Gesundheit : Terrorisierte Forschung

Pockenviren als Biowaffe sind gefürchtet – Wissenschaftler suchen nach Gegenmaßnahmen für den Fall der Fälle

Hermann Feldmeier

Noch nie ist über eine Krankheit, die gar nicht mehr existiert, so viel geforscht worden wie über die Pocken. Alleine von Januar bis November dieses Jahres sind 241 Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften erschienen. An zahlreichen Fronten der Pockenforschung wird gleichzeitig gearbeitet: von der Impfstoffentwicklung bis hin zu den Maßnahmen, die zu beachten sind, wenn Pockenkranke in einem Operationssaal versorgt werden müssen. Und in nahezu jedem Land gibt es mittlerweile einen Krisenstab, der mindestens einmal das Szenario einer Pockenepidemie durchgespielt hat.

Die Fachzeitschrift „International Journal of Infectious Diseases“ hat gerade den Pocken ein komplettes Sonderheft gewid. Auf 40 Seiten fassen Experten die Probleme zusammen, die eine bewusste Freisetzung von Pockenviren mit sich bringen würden. Ausgangspunkt dafür sind zwei Überlegungen: Zum einen die Annahme, dass ein bioterroristischer Anschlag mit Pockenviren in naher Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann, und zweitens der Tatbestand, dass der größte Teil der Bevölkerung keinerlei Impfschutz gegen Pockenviren besitzt.

Damit ist die Situation völlig anders als zu Beginn der 80er Jahre, als die Pocken gerade als Krankheit ausgerottet waren und ein großer Teil der Bevölkerung gegen die „Mutter aller Seuchen“ geimpft und damit geschützt war. Die meisten Biowaffenexperten glauben, dass die Herstellung von Pockenviren im großen Maßstab nur mit hohem Aufwand möglich ist, aber es gibt Belege für das Gegenteil. Vor allem jedoch: Was macht einen Anschlag mit Pockenviren so gefährlich, dass für mögliche Gegenmaßnahmen erhebliche personelle und finanzielle Mittel aufgewendet werden?

Als die Pocken noch eine natürlich vorkommende Infektionskrankheit waren, erfolgte die Übertragung durch direkten Kontakt zwischen einer infizierten und einer gesunden Person, gelegentlich auch über feinste Wassertröpfchen, in die die Erreger eingebettet waren. Dies führte zu einer verhältnismäßig langsamen Ausbreitung der Viren und gab den Gesundheitsbehörden Zeit Gegenmaßnahmen zu ergreifen. So konnte jeder Ausbruch mit rigoroser Quarantäne und Ringimpfungen um einen Pockenherd eingedämmt werden.

Eine bewusst in Gang gesetzte Pockenepidemie würde einen völlig anderen Verlauf nehmen. Die Erreger könnten beispielsweise über Nahrungsmittel oder häufig benutzte Gegenstände, etwa Laufbänder von Rolltreppen, in Umlauf gebracht werden. Präparierte Sprengstoffe könnten bei der Detonation die Erreger freisetzen oder einfach zu konstruierende Verdampfer Viruspartikel in die Luft abgeben, die dann langsam mit einer Klimaanlage freigesetzt werden.

In Abhängigkeit von der Art des eingesetzten Erregerstammes, physikalischen und meteorologischen Gegebenheiten würden sich in einer ersten Welle mehr oder minder viele Menschen mit dem Pockenvirus infizieren. Im günstigsten Fall wäre mit einem Dutzend Krankheitsfällen zu rechnen, im schlechtesten mit einigen zehntausend. Von diesen wiederum würde jeder fünfte die Erkrankung nicht überleben.

Damit wäre die Epidemie aber gerade erst in der Anfangsphase. Experten rechnen damit, dass jeder Erkrankte mindestens zehn, vielleicht sogar 100 Personen anstecken würde, die in einer zweiten Welle die Infektion verbreiten. Zum Vergleich: bei natürlichen Pockenepidemien steckte ein Kranker zwischen zwei und fünf Gesunde an, bevor medizinische Bekämpfungsmaßnahmen griffen. Die hohe Ansteckungsquote bei einer absichtlichen Freisetzung hätte ein schnelles Ansteigen der Krankheitsfälle zur Folge.

In einem weiteren Punkt unterscheiden sich bewusst herbeigeführte Epidemien von ihren natürlichen Vorgängern. Es könnte ein Virus eingesetzt werden, das deutlich gefährlicher ist als die klassische Variola major. Pockenviren lassen sich nämlich verhältnismäßig leicht gentechnisch verändern, da sie fremde DNS gut in ihre eigene Erbsubstanz einbauen. Bereits in den neunziger Jahren gelang es sowjetischen Forschern, die Erbsubstanz der Pockenviren mit der anderer gefährlicher Viren zu verschmelzen.

Neuere Untersuchungen mit dem Mäusepockenvirus haben gezeigt, dass es möglich ist, die Erbsubstanz der Pockenviren so zu verändern, dass keine natürliche Aktivierung von Abwehrkräften mehr erfolgt. Werden Mäuse mit einem derart gentechnisch veränderten Pockenvirus infiziert, so liegt die Sterblichkeitsrate beinahe bei 100 Prozent.

Klar ist, dass ein bioterroristischer Anschlag mit gentechnisch veränderten Pockenviren das öffentliche Gesundheitswesen vor nahezu unlösbare Aufgaben stellen würde. Der vorhandene Impfstoff wäre wirkungslos und ein Medikament zur Behandlung der Pockenkranken nicht vorhanden. Für Ken Alibek, ehemaliger Mitarbeiter des russischen geheimen Forschungsprogramms zur Entwicklung von Biowaffen ist der Forschungs-Rubikon längst überschritten. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Virusforscher ihr molekularbiologisches Instrumentarium so verfeinert hätten, dass die Herstellung eines Monster-Pockenvirus möglich sei.

Allerdings gibt es auch Wissenschaftler, die Vorbereitungen auf einen möglichen Ernstfall für unnötig halten. So schreiben Hilltel Cohen, Richard Gould und Victor Sidel im „American Journal of Public Health“, die besonders in den USA eingerichteten Vorbeugeprogramme seien überzogen und hätten mehr Schaden als Nutzen angerichtet.

Von der Euphorie der 80er Jahre, als man glaubte, eine der großen Geißel der Menschheit ein für allemal vom Erdboden getilgt zu haben, ist nichts übrig geblieben, seit Indizien darauf hinweisen, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus den geheimen Bioreaktoren der Militärs Pockenviren gleich literweise außer Landes geschafft wurden. Auch spricht einiges dafür, dass sich einige Länder Fachkompetenzen zum Umgang mit den Erregern in Gestalt arbeitsloser russischer Forscher hinzugekauft haben. Und schließlich weisen Geheimdienstberichte darauf hin, dass zumindest zu einem Zeitpunkt, das Al Quaida- Netzwerk versucht hat, an Pockenviren zu gelangen.

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