Gesundheit : Transplantierte Tollwut

Sechs Patienten wurden infizierte Organe verpflanzt – drei der Kranken schweben in Lebensgefahr

Bas Kast

Der Verdacht hat sich bestätigt: Ärzte haben sechs Patienten mit Tollwut infizierte Organe transplantiert. Die Organe stammen von einer Spenderin, die im Dezember gestorben ist. Gewebe-Untersuchungen am gestrigen Donnerstag ergaben, dass die Frau tatsächlich mit dem Tollwutvirus infiziert war.

Die 26-Jährige hatte sich im Oktober vergangenen Jahres in Indien aufgehalten, wo jedes Jahr Tausende an Tollwut sterben. Vermutlich hat sie sich dort angesteckt, vielleicht durch den Biss eines streunenden Hundes.

Im Dezember erlitt die Frau in der Universitätsklinik Mainz einen Herzstillstand. Ihr Kreislauf konnte zwar stabilisiert werden – dennoch starb sie: Hirntod auf Grund von Sauerstoffmangel, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation DSO berichtet.

Der Zustand von drei der sechs Patienten ist äußerst kritisch. Bei den drei anderen hat man dagegen noch keine Tollwut-Symptome beobachtet.

Sehr schlecht geht es einem Mann in Marburg, der eine Niere sowie die Bauchspeicheldrüse der Spenderin bekommen hatte. Er wird derzeit auf der Intensivstation künstlich beatmet.

Ein 70-Jähriger aus Hannoversch-Münden, der am 1. Januar operiert worden war, war am vergangenen Freitag mit unklaren Krankheitssymptomen ins Krankenhaus gekommen – ihm hatte man die zweite Niere der Spenderin verpflanzt.

Eine junge Frau in Hannover, die die Lunge der Spenderin erhalten hatte, leidet unter den typischen Tollwut-Symptomen.

Ohne Symptome dagegen sind ein Patient, dem in Heidelberg die Leber transplantiert worden war, und zwei weitere Patienten, die in Mainz die Augenhornhäute der Spenderin bekommen hatten. Bei beiden Augenpatienten hat man die Hornhäute der Spenderin inzwischen schon wieder entnommen und durch andere ersetzt.

„Die Patienten sind mehrfach geimpft worden“, sagte Werner Lauchart, geschäftsführender Arzt bei der DSO. Zudem behandele man sie mit Medikamenten, die die Virus-Vermehrung bremsen. Auch rund 80 Kontaktpersonen haben eine Tollwut-Impfung bekommen, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Denn das einzige Mittel gegen Tollwut ist die Prävention. Ist die Krankheit einmal ausgebrochen, gibt es keine Hoffnung mehr auf Heilung – sie verläuft fast immer tödlich. Zeigen sich noch keine Symptome, kann die Erkrankung dagegen durch eine nachträgliche Impfung verhindert werden.

Tollwut ist in Deutschland extrem selten geworden, seit man bei uns Füchse impft. Jährlich gibt es nur noch ein bis zwei Krankheitsfälle, und sie sind „alle aus dem Ausland eingeschleppt“, sagte Gerd-Dieter Burchard vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, wo man die Gewebeproben der Spenderin untersucht hat. In den Tropen dagegen sei die Krankheit „fast überall“ verbreitet. Sie wird vom Tier auf den Menschen übertragen – meist durch einen Biss.

Dann vergehen in der Regel nur wenige Wochen, und die Krankheit bricht aus. Die Bisswunde brennt, es kommt zu Kopfschmerzen, Krämpfen, vor allem in der Schlundmuskulatur – die Betroffenen bekommen Angst davor, zu trinken. Das Virus befällt das Gehirn, die Patienten fallen in ein Koma und sterben durch Atemlähmung.

Zwischen dem ersten Symptom und dem Tod liegt nicht mehr als eine Woche.

Organspender werden auf zahlreiche Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis geprüft – nicht aber auf Tollwuterreger, weil die Krankheit bei uns so gut wie nicht vorkommt. „Ein solcher Test würde auch zu lange dauern“, sagte der DSO-Experte Lauchart. Und nach dem Tod eines Patienten bleibt den Ärzten nur wenig Zeit für die Verpflanzung von Organen.

Da in seltenen Fällen Monate, ja sogar Jahre von einer Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit vergehen, lässt sich der Schicksalsschlag, den die Ärzte jetzt erstmals in Deutschland beobachten, offenbar kaum vermeiden. So zeigten sich auch bei der 26-jährigen Spenderin keinerlei Tollwut-Symptome, als sie im Dezember ins Krankenhaus kam.

Berichte darüber, die Frau sei an einer Überdosis Kokain, Ecstasy und Speed gestorben, seien falsch, wie der Arzt Lauchart von der Deutschen Stiftung Organtransplantation gegenüber dem Tagesspiegel sagte: „Der Drogenkonsum war nicht die Todesursache.“

Auch wenn hierzulande nie zuvor ein Transplantationspatient mit Tollwut infiziert wurde, so gab es doch anderswo schon solche Fälle – etwa in den USA, zuletzt im Juli letzten Jahres.

Der Bedarf an Spenderorganen ist immens. Sie retten Leben. Und sie bergen Gefahren. „Wir können daran nichts ändern“, so der Experte Werner Lauchart. „Mit diesem Restrisiko müssen wir leben.“

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