu spät, sie gehen nicht zu früh, und niemals lassen sie die Tür ins Schloß krachen.Sie sitzen meist in den vorderen Reihen (aber nicht nur, weil ihr Gehör nachläßt). Ein Beispiel ist die graumelierte Dame vor mir, die nicht mit Namen genannt werden möchte, denn, so sagt sie, "auf mich kommt es gar nicht an - ich bin ganz typisch für meine Altersklasse".Mit 20 bekommt Ruth Ewerle, so wollen wir sie nennen, das erste Kind.Zwei weitere folgen in großen Abständen.Beruf: Hausfrau und Mutter.Mit 45 will sie es endlich wissen, will studieren.Doch der Enkel kommt dazwischen, auf den sie wegen der Berufstätigkeit der Eltern oft aufpassen muß.Beruf: Hausfrau und Großmutter.Sie ist über 50, als sie zum ersten Mal das Immatrikulationsbüro betritt.Endlich Zeit, ihre Leidenschaft für Musik theoretisch zu untermauern.Sie hätte sich - das Abitur verfällt nicht - ganz regulär einschreiben können, doch sie entscheidet sich für ein Gasthörerstudium.Als Gasthörerin macht sie keine Prüfungen und kann auch keinen akademischen Grad erlangen."Aber wem nützt ein Magistertitel schon - außer meiner Eitelkeit? Ich strebe ja doch keinen Beruf an", sagt sie."Studieren ist für mich ein reines Vergnügen, keine Berufsvorbereitung." Eine solche Ansicht eint fast alle nachberuflich Studierenden.Man will sich in der Uni genußvoll bilden, anstatt von der Uni eine Ausbildung zu verlangen.Die Gasthörer, die sich die Rosinen aus dem Kuchen picken, bilden dabei die größte Gruppe.Schon weniger unterwerfen sich den Richtlinien einer Studienordnung und studieren regulär bis zum Examen.Nur vereinzelt streben einige gar nach dem Doktortitel. Ein Massenphänomen ist das Studium im "dritten Lebensabschnitt" allerdings ohnehin nicht, erklärt Wilma Münkel vom Verein Berliner Akademie für weiterbildende Studien: "Zwar wächst ihre Zahl stetig, trotzdem sind es noch verhältnismäßig wenige.Der Verein (250 Mitglieder), der sich seit über zehn Jahren für ein Miteinander von Jung und Alt an den Hochschulen einsetzt, berät Bürgerinnen und Bürger, die mit dem Gedanken spielen, in die Universitätswelt einzutreten."Viele ältere Menschen haben eine ungeheure Scheu, sie denken, die Uni sei nur etwas für junge Leute, und fürchten, dort nicht gerne gesehen zu sein", sagt Wilma Münkel.Zwar sei eine Hemmschwelle verständlich, es gebe aber für Ältere wirklich keinen Grund, vor der Uni zurückzuweichen, meint sie."Bei uns kann man sich über die geeignete Studienform beraten lassen.Eine unserer wesentlichen Aufgaben ist es jedoch, Mut zu machen." Die Mutigen berichten nur Gutes aus der Welt der Wissenschaft.Die Jugend sei in der Regel sehr aufgeschlossen."Komm rein, du gehörst dazu als unterdrückte Hausfrau", habe ihr, der "Alten", ein "Junger" in der ersten Seminarstunde zugerufen, erzählt Ruth Ewerle."Ich wurde von Anfang an akzeptiert, nie gab es schräge Blicke." Im Privaten hingegen sind die Reaktionen mitunter weniger eindeutig."Die Reaktionen bewegen sich zwischen Bewunderung und Belächeln", sagt der 67jährige Manfred Hoppe, der seit einem Jahr an seiner Dissertation schreibt.Die einen bewunderten, daß man "statt Kreuzworträtsel zu lösen" in die Uni geht, die anderen hielten ihn "für einen merkwürdigen Kauz".An der Uni aber fühlt auch er sich integriert; ganz selbstverständlich sitzt er im Forschungskolloquium neben seinen Kommilitonen, die seine Kinder sein könnten.In der bunten Mischung verschiedener Typen und Nationalitäten finde er sich in seiner Altersklasse "gar nicht besonders auffällig". Die Senior-Studierenden fühlen sich wohl und sind gern gesehen.Pünktlich, höflich, konzentriert.Und sie sitzen hier aus echtem Interesse, was man von vielen Jüngeren, die mangels Alternativen studieren, bei weitem nicht unbedingt behaupten kann.Traumstudenten also? "Es gibt auch richtige alte Ziegen unter uns", sagt Ruth Ewerle und erzählt von den Vorlauten, von denen, die glauben, zu allem etwas sagen zu müssen, die ihre Erfahrungen loswerden wollen, die unter Gesprächsnot leiden."Die meisten jedoch fühlen sich als Gäste.Sie wissen, daß die Jungen das Hauptzielpublikum der Professoren sind."

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