Tinnitus : Das große Rauschen

Mit dröhnender Musik aus MP3-Playern und Diskolärm schädigen viele Jugendliche ihr Gehör. Nur wenige wissen: Sind die Zellen im Ohr kaputt, kann zur Schwerhörigkeit ein Tinnitus dazukommen

Dagny Lüdemann
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Lärmschutz. Wer vorbeugen will, sollte seine Ohren schützen.Foto: dpa

Ärzte schlagen Alarm: Immer mehr Jugendliche in Deutschland sind schwerhörig. Gerade hat der Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte erschreckende Zahlen veröffentlicht: In der Altersgruppe von 16 bis 20 Jahren weist demnach bereits jeder Fünfte Auffälligkeiten im Innenohr auf. Die Altersschwerhörigkeit, die früher nur Menschen im Rentenalter traf, ist heute schon unter 20-Jährigen verbreitet. Eine Ursache dafür ist die Nutzung von MP3-Playern - denn die Dauerbeschallung über Kopfhörer ist besonders schädlich fürs Gehör.

Aber Schwerhörigkeit ist nicht die einzige Folge: Geschädigte Hörzellen neigen dazu, falsche Signale ans Gehirn zu senden. Selbst wenn es absolut still ist, hören die Betroffenen dann ein Rauschen oder sogar ein richtiges Pfeifen - für Minuten, Stunden, Tage oder Wochen. Ärzte sprechen dann von einem Tinnitus, was auf Latein für "Klingeln" steht. "Wird das Ohrgeräusch länger als drei Monate wahrgenommen, sind die Chancen in der Regel gleich null, dass es wieder weggeht", sagt Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnitus-Zentrums der Charité. Unter ihren Patienten sind auch Jugendliche.

WOHER KOMMT DAS GERÄUSCH?

Jeder Mensch hat ein Grundrauschen im Ohr - doch normalerweise ist das Gehirn in der Lage, es auszublenden. Bei Tinnitus-Patienten erreicht dieses Rauschen die Ebene der bewussten Wahrnehmung. Schuld daran sind geschädigte Sinneszellen im Ohr, die mit winzigen Härchen besetzt sind. Sie schwingen mit den Schallwellen mit, die aus der Umgebung auf das Trommelfell und dann ins Innenohr übertragen werden. So entsteht ein Signal, das von den Hörzellen ans Gehirn weitergegeben wird. Kaputte Hörzellen senden auch dann Signale, wenn von außen gar nichts zu hören ist - und das verursacht den Tinnitus. "Ist das Ohrgeräusch einmal ins Bewusstsein vorgedrungen, wird es vom Gehirn gespeichert", erklärt die Leiterin des Tinnitus-Zentrums der Charité. So kann sich der Tinnitus verselbstständigen. Das heißt: Der falsche Ohrton entsteht dann gar nicht mehr im Innenohr, sondern direkt im Gehirn.

WARUM GEHEN DIE SINNESZELLEN IM OHR KAPUTT?

Die Hauptursache dafür ist Lärm. Ab etwa 85 Dezibel überfordert er die Haarzellen - vor allem, wenn er über Stunden andauert. "Ein Diskoabend beginnt in der Regel bei knapp 100 Dezibel", sagt die Tinnitus-Expertin Mazurek. "Und da die Reizschwelle der Besucher im Laufe der Zeit sinkt, drehen die DJs immer weiter auf." Nach so einer Partynacht hat fast jeder ein Rauschen im Ohr. In aller Regel ist es am nächsten Morgen weg. Doch auch wenn das Ohrgeräusch verschwindet, heißt das nicht, dass das Gehör nicht geschädigt wurde. Denn je häufiger die feinen Hörzellen überlastet werden, desto schneller altern sie. Damit steigt nicht nur das Risiko, schwerhörig zu werden. Auch die Gefahr, einen chronischen Tinnitus zu entwickeln, wächst.

WIE HÖRT SICH EIN TINNITUS AN?

Das ist ganz unterschiedlich. Das Geräusch kann ein Summen, Zischen oder Rauschen sein. Manche Menschen hören auch einen klaren Ton, andere klagen über ein Hämmern oder Klopfen. Die empfundene Lautstärke kann variieren. Und bei manchen Tinnitus-Patienten verändert sich die Art des Geräusches mit der Zeit. "Ein klarer Ton tritt häufig auf, wenn das Gehör nur in einer bestimmten Frequenz geschädigt ist", sagt Birgit Mazurek. "Pulsierende Geräusche können auch ein Anzeichen für eine Gefäßerkrankung sein."

WANN TRITT EIN TINNITUS NOCH AUF?

Ein Ohrgeräusch kann auch durch einen Infekt oder einen Pfropf im Gehörgang ausgelöst werden. In diesen Fällen tragen die feinen Hörzellen meist keinen Schaden davon. Spätestens wenn der Infekt vorbei ist oder der Ohrenarzt den Gehörgang gründlich gereinigt hat, verschwindet der akute Tinnitus. In der Silvesternacht kommen jedes Jahr besonders viele Patienten mit Tinnitus in die Notaufnahme der Berliner Kliniken: Sie haben ein Knalltrauma erlitten, weil ein Böller direkt neben dem Ohr explodiert ist. Nur in zehn Prozent der Fälle bleibt der Tinnitus nach einem Knalltrauma für immer. Das Gehör trägt aber dennoch sehr häufig einen bleibenden Schaden davon.

KANN EIN HÖRSTURZ DIE URSACHE SEIN?

Ja, denn bei einem Hörsturz wird das Innenohr für eine Weile schlecht oder überhaupt nicht durchblutet. Wie die Gehirnzellen bei einem Schlaganfall, sterben beim Hörsturz die Zellen im Ohr ab - unwiederbringlich. "Den Hörsturz erkennt man daran, dass die Patienten plötzlich auf einem Ohr deutlich schlechter hören. Manchen wird dazu noch schwindelig", erklärt die Charité-Expertin. Wer so etwas erlebt, sollte sofort zum Arzt gehen. Denn mit durchblutungsfördernden Medikamenten können in den ersten Stunden noch Hörzellen gerettet werden. Wenn gleichzeitig zum Hörsturz ein Tinnitus auftritt, kann eine schnelle Behandlung auch verhindern, dass der Ton im Ohr bleibt. Den Zusammenhang zwischen Hörverlust und Tinnitus haben Forscher vom Institut für Theoretische Biologie an der Berliner Humboldt-Universität gerade in einem Modell untersucht. Ihre These: Wenn die Hörnerv-Fasern durch den Hörverlust weniger aktiv sind, versuchen die Nervenzellen im Gehirn das zu kompensieren und werden sensibler. Als Nebenwirkung entsteht der Tinnitus.

WAS BEDEUTET DER TON IM OHR IM ALLTAG?

Für die Betroffenen ist ein Tinnitus in erster Linie eine nervliche Belastung. Schlafstörungen, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme sind die Folge. Ein Teufelskreis: Je genervter die Patienten sind, desto mehr denken sie an den Tinnitus und nehmen ihn noch stärker wahr.

WELCHE THERAPIEN GIBT ES?

Die bislang wirksamste Methode ist die Tinnitus-Retraining-Therapie. Dabei wird das Gehirn von den störenden Tönen abgelenkt, so dass sie in den Hintergrund treten. In gezielten Hörübungen lernen die Betroffenen, sich auf andere Klänge zu konzentrieren. In drei Vierteln der Fälle hat diese Therapie Erfolg, so dass die Patienten besser mit ihrem Tinnitus leben können. "Hier am Tinnitus-Zentrum raten wir den Patienten außerdem, Entspannungstechniken zu lernen", sagt Birgit Mazurek. Bewährt haben sich zum Beispiel Autogenes Training und Yoga. Würden junge Menschen rechtzeitig mit dieser Art von Stressvermeidung beginnen, gäbe es vermutlich weniger Tinnitus-Patienten. "Die beste Vorbeugung ist die Vermeidung von Lärm", sagt die Ärztin. Und das fängt schon im Kindesalter an. Manche Knallpistolen haben mehr als 150 Dezibel, ein MP3-Player liegt mit einer Lautstärke von 120 Dezibel nur knapp darunter. Von Silvesterknallern ganz zu schweigen.

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