Gesundheit : UMTS-Lizenzen: 100 Milliarden Mark für ein Auslaufmodell?

Heiko Schwarzburger

Der neue "Harry Potter" ist ein ausgesprochener "Reibach": 44 Mark kostet der Band, bei einer Startauflage von einer Million macht das binnen weniger Tage 44 Millionen Mark Umsatz. Einen "Reibach" im Auge hatten auch die Chefs von Vodafone und Telekom, als sie sich zur Auktion um die Lizenzen für das Geschäft mit dem drahtlosen Zugang zum Internet (UMTS) versammelten. 100 Milliarden blätterten sie auf den Tisch des Finanzministers, doch von einem "Reibach" sind sie noch weit entfernt: "Um mit den neuen Lizenzen die erforderlichen Umsätze zu machen, müssten noch einmal rund 100 Milliarden Mark in Infrastruktur und Programmierung der UMTS-Dienste investiert werden", schätzt Heinrich Mayr, Präsident der Gesellschaft für Informatik.

Acht Kunden pro Kanal

In Europa und Fernost basieren die Netze auf dem Mobilfunkstandard GSM, der die menschliche Sprache in digitale Signale umwandelt und auf hohen Frequenzen überträgt. Dabei drängeln sich acht Telefonkunden pro Sekunde und Frequenzkanal, denn jeder erhält einen Zeitschlitz von rund 600 Millionstel Sekunden. Das Ohr nimmt dies nicht wahr: Ähnlich wie die einzelnen Bilder eines Kinofilms setzt das Gehirn die Gesprächsschnipsel wieder lückenlos zusammen. Allerdings ist die Übertragungsqualität von GSM-Handies sehr schlecht. Mehr als zehn Kilobit Daten pro Sekunde lassen sich kaum übertragen. Das schafften die Modems für Festnetze schon vor zehn Jahren.

Bei UMTS können 15 Teilnehmer gleichzeitig auf einer Welle telefonieren, die Basisstation fügt dem digitalisierten Signal für die Dauer des Gesprächs einen persönlichen Geheimcode zu, das so genannte Spreizsignal. Damit "fischt" die Technik die Information für jedes Handy aus dem Datenmeer, die zur Verfügung stehende Netto-Sendezeit wird viel länger als bei GSM. Mit Datenraten von bis zu 2,4 Megabit pro Sekunde können Songs im MP3-Format oder Videosequenzen, die mit MPEG 4 komprimiert wurden, aus dem Netz geladen werden.

Die UMTS-Netze sollen von 2002 an stehen, "aber nur in so genannten Pikozellen, das heißt, in einem Radius von weniger als 100 Metern um den Sender", schränkt Axel Schafmeister von Siemens ein. In größeren Gebieten, etwa in Stadtzentren, soll zunächst eine maximale Datenrate von 384 Kilobit / Sekunde ausreichen. Flächendeckende Netze werden nicht vor 2010 erwartet.

Filme auf dem T-Shirt

Schon heute arbeiten Nokia, Ericsson und Motorola an "Superhandies" mit Farbbildschirmen für hochauflösende Videos. Eine Tastatur oder eine Minimaus ermöglicht Eingaben, auch Touch Screens werden zum neuen Handy-Standard gehören. Einige Firmen haben bereits kleinste Videokameras und Projektoren entwickelt, um aus dem Netz geladene Filme wiedergeben zu können. "Wenn Sie in einem Zug sitzen, können Sie den Film auf das weiße T-Shirt Ihres Mitreisenden projizieren und sich ansehen", versprach Lars Bergendahl, Programmdirektor bei Ericsson, in der Oktober-Ausgabe des Wissenschaftsjournals Scientific American.

So ein Prototyp kostet 2,5 Millionen Dollar, doch Analysten warnen vor überzogenen Hoffnungen: "Die meisten Menschen werden unterwegs keine Videos brauchen", meint Lars Godell von der amerikanischen Beraterfirma Forrester Research. Er glaubt, dass die so genannten Smart Phones größere Chancen haben. Sie sehen heutigen Handies ähnlicher, ihre Datenfunktionen werden auf E-Mail, MP3-Musikkomprimate und einfachen Internetzugang beschränkt sein.

Auch von anderer Seite droht den Superphones heftige Konkurrenz: Kleincomputer für die Jackentasche sollen mit einer Telefoniefunktion ausgerüstet werden, Gameboys und Playstations erhalten einen Internetzugang. In ein bis zwei Jahren können sie die Spiele dann direkt aus dem Web laden. Der Walkman wird künftig MP3-Titel aus dem Internet laden, speichern und abspielen. Und Armbanduhren werden Sportergebnisse, E-Mails und Musik aus dem Internet laden können: Handy adé!

Sogar alte Hasen verlassen "das sinkende Schiff UMTS": Der Amerikaner Martin Cooper arbeitete in den frühen 70er Jahren als Entwickler für Motorola, er gilt als Erfinder des Handies. Heute bezweifelt er, dass UMTS-Handies tatsächlich zwei Megabit pro Sekunde übertragen können. Cooper arbeitet jetzt bei ArrayComm in Kalifornien an so genannten "Smart Antennen". Sie bieten ein Megabit pro Sekunde für bis zu 40 gleichzeitige Nutzer. Sein neues System basiert auf Signalprozessoren, die ursprünglich für die US Army entwickelt wurden, zur Spionage des Funkverkehrs im Äther.

Diese Prozessoren können ihren Funkstrahl über kleinste Antennen blitzschnell auf einen Handy-Nutzer ausrichten und ihm folgen. Dadurch sind hohe Datenraten denkbar, allerdings ist die Reichweite eingeschränkt. Bislang ist es auch noch nicht möglich, einem schnell fahrenden Fahrzeug zu folgen. Einen anderen Ansatz verfolgt Larry W. Fullerton, Chefentwickler bei Time Domain im US-Bundesstaat Alabama. Er setzt auf die UWB-Technologie (Ultrawideband). Herkömmliche Funkstationen haben eine Trägerwelle, auf die das Signal mittels Frequenzmodulation aufgetragen wird. UWB arbeitet mit gepulsten Signalen, jeder Puls dauert nicht länger als eine Billionstel Sekunde: Wie ein superschneller Morsecode enthält das Pulsmuster die zu übertragende Information. Die Pulse haben eine Frequenz zwischen einem und drei Gigahertz und sind sehr gut trennbar. "Wir können damit eine Gigabit pro Sekunde erreichen", prophezeit Fullertons Boss Ralph Petroff. Bislang hat die amerikanische Telekommunikationsbehörde FCC die neue Technologie nur für limitierte Versuche frei gegeben, erteilte aber im Mai die Erlaubnis für umfangreichere Tests.

Viel versprechend ist auch der Rückgriff auf eine Technik, die seit den 50er Jahren bekannt ist: das Mulitplexing. Dabei werden die Datenpakete in kleine Stücke aufgeteilt, simultan in verschiedenen Frequenzen übertragen und am Ende wieder zusammengesetzt. Bislang war dieses Verfahren für die drahtlose Datenübertragung zu anspruchsvoll, da die Prozessoren noch nicht schnell genug arbeiteten. Das könnte sich schnell ändern: Eine kanadische Firma namens Wi-LAN hält einige Patente für die neue Multiplex-Technik W-OFDM. Das System nutzt eine Bandbreite von rund zehn Megahertz im Bereich 900 Megahertz, 2,4 Gigahertz und fünf Gigahertz. Die Frequenz ist in zehn gleiche Bereiche mit einer Datenrate von je einem Megabit pro Sekunde aufgeteilt. In Tests hat Wi-LAN bereits 32 Megabit pro Sekunde erreicht. Die Techniker schafften es auch, ein Videoband in ein Auto zu übertragen, das mit 100 Kilometern pro Stunde an der Antenne vorüber fuhr. Das Ziel sind 155 Megabit pro Sekunde. Das System könnte 2003 einsatzbereit sein. Da diese Technik erhebliche Kosten in den Umbau der Infrastruktur erfordert, ist ihr Einsatz aber erst als übernächste Generation für Handies wahrscheinlich.

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