Gesundheit : „Überleben nur mit gut vernetztem Angebot“

Verwaltung privatisieren, statt Betten abzubauen – der Ärztliche Direktor der Charité über Sparmöglichkeiten in Berlins Hochschulmedizin

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Die Nachricht, dass Sie als CharitéDirektor ausgerechnet zum Höhepunkt des Streits um die Zukunft der Berliner Hochschulmedizin nach Hamburg wechseln, hat viel Wirbel ausgelöst. Gehen Sie tatsächlich?

Das hängt von der Senatsverwaltung ab. Ich habe ein faires Angebot unterbreitet. Wenn es akzeptiert wird, kann ich mir eine weitere Tätigkeit in Berlin gut vorstellen. Die Gespräche mit Wissenschaftssenator Flierl sind, das möchte ich betonen, sachlich und offen.

Welche Rolle hat dabei die ungeklärte Situation der Hochschulmedizin in Berlin gespielt?

Keine.

Sie haben das Gutachten der Expertenkommission zur Zukunft der Hochschulmedizin in Berlin auf seine Konsequenzen hin durchrechnen lassen. Was ist dabei heraus gekommen?

Die vom Berliner Senat geforderten Einsparungen von 98 Millionen Euro werden durch die Vorschläge nicht erzielt. Die Kommission hat das allenfalls kursorisch vorgerechnet. Aber es fallen erhebliche Folgekosten an, die bisher nicht bedacht sind. Wenn man etwa die Kardiochirurgie aus Mitte nach Steglitz verlagert, kostet das rund 20 Millionen Euro. Und das ist nur einer von vielen Umzügen bei der Fusion. Im schlechtesten Fall kommen Kosten von 500 Millionen Euro zusammen, wie die Gutachter der Unternehmensberatung Cap Gemini errechnet haben. Selbst bei einem mittleren Wert von 250 Millionen Euro würde man 2,5 Jahre nur für die Umzüge sparen. Berücksichtigt man den vorgeschlagenen Bettenabbau, ergibt sich ein Risikopotenzial von mehreren Milliarden.

Andererseits liegen die finanziellen Zwänge und der Druck zum Sparen auf der Hand. Was kann man aus Ihrer Sicht tun, um mit den Einsparungen möglichst wenig Schaden beim wissenschaftlichen Potenzial anzurichten?

Die neue Charité würde eine Fusion beider Klinika bedeuten. Das akzeptieren wir grundsätzlich. Zunächst müssten aber zwei Voraussetzungen geschaffen werden: Einmal muss das Klinikum rechtlich selbstständig werden; denn wir brauchen für die Veränderungen klare Entscheidungsstrukturen. Ferner benötigen wir rechtlich verbindliche Garantien des Senats, dass die neuen Strukturen mindestens die nächsten zehn bis zwanzig Jahre bestehen – und in dieser Zeit keine weiteren Abbaupläne auf uns zu kommen.

Die Entscheidung über die Fusion des Virchow-Klinikums und der Charité liegt ja noch nicht lange zurück ...

Der Beschluss fiel 1993. Die Umsetzung dauerte letztlich bis 1999 – und war ein leichtes Unternehmen verglichen mit dem, was uns jetzt bevorsteht. Dabei spart eine Fusion an sich keinen Euro. Wenn der neue Vorstand aber tatsächlich Entscheidungskompetenzen bekommt, bin ich trotz allem gedämpft optimistisch, dass er Lösungsmöglichkeiten für die Einsparauflagen findet – und zwar solche, die nicht an Qualität in Krankenversorgung und Forschung sparen. Andernfalls würden wir unser eigenes Grab schaufeln.

Welche Sparmöglichkeiten sehen Sie, die möglichst viel Gestaltungsraum lassen?

Erst einmal im nicht-medizinischen Bereich. Diese Aufgaben sollten wir privatisieren. Wir brauchen eine Verwaltungsorganisation, die daran interessiert ist, mit wenig Aufwand viel zu erreichen. Das ist in einer öffentlich-rechtlichen Struktur nicht gegeben. Die Personalverwaltung kann man zum Beispiel privat führen, die Beschaffung und das Gebäudemanagement.

Wieso führt das zu Einsparungen?

Beispiel Gebäudemanagement: Bisher haben wir unsere Flächen nicht optimal genutzt. So mieten wir etliche Quadratmeter von außen an. Im Karolinska-Hospital in Stockholm beispielsweise hat man jeder Institution ein Mietbudget gegeben mit der Möglichkeit, wenn sie weniger Quadratmeter braucht, auch weniger Miete zu zahlen. Auf einmal wurde ein Drittel der Flächen weniger gebraucht. Da ist bei uns sicher auch Sparpotenzial.

... und in anderen Bereichen?

Man muss neue Wege der Investitionsfinanzierung finden, bei denen man Investitionen nutzt, um Kosten zu senken. Wenn man etwa durch Renovierung kostengünstigere Abläufe schafft, kann man das durchaus mit privater Vorfinanzierung realisieren. In England und den USA ist das üblich. So könnten wir ein effizientes Krankenhaus schaffen, ohne ständig auf den finanziell kaum noch handlungsfähigen Staat angewiesen zu sein.

Wollen Sie ganz weg von den Vorschlägen der Expertenkommission?

Einige Vorschläge können wir als eine Art Leitfaden nehmen. Und wir akzeptieren das Grundprinzip, Leistungs- und Wissenschaftsschwerpunkte zu bündeln. Man muss aber aufpassen, dass dabei nicht eine Art Flickenteppich über Berlin entsteht, der zu einem unzumutbaren Patienten- und Studententourismus kreuz und quer durch die Stadt führt. Alle drei Klinika müssen zumindest jeweils die wesentlichen Kernfächer haben. Eine Rettungsstelle kann man beispielsweise ohne Kardiologie, Chirurgie, Radiologie und Neurologie gar nicht betreiben.

Sie denken Krankenversorgung und Forschung eng zusammen. Die reinen Forschungskliniken in den USA heimsen aber viele Lorbeeren ein. Halten Sie das für bedenkenswert?

Eigentlich nicht. Ein Krankenhaus, das nur aus zwei oder drei wissenschaftlichen Schwerpunkten besteht und keine moderne Krankenversorgung hat, ist in Deutschland nicht überlebensfähig. Die Charité beispielsweise wird zu zwei Dritteln von den Krankenkassen bezahlt und nicht vom Staat.

Was gehört unbedingt zusammen?

Die Fächer, die ich genannt habe, müssen am gleichen Ort angeboten werden, um Patientenleben zu retten. Für eine moderne Hochleistungsmedizin – wie wir sie vorhalten – ist diese Vernetzung unverzichtbar. Wir werden nur überleben, wenn wir sehr gute, vernetzte Klinikstrukturen entwickeln und praktisch alle Kernfächer vorhalten.

Fürchten Sie für die Zukunft die Konkurrenz der naturgemäß kostengünstigeren Städtischen Krankenhäuser?

Nein, da sind wir nicht unterlegen. Die Häuser haben die gleichen Probleme. Entscheidend ist die medizinische Qualität. Darin ist die Charité sehr gut und verzeichnet deshalb sogar einen Patientenzuwachs.

Sie sprachen vorhin selbstverständlich von drei Klinik-Standorten. Ist die Umwandlung des Virchow-Klinikums für Sie kein Thema?

Diese Schließung lehnen wir kategorisch ab. Darüber diskutieren wir auch nicht. Wenn das wieder zum Thema wird, würde das zu sehr ernsten Auseinandersetzungen führen.

Welche anderen Vorschläge der Kommission lehnen Sie völlig ab?

Die Vorgabe der Bettenzahl. Wenn man Betten abbaut, fallen auch Einnahmen weg. Der Betrieb wird damit unwirtschaftlich.

Haben Sie auch bei der Forschung Bedenken?

Die Sparauflagen bedeuten eine Schwächung der Forschung und damit Einnahmeausfälle für Berlin, also weniger Mitarbeiterstellen und Steuern, dafür mehr Arbeitslose, die die Stadt Geld kosten, und so weiter. Mit ihren Drittmitteln finanziert die Charité bisher 2100 Stellen. Wenn diesem leistungsfähigen Bereich Geld gestrichen wird, führt das letztlich zu einer Spirale nach unten: Seit zehn Jahren wird in Berlin gespart und jedes Jahr sind es weniger Steuern geworden. Es muss doch irgendwann jemandem auffallen, dass das problematisch ist.

Finanzsenator Sarrazins Ausspruch, Berlin nehme nicht zu wenig ein, sondern gebe zu viel aus, ist also falsch?

Partiell. Natürlich muss man die Ausgaben auf sinnvolle Weise reduzieren, aber so, dass man die Einnahmen dabei erhöht. Ein Beispiel: Wir hatten an der Charité ein Investitionsprojekt eines auswärtigen Pharmakonzerns, der am Virchow-Klinikum für 40 Millionen Mark investieren wollte. Jetzt ist offen, ob er das noch tut. Das wäre auch ein Einnahmeverlust für die Stadt, etwa durch die verlorenen Steuern der Handwerker, an Arbeitsplätzen in dem Forschungslabor etc. Ein weiteres Projekt kommt jetzt schon definitiv nicht mehr zustande. Es ist wichtig, dass nun schnell Klarheit geschaffen wird, um weiteren Schaden zu verhindern.

Das Interview führte Bärbel Schubert.

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