Gesundheit : Tatort Schule: Freundlichkeit ist zu wenig

Bärbel Schubert

"Um eines vorweg zu sagen: Lehrer und Rechtsradikale passen nicht zusammen. Rechtsradikale sind autoritätsorientiert, Lehrer in der Regel Gut-Menschen". So beschrieb der Hamburger Erziehungswissenschaftler, Professor Jens Weidner ein Dilemma der aktuellen Diskussion über den Umgang mit (rechtsradikaler) Gewalt an den Schulen.

Zu den meisten Jugendlichen passt der übliche zugewandte und einfühlende Umgang der Pädagogen durchaus. 95 Prozent der Schüler gehören eher zu den "New German Kids" der Mediengeneration, schätzt Weidner. Freundlich und kommunikativ schauen sie eher erstaunt auf die ältere Generation ihrer Lehrer und Eltern, zu der auch frühere Atomkraftgegner und Weltverbesser gehören. Die meisten der Jugendlichen heute sind eher "zu angepasst", wie beispielsweise die Shell-Jugendstudie zeigt.

Doch bleibt an jeder Schule ein Rest auffallend schwieriger Schüler. "Wenn ich Lehrer auffordere, die zehn bösen Buben an ihrer Schule aufzuzählen, bekommen sie durchweg diese Anzahl nicht einmal zusammen", berichtet der Erziehungswissenschaftler. Es sind meist konstant sechs bis acht Schüler, die mit ihrem Verhalten viel Energie binden. Ihretwegen werden Projekttage gegen Gewalt und Diskussionen über Rechtsradikalismus organisiert, an denen ganze Klassen und Schulen teilnehmen. "Nur die acht, für die das eigentlich gedacht ist, können es meist an dem Tag nicht einrichten, auch teilzunehmen", berichtet Weidner aus seinen Erfahrungen. Und das Problem verschärft sich, wenn man bedenkt, dass jeder dieser offen aggressiven Jugendlichen einen Kreis von Mitläufern um sich schart. Leicht kommen dabei 50 bis 100 Jugendliche zusammen.

Gewalttaten rechtsextremer Jugendlicher gegen Ausländer und Obdachlose haben Lehrer und Sozialarbeiter auch für ihren persönlichen Bereich sensibilisiert. Die Ratlosigkeit, wie man Fremdenfeindlichkeit und Aggression in der Schule begegnen kann, füllte in kurzer Zeit die Teilnehmerliste zur Fachtagung des Berliner Landesinstituts für Schulen und Medien zum Thema "Gewalt, Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit in der Schule". Auch wenn die meisten Pädagogen nicht mit manifester Gewalt zu tun haben, bewegt anscheinend doch viele die Frage, ob sie ihr professionelles Selbstverständis überprüfen müssen. Der Erziehungswissenschaftler Weidner versucht, die Lehrer zum entschiedenen Eingreifen zu ermutigen. "Gewähren lassen, heißt Opfer in Kauf nehmen", gibt Weidner zu bedenken.

Weidner hat seine Erfahrungen zunächst in amerikanischen Einrichtungen gemacht, die sich mit Gangs, den Jugendbanden, beschäftigen. Später leitete er Anti-Aggressivitäts-Trainings für Gewalttäter an der Jugendanstalt Hameln und entwickelte ein Modell der konfrontativen Pädagogik für Gruppen aus Bewährungshilfe, Heimerziehung und Schulen an sozialen Brennpunkten. Bei der konfrontativen Pädagogik wird der Täter über die Einfühlung in seine Situation hinaus mit dem Leid der Opfer konfrontiert. Dabei soll er einen respektvollen Umgang mit seinen Mitmenschen erlernen.

Die meisten Lehrer haben zwar nicht mit diesen harten Gruppen von Gewalttätern zu tun. Doch auch bei Jugendlichen, die ihren Mitschülern Geld oder Sachen abpressen, ändert sich dieses Verhalten nicht von allein. Diesen Jugendlichen gehe es gut. Ihre Welt sei in Ordnung. Auf jeden Fall hätten sie keinen Grund ihre erfolgreiche Strategie zu ändern, meint Weidner. Der Erziehungswissenschaftler berichtet von einem Jugendlichen, den er am Schultor auf solche Erpressung angesprochen hatte. Der Schüler antwortete ganz cool: "Da liegst Du völlig falsch. Wie oft habe ich denen schon gesagt, sie sollen das lassen. Diese ganzen Süßigkeiten. Wer soll das alles essen. Und die Lederjacke. Ich bin doch kein Altkleiderfuzzi."

Was tun? "Liebe allein genügt nicht, Strafen allein aber auch nicht", weiß Weidner. Eine kurze Episode aus einem amerikanischen Internat für Gewalttäter soll zeigen, wie schnell Verunsicherung erreicht werden kann. Der große, bullige Graham, seit langem Mitglied einer Gang, kommt in der Schule an und fängt gleich Streit an. Binnen Minuten sind mehrere Jugendliche um ihn versammelt. "Das können wir hier nicht gebrauchen" und "Was willst du?", sind einige der Kommentare der Gleichaltrigen, bei denen er nicht ankommt. Jedenfalls entwickelt sich die Situation ganz anders, als er das bisher gewohnt ist. Die Erzieherin kommt dazu. "In zehn Minuten bist Du hier schon allen auf die Nerven gefallen und hast alle gegen Dich aufgebracht. Das kann nichts mehr werden" . Mit diesen Worten schickt die Erzieherin den Jungen zu einer anderen Gruppe. Graham nimmt seinen Koffer und wird in der neuen Gruppe von dem Erzieher, der vorher telefonisch informiert wurde, mit klaren Worten (Du hast Dir ja in der anderen Gruppe keine Freunde gemacht) aber mit einem herzlichen Schulterschlag aufgenommen. Das Beispiel zeigt: Die Basis für konfrontative soziale Arbeit ist immer eine gute persönliche Beziehung.

Zu dem Kern gewalttätiger Jugendlicher gehören oft Mehrfachtäter. Einfühlungsvermögen allein führt im Umgang nicht weiter. "Deutliche Signale sind gefragt. Grenzen müssen gesetzt werden", ermutigt Weidner die Lehrer. Aber den Grenzen "wenden sich Sozialarbeiter und Lehrer nur ungern zu."

Weidners Ausführen fanden bei den anwesenden Pädagogen viel Beifall. "Das ist genau richtig", meint eine Schulleiterin. "Genau das versuche ich meinen Lehrern immer klarzumachen". Dabei gehe es an ihrer Schule zwar oft nur um Zuspätkommen und aufsässiges oder unverschämtes Verhalten von Schülern gegenüber Lehrern. "Aber auch da müssen wir klar reagieren. Das erspart uns größeren Ärger."

Weidner selbst kam als ehemals Kleinster in der Klasse zu seinem heutigen Thema, wie er erzählt. "Bei mir war es ein Regenwurm, den ich in meinem Jungeninternat aufessen musste. Unser Lehrer wurde erst aufmerksam, als ich mich übergeben musste. Erzählte hätte ich das nie, weil ich mich dafür geschämt habe." Für die Starken, Intelligenten und Schönen sei unser Schulsystem gut. "Auf die anderen müssen wir ein Auge haben", mahnt er die Lehrer. Durch Drohungen - auch von körperlicher Gewalt - sollten sie sich nicht einschüchtern lassen. Denn dass Lehrer tatsächlich geschlagen werden, komme nur äußerst selten vor. Schon bei geringen Verfehlungen sollten die Lehrer klar und pädagogisch angemessen reagieren. "Die Botschaft muss sein, wenn die schon bei einer Kleinigkeit so ein Theater machen, was passiert dann erst, wenn ich wirklich etwas anstelle."

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