Gesundheit : Tropenkrankheiten: Wenig beachtet, spät bemerkt

Alexander S. KekulÉ

Es gibt Krankheiten, die lohnen sich einfach nicht. Zum Beispiel das gefährliche "Kyasanur Waldfieber", das in Südindien Affen und Menschen heimsucht. Oder das "Semliki-Forest-Fieber", das hin und wieder in Uganda zuschlägt. Die Krankheiten sind so selten, dass sich für die Pharmaindustrie die Entwicklung von Diagnoseverfahren und Medikamenten nicht rentiert. Forscher geben sich kaum mit ihnen ab, weil sie nicht genügend Fälle für brauchbare Studien zusammenbekommen.

Dabei stehen die Chancen der künftigen Ärzte, mit einer der exotischen Infektionskrankheiten im wirklichen Leben konfrontiert zu werden, gar nicht so schlecht. Das durch Stechmücken übertragene West-Nil-Virus, ursprünglich in Ägypten und Zentralafrika zuhause, breitet sich seit letztem Sommer explosionsartig im Nordosten der USA aus. In New York City herrschte Panik, nachdem 62 Menschen ins Krankenhaus mussten, sieben starben an Gehirnentzündung. Die Stadt reagierte mit massivem Einsatz von Insektiziden - ohne Erfolg: Im Stadtteil Queens fielen auch in diesem Jahr wieder scharenweise infizierte Krähen von den Bäumen. Die traditionellen Open-Air-Konzerte im Central Park wurden abgesagt, nachdem man Tausende mit dem West-Nil-Virus infizierter Mücken gefunden hatte.

Der Eroberungszug des exotischen Krankheitserregers verblüfft selbst die wenigen Tropenmediziner, die sich halbwegs mit ihm auskennen. Während 1999 hauptsächlich Vögel betroffen waren, wurde das West-Nil-Virus jetzt auch bei Pferden, Hasen, Waschbären und Fledermäusen gefunden. Dafür wurden, aus unbekannter Ursache, deutlich weniger Menschen als im Vorjahr infiziert. Statt, wie vorhergesagt, mit infizierten Zugvögeln nach Süden zu wandern, hat sich der Einwanderer in der Gegenrichtung bis Kanada ausgebreitet. Gesichert scheint wenigstens, dass das tropische Virus aus Israel in die Neue Welt eingeschleppt wurde. Dort versetzt die Urwald-Mikrobe ebenfalls gerade die Großstädter in Panik: Im Norden der Millionen-Metropole Tel Aviv erkrankten über einhundert Menschen am West-Nil-Virus, neun sind bereits gestorben.

Durch den zunehmenden Reiseverkehr und weltweite Tiertransporte haben die unheimlichen Busch-Bewohner begonnen sich auszubreiten. Die Mücken, die sie übertragen, nisten hier nicht mehr in subäquatorialen Tümpeln, sondern in kalten Regenpfützen und leeren Cola-Dosen. Statt der seit Jahrtausenden adaptierten tropischen Wirtstiere sind europäische und nordamerikanische Vögel und Säugetiere ihre Opfer. Wie sich die tödlichen Viren in neuer Umgebung verhalten und wie sie das dortige Ökosystem beeinflussen, kann niemand vorhersagen. Fest steht nur, dass sie mit dem Immunsystem einer nicht an sie gewöhnten Population leichtes Spiel haben. Am Montag teilte die WHO in Genf mit, was Fachleute schon länger vermuteten: Erreger wie das West-Nil-Virus können sich prinzipiell auch in Europa ausbreiten.

In Deutschland verläuft die Vorbereitung auf den möglichen Luftangriff jedoch eher schleppend: Die derzeit geplanten fünf Behandlungs- und Koordinierungszentren für importierte Infektionen würden bei einem Ernstfall wie in New York oder Tel Aviv nicht ausreichen. Die Beschäftigung mit den "Exoten" würde sich also lohnen - nicht nur für Wissenschaftler, vor allem für Politiker.

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