Gesundheit : Terror aus dem Garten der Natur

Rizin ist ein Gift, gegen das es kein Mittel gibt – als Ursache einer Erkrankung schwer zu erkennen

Gideon Heimann

Die britische Polizei hat, wie berichtet, bei einer Razzia am Sonntagmorgen in einem Haus im Norden Londons bei mutmaßlichen Terroristen eine geringe Menge Rizin gefunden. Rizin gilt als eine der tödlichsten Substanzen aus dem Garten der Natur und ist leicht zu extrahieren. Hinweise darauf, dass Terroristen es als „Waffe“ nutzen könnten, gibt es schon länger: Mitarbeiter der Londoner Times fanden bereits im November 2001 Dokumente in einem Haus der Al-Queida in Kabul, in denen von Experimenten mit dem Gift die Rede war. Und die englischen Behörden waren offenbar auch jetzt vorgewarnt, denn die Gesundheitsämter veröffentlichten schon im vergangenen September auf ihrer Internetseite die Symptome der Rizinvergiftung, berichtet die Times jetzt.

Rizin wirkt mit Verzögerung, wenn es eingeatmet wird, und verursacht keine spezifischen, sondern eher „Allerweltssymptome“ – beides erschwert die Rückverfolgung zum Zeitpunkt und zum Ort des Angriffs. Wer versprühte Rizin-Aerosole einatmet, leidet bald unter Fieber, Brechdurchfall und Husten. Denn das Protein greift vor allem das Immunsystem sowie die Funktionen des Verdauungstraktes, der Leber und der Nieren an. Nach 24 bis 36 Stunden fällt der Patient ins Koma und stirbt schließlich an allgemeinem Organ- und Kreislaufversagen.

Ein Gegenmittel gibt es nicht, allerdings kann die Sterblichkeitsrate durch intensive Pflege der Patienten verringert werden. So kann der Arzt den Betroffenen ruhigstellen und durch Infusionen verhindern, dass er – vor allem in Folge des Durchfalls – innerlich austrocknet.

Versuche an Mäusen haben ergeben, dass bereits wenige Mikrogramm Rizin pro Kilo Körpergewicht tödlich wirken. In den Körper gelangt, wird das Rizin wegen seiner leichten Wasserlöslichkeit mit dem Blut weit verteilt. Über mehrere Zwischenschritte wandeln sich Bestandteile biochemisch um, wodurch es an Rezeptoren an der Zellwand andocken kann. Hierbei entsteht das eigentliche Rizin-Toxin, das in die Zellen eingeschleust wird. Dort unterbindet es die Synthese lebenswichtiger Proteine, indem es Untereinheiten der dafür zuständigen Ribosomen deaktiviert.

Das erklärt, weshalb gegen die Vergiftung so wenig getan werden kann, sondern nur gegen die Krankheitszeichen. Andererseits wird in der Medizin daran gearbeitet, gerade dieses Gift gezielt gegen Krebszellen einzusetzen. Die Schwierigkeit dabei ist freilich, genau die Ziele zu treffen, um die es geht.

Rizin ist ein Protein aus den Samen („Bohnen“) der Rizinusstaude. Da es nicht fett- sondern wasserlöslich ist, bleibt es bei der Ölgewinnung in den Pressrückständen übrig. Und die gibt es reichlich auf der Welt, denn Rizinusöl wird nicht nur in der Medizin als Abführmittel, sondern auch in der Industrie in großen Mengen verwandt. Zahlen von 1985 zufolge werden weltweit 1,3 Millionen Tonnen Samen zu 535000 Tonnen Öl verarbeitet, heute wohl noch mehr. Hauptanbaugebiete sind Indien, China und Brasilien.

Für die industrielle Nutzung wichtigster Bestandteil des Öls ist das Glycerid. Das Öl verdickt zwar an der Luft, aber es erstarrt nicht. Daher eignet es sich zur Herstellung von Schmierstoffen für Motoren, aber auch als Grundstoff für Bremsflüssigkeit, Kosmetika und Lacke. Haarshampoo zum Beispiel enthält bis zu 30 Prozent Rizinusöl.

Rizin ist in der Vergangenheit schon mehrmals als Waffe genutzt oder bei Verdächtigen von den Behörden beschlagnahmt worden. Am bekanntesten ist der Anschlag auf den bulgarischen Journalisten und Dissidenten Georgi Markov in London, der 1978 von Geheimdienstagenten mit einem Regenschirm verletzt wurde, an dessen Spitze sich eine mit Rizin kontaminierte, 1,5 Millimeter große Kugel befand. Sie setzte sich in Markov fest, der einige Tage später im Krankenhaus an dem Gift starb.

Zivilschutzfachleute berichten allerdings über eine seither wachsende Zahl von Vorfällen mit Rizin. So sei 1993 ein US-Extremist bei dem Versuch gefasst worden, als er 130 Gramm Rizin über die Grenze von Alaska nach Kanada zu schmuggeln versuchte. Das Toxin sollte als Kampfstoff eingesetzt werden, heißt es in einem Bericht eines Bundeswehr-Oberstabsarztes auf der Internetseite des Bundesverwaltungsamtes (seit 1999 für den Zivilschutz zuständig). Dort weiter: „In den 18 Monaten bis April 1997 hat das Medizinische Forschungsinstitut der Marine in Bethesda (USA) sechs Mal Rizin in Material nachgewiesen, das von der Polizei beschlagnahmt worden war.“

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