Gesundheit : Studium in Tschechien: Immer neu bewerben, immer neue Ablehnung

Ludmila Rakusan

In diesem Sommer ist Ivana nicht mehr traurig. Sie ist nur noch wütend. Seit drei Jahren lässt die 21-jährige Abiturientin aus Prag immer die gleiche frustrierende Prozedur über sich ergehen: Zusammen mit knapp 100 000 anderen jungen Menschen unterzieht sie sich im Juni schriftlichen und mündlichen Aufnahmeprüfungen, um einen der raren Uniplätze zu ergattern. Daraufhin folgen Wochen voller Bangen. Im August flattern Ablehnungsbescheide ins Haus.

Bis auf einige technische Fächer wie Kernphysik oder Bauwesen sind die meisten Fakultäten hoffnungslos überlaufen. In den begehrtesten Disziplinen der Karls-Universität in Prag, der juristischen oder der philosophischen Fakultät, hat in der Regel nicht einmal jeder zehnte Bewerber reale Aussicht, aufgenommen zu werden.

Nebenflüsse des Mississippi

Längst sind die prüfenden Professoren dem Andrang nicht mehr gewachsen. In den von einzelnen Fakultäten zusammengestellten Fragekatalogen wird kaum nach Eignung der Prüflinge, sondern vornehmlich nach ihren Wissenslücken gefahndet. Einige Fragen scheinen lediglich dem Zweck zu dienen, möglichst viele Interessenten durchzusieben. "Für Englisch im Nebenfach legte man uns im letzten Jahr ein Verzeichnis von 20 amerikanischen Schriftstellern vor, von denen wir die Schwarzen ankreuzen sollten. Auch mussten wir alle linken Zuflüsse von Mississippi aufschreiben", erzählt Ivana.

Das nötige Wissen für die Aufnahmeprüfungen muss man sich allerdings nicht immer nur mit Fleiß erwerben. An der juristischen Fakultät der Karls-Universität in Prag flog im letzten Jahr ein florierendes Geschäft mit ausgefüllten Testbögen auf. Die Schuldigen wurden nie ermittelt. Also verschärfte man angeblich die Maßnahmen vor und während der Aufnahmeprüfungen. Besser wäre es allenfalls, so die Kritiker, die knapp 50 000 Studienplätze, die es an den 23 Universitäten und Hochschulen in Tschechien jedes Jahr zu verteilen gibt, zu verlosen. Ivana, die im Hauptfach Deutsch studieren möchte, fehlten in diesem Jahr auf der Uni in der nordböhmischen Stadt Aussig zum lang ersehnten Erfolg lediglich zwei Punkte.

"Ich hoffte, bei einer Bewerbung außerhalb Prags mehr Chancen zu haben. Doch der Andrang war dort genauso schlimm. Am meisten habe ich mich über Kommilitonen geärgert, die bereits ihren Bachelor in der Tasche hatten, sich aber wegen des Magisters neu anmelden wollten".

Wie kommt es dazu? Von den Studienplänen in Amerika und Großbritannien inspiriert, führte man an den tschechischen Universitäten nach der Wende dreijährige Bachelor-Studiengänge ein. Die tschechischen Arbeitgeber allerdings sehen in "Bachelors", die an den Unis fern von der Praxis ausgebildet werden, in der Regel keine vollwertigen Hochschulabsolventen. Aus diesem Grund wurden an der Wirtschaftshochschule in Prag die Bachelor-Lehrgänge wieder gestrichen. Also bleibt manchem Bachelor nichts anderes übrig, als erneut bei Aufnahmeprüfungen zu erscheinen und dort mit Unineulingen wie Ivana wetteifern.

60 000 wurden zurückgestellt

In diesem Jahr schwoll die Anzahl der "Zurückgestellten" bereits auf 60 000 an. Dabei hätte gerade im Jahr 2000, so verlautete es monatelang aus dem Schulministerium, alles endlich besser werden sollen: Da die Schulpflicht 1996 in Tschechien von acht auf neun Jahre angehoben wurde, gab es in diesem Jahr bedeutend weniger neue Abiturienten. Dennoch ging auch dieses Mal rund die Hälfte aller Bewerber leer aus.

Dr. Jirina Siklova vom Lehrstuhl für Sozialarbeit an der Karls-Universität, vor der Wende als tapfere Menschenrechtskämpferin bekannt, richtete an alle jungen Menschen, die sie in diesem Jahr erneut "selektieren und ihnen die Zukunft verbauen" musste, unlängst einen offenen Brief. Darin schrieb sie sich nicht nur ihren eigenen Frust über das alljährliche unwürdige Martyrium von der Seele, sondern empfahl der jungen Generation aktive Proteste gegen die gegenwärtige Bildungspolitik. In ihrem Wahlprogramm 1998 versprach die sozialdemokratische Regierung für bessere Bildungsmöglichkeiten zu sorgen. Dieser Vorsatz gilt heute als gescheitert. Teils wegen der Knappheit an Geldmitteln, teils aber auch aus Unfähigkeit, ausgetretene Pfade zu verlassen.

So sind in Tschechien jegliche Diskussionen über Studiengebühren mittlerweile mit der Begründung vom Tisch, man dürfe die sozial Schwachen nicht benachteiligen. Aus diesem Grund stieß auch das Beispiel Polens, wo man den abgelehnten Bewerben erlaubte, ihr Studium auf den staatlichen Hochschulen selbst zu bezahlen, unter den tschechischen Sozialdemokraten auf keine Gegenliebe.

Das neue Hochschulgesetz ermöglicht auch Ausländern ein kostenfreies Studium an tschechischen Universitäten, sofern die Ausländer fähig sind, es in der tschechischen Sprache zu absolvieren. Vor allem slowakische Abiturienten nutzten nun diese neue Möglichkeit. Zu Tausenden und meldeten sie sich zu Aufnahmeprüfungen in Prag, vornehmlich aber auf den mährischen Universitäten in Olmütz und Brünn an. Dennoch wird an eine Vergrößerung der staatlichen Hochschulkapazitäten nicht gedacht. Privaten Hochschulen dagegen begegnen die Schulbehörden mit Misstrauen. Man glaubt in Prag nicht, dass dort je mehr als ein Prozent der Hochschulstudenten zugelassen werden kann. Allerdings durften bislang lediglich acht private Bildungsinstitute ihre Pforten öffnen. Die Nachfrage übersteigt auch dort das Angebot, obwohl die Bildungshungrigen für tschechische Verhältnisse tief in die Tasche greifen müssen. Das gesamte Studium kostet bis zu 120 000 Kronen (ca. 6700 DM).

Unterdessen betreibt das Schulministerium ein zynisches Zahlenspiel: Rein mathematisch fände derzeit jeder Dritte Achtzehnjährige einen Studienplatz. Wegen des Geburtenrückgangs braucht man also nur abzuwarten, bis sich Tschechien dem EU-Durchschnitt nähert und gleichfalls für etwa 40 Prozent des jeweiligen Jahrgangs der Achtzehnjährigen Hochschulplätze bereit halten wird. Ministerialbeamte schätzen, dass diese Rechnung etwa 2007 aufgehen dürfte. Bis dahin jedoch werden in Tschechien mindestens zwei enttäuschte Generationen herangewachsen sein.

Herkömmliches Büffeln

Durfte man unter den Kommunisten oft aus politischen Gründen nicht studieren, wird die freie Berufswahl seit der Wende vielen jungen Menschen durch Bürokratie und Sturheit verwehrt. Das hat verheerende Auswirkungen auf das ganze Schulsystem. Denn dort, wo Studienplätze begehrtes Gut sind, stellt sich die Frage nach der Qualität der Ausbildung höchstens am Rande. Nach wie vor wird in tschechischen Schulen viel Wert auf das herkömmliche Büffeln gelegt. Kreative Diskussionen und Teamarbeit kommen zu kurz. Unabhängiges Denken wird von den Lehrern eher gefürchtet.

Skoda gründet Hochschule

Zehn Jahre nach der Wende gibt es in Tschechien immer noch keine objektiven Kriterien zur Beurteilung der einzelnen Universitäten. Die Öffentlichkeit vernimmt von dort höchstens Klagen über die katastrophale Unterbezahlung des Hochschulpersonals. Man habe eigentlich froh zu sei, dass dort überhaupt noch jemand unterrichte. Die meisten Professoren haben sich damit offensichtlich abgefunden. Jirina Siklova bekam nach ihrer öffentlichen Kritik von der Akademikergemeinde deutlich zu spüren, dass sie als schwarzes Schaf betrachtet wird. Angesichts des Bestrebens Tschechiens, bald in die EU zu kommen, gleicht diese Entwicklung einem Sprengsatz. Es zeigt sich nämlich immer deutlicher, dass viele tschechische Schulen am Bedarf einer modernen Gesellschaft vorbei ausbilden.

Das VW-Skoda-Werk in Mlada Boleslav griff in diesem Jahr zur Selbsthilfe und wird im Oktober eine eigene Hochschule eröffnen. Studenten werden dort in sieben Semestern vorerst Betriebswirtschaft und -management sowie kaufmännische Fächer erlernen. Später soll Maschinenbau hinzukommen. Etwa 20 Neuanfänger werden wohl aus der betriebseigenen Fachoberschule kommen. Weitere 40 Plätze stehen anderen Bewerbern offen. Mitte August gab es bereits 200 Anmeldungen, obwohl ein Semester 25 000 Kronen kosten wird.

Viel Wert legt man in Mlada Boleslav auf eine enge Verknüpfung mit dem Berufsleben: Im fünften Semester ist ein Praktikum im VW-Konzern vorgesehen. Praxisnahe Ausbildungsprogramme hat inzwischen in Tschechien auch die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer ins Leben gerufen. Weit über 100 junge Menschen wurden bereits nach deutschem Vorbild des dualen Ausbildungssystems zum Industrie- oder Handelskaufmann ausgebildet. Alle fanden sofort Arbeit.

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