Gesundheit : Symmetrie im Kopf

Das Talent, in Spiegelschrift zu schreiben, besitzt nicht nur die Wettkönigin von „Wetten, dass..?“, sondern jeder von uns

Bas Kast

Über 14 Millionen Menschen saßen am letzten Samstag gebannt vorm Fernseher, als die Friseurmeisterin Eva Glock aus Schwäbisch Hall bei „Wetten, dass ..?“ ein kleines Kunststück der Kreativität vollbrachte: Binnen drei Minuten schrieb die 39-Jährige spätere Wettkönigin einen ihr unbekannten Text aus 360 Buchstaben ohne Fehler einmal mit der rechten Hand ganz normal – und zugleich mit der linken in Spiegelschrift. „Was für eine Leistung! Wie ist das möglich?“, fragten sich die einen. Andere dagegen sagten: „Von wegen Kunststück, das kann ich auch!“ So meldeten sich Laufe der Woche immer mehr Tagesspiegel-Leser, die steif und fest behaupteten: „Das konnte ich doch schon als Kind!“

Die Suche nach einer Antwort auf das Rätsel führt nach London, wo einer der größten Experten auf dem Gebiet der Spiegelschrift sitzt: Chris McManus. „Ich selbst schreibe öfters so“, sagt der Hirnforscher vom University College, „an der Tafel bei meinen Vorlesungen.“ Die Sache sei besonders leicht, wenn man besonders groß schreibt. Der Grund: Unser Gehirn ist mit zwei Bewegungssystemen ausgestattet. Das eine ist für kleine, feine Bewegungen zuständig, wie das normale Schreiben. Das andere steuert die Muskeln der Schultern und des Beckens – und diese, so McManus, „müssen im Alltag ständig Spiegelbewegungen ausführen, zum Beispiel beim Gehen“. Dem Londoner Experten zufolge ist die spiegelsymmetrische Bewegung geradezu im Gehirn angelegt. Das Gehen etwa ist nichts anderes als eine spiegelsymmetrische Bewegung der Beine mit einem Zusatz: Zwischen der Bewegung des einen Beins und der des anderen liegt, anders als beim spiegelsymmetrischen Schreiben, eine Zeitverzögerung. „Jede Art von Bewegung, ein Winken der Arme oder auch Tanzen, fällt uns leichter, wenn die Körperseiten sich spiegeln“, sagt McManus. Ein weiteres Beispiel ist das Brustschwimmen, bei dem sich Arm- und Beinbewegungen ebenfalls perfekt spiegeln. Die Friseurmeisterin bei „Wetten, das ..?“ hatte somit das, was bei uns allen angelegt ist, lediglich von der Grob- auf die Feinmotorik übertragen.

Warum uns Spiegelbewegungen so leicht fallen, offenbart ein Blick ins Gehirn: Es besteht aus zwei Hälften, die ihrerseits spiegelsymmetrisch aufgebaut sind. Dabei kontrolliert die linke Hirnhälfte die rechte Körperseite und umgekehrt. Wird die linke Hirnhälfte aktiviert, die unsere rechte Hand steuert, so spiegelt die rechte Hirnhälfte automatisch diese Aktivität. Die Folge: Unsere linke Hand bewegt sich nun wie die rechte – nur gespiegelt.

„Normalerweise, wenn wir mit der einen Hand schreiben, müssen wir nicht nur diese Hand aktivieren, sondern zusätzlich die andere Hand hemmen, um sie von spiegelnden Bewegungen abzuhalten“, sagt McManus. Jeder also hat das Talent zum Spiegelschriftschreiben, er muss dazu nur sein Hirn enthemmen. Bei manchen Patienten ist diese Enthemmung auf Grund einer Hirnstörung sogar chronisch: Die eine Körperhälfte spiegelt bei ihnen spontan die andere, „was, wie Sie sich vorstellen können, das Leben ziemlich schwierig macht“.

Beim spiegelsymmetrischen Schreiben scheint es auch eine Gruppe zu geben, die dafür eine besondere Veranlagung hat: umgeschulte Linkshänder. Das hat der australische Forscher Iain Mathewson in einer im Fachblatt „Medical Hypotheses“ veröffentlichten Studie festgestellt (Band 62, Mai 2004, Seite 733). Bei den meisten Rechtshändern ist die Sprache in der linken Hirnhälfte angelegt – deshalb schreiben sie mit der rechten Hand. Bei 30 Prozent der Linkshänder jedoch ist die Sprachfähigkeit in der rechten Hirnhälfte verankert, weshalb sie instinktiv mit der linken Hand schreiben wollen. Werden sie gezwungen umzulernen, so muss sich das Hirn neu organisieren. Das könnte das Spiegelschriftschreiben begünstigen, auch wenn noch keiner so genau weiß, wie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar