Gesundheit : Umstrittener Parasit

Obwohl weit verbreitet, hat die Krebstherapie mit Mistelextrakten bislang nicht überzeugen können

Till Hein

Miraculix schwört darauf. Der Druide im gallischen Dorf von Asterix und Obelix schneidet regelmäßig Misteln und kocht daraus einen Zaubertrank. Doch nicht nur Comic-Helden vertrauen auf diese Pflanze: „Rund 80 Prozent aller Tumorpatienten greifen auf komplementäre Therapieformen zurück, davon etwa 60 Prozent auf Mistelessenzen", sagt Josef Beuth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Onkologie. Allein in Deutschland werden rund 35 Millionen Euro pro Jahr dafür gezahlt, Tendenz steigend.

„Mistelpräparate sind eben alles andere als Hokuspokus“, betont Hans-Richard Heiligtag, stellvertretender Leiter der Lukas-Klinik für „anthroposophisch erweiterte Medizin“ in Arlesheim bei Basel. Bereits Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, war ein großer Verfechter dieser immergrünen Parasiten, die sich mit Vorliebe auf Eichen, Apfelbäumen, Ulmen und Nadelhölzern einnisten, erzählt Heiligtag. Die Mistel sei ein Heilmittel, „durch dessen Potenzierung man erreichen wird müssen das Ersetzen des Chirurgenmessers bei den Geschwulstbildungen“, postulierte Steiner vor rund 80 Jahren. Die operative Entfernung von Tumoren wurde zwar nicht überflüssig, aber längst empfehlen auch viele Mediziner, die mit der Anthroposophie nichts am Hut haben, ihren Patienten Mistelpräparate als Ergänzung zur Chemo-Immuntherapie und Bestrahlung.

Warum solche Präparate eigentlich wirken, kann allerdings niemand genau sagen. Manche Experten gehen davon aus, dass die Mistel in ihrer Gesamtheit große Heilkräfte besitzt. Andere wiederum erklären sich ihre Wirksamkeit gegen Krebs durch einzelne Inhaltsstoffe der Pflanze: Eine zentrale Bedeutung wird dabei den Lektinen und den Viscotoxinen zugeschrieben. Leicht giftigen Eiweißverbindungen, die im Verdauungstrakt problemlos abgebaut werden können.

Wichtigster Ansatzpunkt sei das Immunsystem. Besonders qualifizierte Fahnder seien die natürlichen Killerzellen. „Und genau die werden durch eine Misteltherapie angeregt“, so Heiligtag. Wie Experten des Vereins für Krebsforschung – ein interdisziplinäres Forschungsteam von Medizinern, Biologen, Chemikern und Immunologen in Deutschland und der Schweiz, dem auch die Lukas-Klink angeschlossen ist – festgestellt haben, erhöht sich nach einer Mistelextrakt-Spritze in der Regel sowohl die Anzahl der natürlichen Killerzellen im Blut als auch ihr Aktivierungsgrad. Wissenschaftliche Studien mit einer genügend großen Patientenzahl hat der Verein für Krebsforschung allerdings bisher keine publiziert, und eine klinische Wirksamkeit von Mistelpräparaten konnte man nicht beweisen.

Neue Forschungsresultate geben da Anlass zu großer Skepsis: Am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München hat eine Arbeitsgruppe um die Ärztin Miriam Katharina Steuer-Vogt und Klinik-Leiter Wolfgang Arnold die Wirkung des Mistelpräparats Eurixor über mehrere Jahre hinweg eingehend geprüft und die Resultate vor wenigen Monaten im Fachblatt „European Journal of Cancer“ publiziert: 477 Patienten waren im Hals- oder Kopf-Bereich Plattenepithelkarzinome entfernt worden.

Hoffnungen enttäuscht

Rund die Hälfte von ihnen erhielt anschließend neben der konventionellen Therapie regelmässig Eurixor gespritzt. Mit ernüchterndem Resultat: Im Vergleich zur Kontrollgruppe ließen sich weder eine Stärkung des Immunsystems noch ein Rückgang der Schmerzen oder eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung nachweisen. „Unsere Studie wurde vom Bundesforschungsministerium gefördert. Und zwar in der klaren Hoffnung, dass sich positive Effekte der Mistelinhaltsstoffe dokumentieren lassen“, erzählt Arnold. „Aufgrund von Nebenwirkungen wie Übelkeit und Temperaturanstieg muss man sogar von Nachteilen sprechen.“ Arnolds Fazit: „Für mein Fachgebiet, die Hals-Nasen-Ohrenmedizin, haben wir mit dieser Untersuchung bewiesen, dass Mistelbehandlungen bei Tumorerkrankungen überhaupt nichts bringen. Wer heute noch anderes behauptet, lügt die Patienten an.“

Ist die Krebsbehandlung mit Mistelsaft also nur Quacksalberei? „Das kann man so auf keinen Fall sagen“, betont Jürgen. J. Kuehn vom Verein für Krebsforschung in Arlesheim: „In der Münchner Studie wurde lediglich ein ganz bestimmtes Präparat getestet. Und das bei Tumorarten, die generell auf alle Therapiemethoden äußerst schwach ansprechen.“ Krebserkrankungen unterscheiden sich sehr stark von einander, sagt der Immunologie-Experte, und was im einen Fall hilft, kann im anderen völlig wirkungslos bleiben.

Der Onkologe Gerd Büschel aus Nürnberg gibt Kuehn in diesen Punkten Recht. Die Untersuchung aus München sei zwar „methodisch bisher die Überzeugendste“, sagt Büschel: „Ihre Resultate lassen sich aber nicht automatisch auf andere Tumorarten und Mistelpräparate übertragen.“ Büschel ist am Institut für Medizinische Onkologie des Klinikums Nürnberg tätig, in der von der Deutschen Krebshilfe geförderten Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie.

Neben seiner klinischen Arbeit verfolgt er die Mistel-Forschung seit Jahren: Die holländischen Epidemiologen Jos Kleijnen und Paul Knipschild haben 1994 eine erste Übersicht der elf wichtigsten, bis dahin veröffentlichten klinischen Studien zur Misteltherapie zusammengestellt, erzählt der Krebsexperte. „Und in zehn dieser Untersuchungen schneiden die mit Mistelpräparaten behandelten Patienten zumindest tendenziell besser ab, als diejenigen in den Kontrollgruppen“, sagt Büschel: „Die Autoren kommen aufgrund der enttäuschend schlechten Qualität fast aller dieser Studien zu Recht zu dem Fazit, dass sich verlässliche Schlussfolgerungen nicht ableiten lassen.“

Auch zwei weitere kontrollierte Untersuchungen zeichnen ein eher ernüchterndes Bild: In einer 1999 im „European Journal of Cancer“ veröffentlichten Studie zum malignen Melanom (Schwarzer Hautkrebs) von eine Arbeitsgruppe um den Hamburger Onkologie-Professor Ulrich R. Kleeberg für die Europäische Krebsgesellschaft angefertigt, erreichte man durch das Mistelpräparat Iscador keine bedeutsame Verlängerung der Lebenszeit gegenüber der Kontrollgruppe.Die Autoren raten ausdrücklich davon ab, Iscador zur Nachbehandlung beim malignen Melanom anzuwenden.

Weniger Nebenwirkungen

Zu einem etwas anderen Schluss kommt eine Studie an 176 Patienten mit Nierentumoren, die im vergangenen Jahr an der Abteilung für Urologie der Universitätsklinik Essen unter der Leitung von Oberarzt Gerd Lümmen abgeschlossen wurde. Die eine Hälfte der Patienten erhielt eine Chemo-Immuntherapie, die andere Hälfte Mistel-Lektin. Nach 19 Monaten hatten sich die Tumore unter der konventionellen Therapie um rund 25 Prozent zurückgebildet, bei der Mistelbehandlung dagegen lediglich um zwei Prozent. Interessanterweise überlebten die Patienten in der Mistel-Gruppe allerdings durchschnittlich acht Monate länger. „Die intensive Chemo-Immuntherapie war offensichtlich sehr nebenwirkungsreich. Sie hat möglicherweise mehr geschadet als genutzt", interpretiert Büschel das Resultat.

Positiv schnitten die Mistelessenzen vor wenigen Monaten einzig in einer Langzeitstudie von Ronald Grossarth-Maticek, Leiter des Instituts für präventive Medizin an der Universität für Frieden der UN in Heidelberg, ab. Er hat über Jahrzehnte hinweg rund 10 000 Krebspatienten beobachtet und bildete schließlich insgesamt 396 Zwillingspaare, bei denen sowohl die Art als auch das Stadium der Erkrankung und parallel angewandte Verfahren – wie Bestrahlung oder Chemotherapie – vergleichbar waren. Jeweils einer der Patienten aus den Zwillingspaaren erhielt zusätzlich Iscador, und die Überlebenszeit konnte auf diese Weise durchschnittlich um 39 Prozent gesteigert werden. Auch bei der „subjektiv empfundenen Lebensqualität“ zeigten sich in der Iscador-Gruppe deutlich bessere Resultate. Die Grossarth-Maticek-Studie, die unter anderem von der Deutschen Krebshilfe unterstützt wurde, wird aufgrund ihres ungewöhnlichen Forschungsdesigns allerdings von vielen Experten kritisch beurteilt.

Auf dem Deutschen Krebskongress kam Gerd Büschel daher zu einem äußerst unbefriedigenden Fazit für die Misteltherapie: „Die spezifische Wirksamkeit der kommerziell verfügbaren Mistelextrakte ist nach wissenschaftlichen Kriterien weiterhin für keine der von ihren Anbietern beanspruchten Indikationen ausreichend belegt.“ Trotzdem rät Büschel nicht generell von Misteltherapien ab: „Wenn sich Patienten innerlich bereits dazu entschieden haben, bestärke ich sie in diesem Entschluss. In Anbetracht der unsicheren Datenlage sollten solche Entscheidungen aber immer nur individuell und in enger Absprache mit den behandelnden Ärzten getroffen werden.“ Die Vorliebe der Deutschen für die Mistel habe in erster Linie historische Gründe und sei eng mit dem Wirken Rudolf Steiners verknüpft, vermutet Büschel: „Die Amerikaner etwa vertrauen bei der Krebsbehandlung lieber auf Haifischknorpel-Pulver.“

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