Gesundheit : Tierischer Nachwuchs: Faible fürs Weichei

Matthias Glaubrecht

Das Ei ist eine runde Sache. Für die meisten Tiere ist es das Fortpflanzungs-Vehikel schlechthin, die Ultima ratio in Sachen Generationenvertrag. Zwar sind Eier gelegentlich zerbrechlich, und es empfielt sich mithin, nicht immer alle in einen Korb zu legen. Dennoch sind Eier genial konstruiert.

Einem Care-Paket gleich, liefern viele Tiermütter zusammen mit der eigenen Erbsubstanz im Ei gleich auch noch die nötigen Nährstoffe. Sie sichern so die nutritive Erstausstattung, bis der Nachwuchs selber Futter fassen kann. Für Tiere an Land wie Reptilien und Vögel sind Eier dank ihrer derben, kalkigen Hülle zudem ein Miniaturaquarium, das auch weitab vom Wasser die Zukunft des Nachwuchses sichert.

Bei den zahllosen Eier legenden Tieren ist der Embryo dadurch wie in einer natürlichen Raumkapsel mit allem Nötigen zum Überleben in einer unwirtlichen Umgebung ausgerüstet. Vor allem bei jenen Meeresbewohnern, die ihre Eier in den Ozean entlassen, ist der Nachwuchs im Ei auf diese Weise für die lange und ungewisse Reise durch die schier endlosen Weiten gewappnet. Kein Wunder also, dass die Evolution zwecks Fortpflanzung millionenfach auf das Konzept Ei gesetzt hat. Oviparie, das Eierlegen, ist die vorherrschende Methode, wenn es um Fortpflanzung geht.

Aber cleverer noch - gar "höher entwickelt" - erscheinen vielen Zoologen solche Tierarten, die das Ei gewissermaßen verinnerlicht haben. Diese Tiere legen ihre Eier erst gar nicht ab, und setzten sie damit auch nicht den vielfältigen Gefahren aus, die etwa von Nesträubern drohen. Stattdessen brüten sie die befruchteten Eier im eigenen Körper aus. Viviparie, Lebendgebären, heißt diese Strategie - und ist am besten wohl von Säugetieren wie uns Menschen selbst bekannt.

Doch keineswegs nur Säuger oder einige wenige, vermeintlich höher entwickelte Tierarten verschaffen ihrem Nachwuchs derart einen chancenreicheren Start ins Leben. Eine ganze Phalanx von unscheinbaren Wirbellosen vermehrt sich vivipar: Schnecken, Seesterne und viele Muscheln. Wohl rund 150 Mal, so schätzen Experten, hat sich das Lebendgebären unabhängig voneinander allein bei Fischen, Amphibien und Reptilien entwickelt.

Der Hai frisst seine Brüder

Während etwa die meisten bodenlebenden Haie Eikapseln ablegen, schlüpft der Nachwuchs von Hochsee-Haien bereits im Mutterleib. Sie wachsen in der schützenden Wiege heran, bis sie groß und kräftig genug sind; erst dann werden sie lebend geboren, um sich eigenständig im Ozean zu behaupten. Die Jungen von räuberischen Arten - früh übt sich, was ein echter Hai werden will - fressen während dieser Embryonalzeit im Mutterleib ihre kleineren Geschwister auf, so dass nur wenige Jungtiere übrig bleiben.

Was derart oft und noch dazu unabhängig voneinander erfunden wurde, muss offenbar reichlich Vorteile bieten. Unter Eidechsen und Schlangen kommt Viviparie meist bei solchen Arten vor, die in kälteren Klimaten leben. Dort hält der Mutterleib selbst dieser wechselwarmen Tieren die Embryonen wärmer als es abgelegte Eier vermögen.

Andere Tiere, andere Sitten: Was dem Känguruh lieb ist, ist auch manchem Frosch teuer - der Beutel für den Nachwuchs. Denn nicht nur bei den australischen Hüpfern wird ein Rucksack zum Gebärmutterersatz. Statt einer inneren Plazenta und einem schützenden Beutel, haben viele Frösche zum Teil aberwitzige "Erfindungen" gemacht, um das Logis-Problem zu lösen.

Sicherlich das unglaublichste Brutverhalten hat der australische Magenbrüterfrosch Rheobatrachus vitellinus. Er "bebrütet" die Eier bis zum Ausschlüpfen von etwa 30 Kaulquappen im Magen. Die Weibchen verschlucken dazu ihre Eier nach der Befruchtung und produzieren fortan keine Magensäure mehr, bis die Jungen nach acht Wochen ausgespuckt werden. Kein Zweifel: hier wartet die Entdeckung eines revolutionären Mittels gegen Magengeschwüre!

Überhaupt sind Frösche überaus erfinderisch, wenn es um ihren Nachwuchs geht. Das Entwicklungsmuster Eier legender europäischer Froschlurche ist keineswegs die Regel. Bei vielen in Südamerika beheimateten Fröschen schlüpfen nicht Kaulquappen aus dem Laich, sondern richtige kleine Frösche. Viele Arten bebrüten ihren Nachwuchs auf die eine oder andere Weise, sogar in den Blattachseltrichtern von Bromelien.

Wieder andere tragen ihre Jungen huckepack mit sich herum. Diese Beutelfrösche haben dazu auf dem Rücken eine besondere Bruttasche angelegt, deren innere, gefäßreiche Auskleidung sich eng um die Eier legt und die die sich darin entwickelnden Embryonen auch - analog einer Säuger-Plazenta - mit Nahrung versorgt. Da die Rückentasche der tropischen Beutelfrösche nichts anderes ist als eine Gebärmutter, gleicht diese Fortpflanzungsstrategie eher der höherer Wirbeltiere als der anderer Amphibien. Interessanterweise sind es oft die Männchen, die hier "schwanger" werden und bis zu hundert Embryonen behüten.

Verblüffend selbst für Zoologen ist die Entdeckung, dass auch Schnecken vielfach ein Faible fürs Bebrüten haben. Gleich in mehreren Evolutionslinien haben diese Weichtiere diverse Formen von Brutbeuteln entwickelt, so etwa die bei uns heimische Sumpfdeckelschnecke mit dem schönen Namen Viviparus viviparus oder die aus Neuseeland über Australien bereits im vergangenen Jahrhundert in Europa eingeschleppte Zwergdeckelschnecke Potamopyrgus antipodarum.

Und bei einer ganzen Armada tropischer Beutelschnecken aus der Gruppe der Thiariden werden die Embryonen - ähnlich wie bei den Beutelfröschen - in einer Tasche im Nacken oder Kopffuß herumgetragen. Auch hier bildet das Taschengewebe besondere Zellschichten aus, über die die heranreifenden Embryonen wochenlang mit Nährstoffen versorgt werden.

Die Fortpflanzung auf diese Weise zu verinnerlichen und wesentliche Phasen der Embryonalentwicklung in den Körper der Mutter (oder des Vaters) zu verlegen, hat freilich ganz erhebliche Vorteile - und die wurden von der Evolution offenbar bei vielen Tiergruppen belohnt. Viviparie bietet Schutz vor Räubern, und das Ausbrüten im eigenen Körper sichert ein gleich bleibendes Mikroklima, das den Nachwuchs frei von eventuell schädlichen Umwelteinflüssen macht - es sei denn, die Mammi selbst führt sich ausnahmsweise fruchtschädigende Stoffe zu.

Und dann ist da noch die Zahl der Nachkommen: Oft als regellos verkannt, gibt die Biologie in Sachen Fortpflanzung endlich einmal einen klaren Trend preis. Denn je weniger Brutpflege eine Tierart betreibt, desto größer muss die Zahl des Nachwuchses sein. Eine verschwenderisch erscheinende Massenproduktion - man denke nur an die Abermillionen Eier von Meeresmuscheln, Korallen oder Seesternen - kompensiert die biologische Vernachlässigung der nächsten Generation.

Doch je kleiner die Zahl der Nachkommen wird, desto höher ist auch der Pflegeaufwand, um deren Überleben zu sichern. Erst allmählich erkennen Zoologen, wie vielfältig die Wege der Natur sind, wenn es um die richtige und erfolgreiche Strategie zur Jungenaufzucht geht. Einfach nur seine Eier abzulegen, kommt einem - auch bei österlicher Betrachtung - angesichts dieser Möglichkeiten nachgerade einfaltslos vor.

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