Gesundheit : Thunfisch für den Zappelphilipp

Ein Ratgeber empfiehlt, unaufmerksame Kinder mit einer Diät zu behandeln

Adelheid Müller-Lissner

Sie sitzen nie still und reden unaufhörlich, in der Schule können sie sich nicht konzentrieren, in die Gruppe der Altersgenossen oft schwer einfügen. Kinder mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) machen es ihrer Umwelt nicht leicht, und sie haben es auch mit sich selbst schwer. ADHS gehört zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter.

Doch welche Behandlung soll es sein? Kinder- und Jugendpsychiater setzen heute auf eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikamenten. Allen ADHS-Kindern nützt es, wenn Eltern und Lehrer für klare Strukturen und deutliche Anweisungen sorgen. Die Ursache der Störung wird seit Jahrzehnten auch in falscher Ernährung gesucht. Und so verwundert es nicht, dass sich unter Eltern eine Theorie zunehmender Beliebtheit erfreut, nach der ADHS eine Stoffwechselstörung ist, die man mit einer speziellen Diät bekämpfen kann. Propagiert wird die „neue, sanfte Nährstofftherapie“ von Georg Keller und Marie-Therese Zierau in ihrem Buch „Hilfe bei AD(H)S“ (Knaur).

Mit Veränderungen des Speiseplans mehr Ruhe und Harmonie an den Familientisch zu bringen, ist eine verlockende Aussicht. In den 80er Jahren wurde die phosphatreiche Ernährung verdächtigt, man empfahl den Eltern, ihren Kindern weniger Wurst und Gepökeltes zu essen zu geben. Auch Farb- und Konservierungsstoffe, als Allergieauslöser verdächtigte Stoffe und Zucker wurden in vielen Familien vom Speiseplan verbannt. „Es hat schon diverse Wundermeldungen gegeben“, resümiert Barbara Högl, die als langjährige Vorsitzende des rührigen Arbeitskreises Überaktives Kind schon einige Wellen der ADHS-Behandlung miterlebte. Die Enttäuschung folgte meistens auf dem Fuß.

Der Apotheker Keller und die Kinderärztin Zierau greifen hoch: Neben den häufig niedrigen Spiegeln der Spurenelemente Zink und Magnesium spreche auch der „dramatische Mangel an Gehirnfettsäuren“ dafür, dass ADHS eine psychiatrische Erkrankung auf dem Boden einer Stoffwechselkrankheit ist. Hinter der Bezeichnung „Gehirnfettsäuren“ stecken vor allem die ungesättigten Fettsäuren Arachidonsäure (AA) und Docosahexaensäure (DHA), aus denen die Umhüllung der Nervenzellen besteht. Sie sind in der Nahrung enthalten, vor allem in bestimmten Fischsorten wie Hering, Lachs, Aal, Makrele, Sardine und Thunfisch. Wenn die Kinder nach Schokoriegeln verlangten, sei es jedoch oft schwer, eine Makrele oder einen Thunfischsalat an den Jungen oder das Mädchen zu bringen, meinen die Buchautoren. Deshalb empfehlen sie Konzentrate, die Thunfisch- und Nachtkerzenöl enthalten – und sie geben gleich an, wo man die Kapseln am besten per Mausklick bestellen kann.

Die Empfehlungen sind also sehr konkret. Und sie beziehen sich sogar auf die Eltern der ADHS-Kinder, die damit Depressionen und Burn-out bei sich selbst vorbeugen sollen. Aber wie solide ist die Basis, auf der sie stehen? „Einzelne kleine Studien weisen darauf hin, dass hier möglicherweise Effekte zu erwarten sind“, sagt der ADHS-Experte Manfred Döpfner von der Uni Köln in aller Vorsicht.

Eine solche Studie wurde gerade publiziert: Die Oxforder Physiologin Alexandra Richardson untersuchte 117 Kinder. Die Schüler litten allerdings nicht unter ADHS, sondern unter Entwicklungsstörungen, die vor allem die Bewegung betrafen. Sie bekamen drei Monate lang entweder eine Nahrungsergänzung mit Fischöl oder ein Scheinpräparat. Bei den Kindern, die das an Omega-3-Fettsäuren-reiche Fischöl eingenommen hatten, waren Verhalten und Lesefähigkeit gebessert, nicht jedoch die Motorik.

Bleibt die Frage, ob der Versuch bei Kindern mit einer ADHS-Diagnose ebenso positiv ausgegangen wäre. Michael Huss, Kinder- und Jugendpsychiater an der Berliner Charité, gibt außerdem zu bedenken, dass die Ergebnisse nochmals von einer unabhängigen Forschergruppe überprüft werden müssen. Bisher sei die Datenlage noch zu dünn, um echte Empfehlungen zu einer Diät oder zur Nahrungsergänzung auszusprechen, ist auch in den Europäischen Leitlinien zur ADHS-Behandlung zu lesen. „Wenn durch eine nicht hinreichend wirksame Diät andere wichtige Behandlungsformen verhindert oder stark verzögert werden, halte ich das für sehr problematisch“, sagt der Psychiater.

„Wir sollten an neuen Therapien interessiert sein und uns ihrer Erforschung nicht verweigern“, mahnt Huss sich und seine Kollegen. Die ganze Krankheit ADHS als Folge eines „aus den Fugen geratenen Fettstoffwechsels“ zu erklären, wie Keller und Zierau das tun, schieße jedoch „weit über das Ziel hinaus“. Bei so hohen Erwartungen sind die Enttäuschungen schon programmiert.

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